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Garnisonkirche als Hort der Rechten

Geschichte Potsdams Garnisonkirche als Hort der Rechten

Der protestantische Kirchenbau gilt den Kritikern als Symbol deutschnationaler Entgleisungen. Sie denken vor allem an den „Tag von Potsdam“ und den Handschlag von Hitler und Reichspräsident Hindenburg. Matthias Grünzigs Studie „Für Deutschtum und Vaterland“ zeigt nun, dass die Kirche schon viel früher Treffpunkt rechter Organisationen war. Aber es gibt Einwände.

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So soll nach dem Willen der Stiftung Garnisonkirche zumindest der Turm des umstrittenen Gebäudes wieder aussehen.

Quelle: Mitteschön

Potsdam. Natürlich tun sich in der anschließenden Diskussion die alten Fronten auf: Den meisten Besuchern der Buchvorstellung am Mittwochabend in der Landeszentrale für politische Bildung flößt schon die bloße Vorstellung eines Wiederaufbaus der Garnisonkirche Grausen ein, ein paar wollen wenigstens eine differenzierte Sicht auf den Bau, der ja nichts für das könne, was zwischen 1900 und 1945 in ihm und um ihn herum geschah. Doch es gab auch noch eine neue, überraschende Front bei der Debatte um Matthias Grünzigs neues Sachbuch „Für Deutschtum und Vaterland“: Etablierte Geschichtswissenschaft gegen, so wörtlich, einen „Hobbyhistoriker“. Der als Diskussionspartner des freien Journalisten und Autors Grünzig eingeladene Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung (ZZF), Martin Sabrow, machte kein Hehl daraus, dass er Grünzigs Studie über „Die Potsdamer Garnisonkirche im 20. Jahrhundert“ methodisch fragwürdig findet.

Deutschnationale Umtriebe

Dabei wollte nicht einmal Sabrow abstreiten, dass Grünzig akribisch und fleißig alles Material, dessen er in Archiven habhaft geworden war, zusammengestellt und ausgewertet hat. Das Ergebnis des Autors: Schon sehr lange vor dem „Tag von Potsdam“ am 21. März 1933 war die Potsdamer Garnisonkirche ein Hort deutschnationaler demokratiefeindlicher Umtriebe. Gefühlt unendlich die Liste, die Grünzig in seiner Kurzzusammenfassung des Buches vorliest. Von der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) über den paramilitärischen „Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten“, dem Bund Königin Luise (BKL) monarchistisch gesinnter Frauen bis hin zu nationalistischen Studentenbünden ging in der Garnisonkirche zu verschiedenen Treffen und Veranstaltungen alles ein und aus, was die erste deutsche Demokratie gründlich hasste.

Bundespräsident ist Schirmherr

Die Hof- und Garnisonkirche zu Potsdam wurde vom preußischen Architekten Philipp Gerlach schon 1735 fertiggestellt. Der nach dem Zweiten Weltkrieg übrig gebliebene Turm wurde im Juni 1968 auf SED-Beschluss gesprengt.

Im Januar 2004 unterzeichneten 100 Interessenten einen „Ruf aus Potsdam“ für den Wiederaufbau der Kirche.

Zu den Befürwortern gehörte auch der für rechtsextreme Umtriebe bekannte Oberstleutnant a. D. Max Klaar. Klaar gehört aber nicht mehr zur Stiftung Garnisonkirche, die sich jetzt des Wiederaufbaus angenommen hat.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat Ende Juni die Schirmherrschaft für das Projekt übernommen. Steinmeier hofft, dass mit dem Turm „ein Lernort der deutschen Geschichte entsteht, an dem viele Menschen Lehren aus einer wechselvollen Geschichte ziehen können“.

Die Stiftung Garnisonkirche Potsdam kündigte den Baubeginn für den Turm für Oktober 2017 an. Die ursprünglich von der Stiftung veranschlagten Baukosten von 38 Millionen Euro hat sie jüngst auf 45,5 Millionen Euro nach oben korrigiert.

Ein Ende Juni vorgestellter Spendenkatalog präsentiert Bauteile, für die Interessenten des Wiederaufbaus stiften können. Die Stiftung bittet auch um Spenden mittels Paypal.

80 Veranstaltungen mit politischem Hintergrund hat Grünzig gezählt, durch die Bank rechtsgerichtet. „Dagegen gab es keine einzige Veranstaltung einer demokratischen Partei“, sagt Grünzig. Sogar die Pfarrer waren nicht besser. Curt Koblanck, der 1925 sein Amt in der Garnisonkirche angetreten hatte, wechselte freundschaftliche Briefe mit dem Stahlhelm und sogar mit der SS. Auch den Gruß „Heil Hitler“ kann man schon mal in den im Pfarrarchiv aufgefundenen Briefen lesen. Grünzigs Fazit: „Die Potsdamer Garnisonkirche war keine unpolitische Kirche, sondern eng mit dem deutschen Rechtsextremismus verbunden.“ Grünzig hält sich viel darauf zugute, dass er in seinem im Berliner Metropol-Verlag erschienenen Buch erstmals Sachverhalte präsentiere, „die wenig erforscht“ seien.

Historiker stellen andere Fragen

Schon letzteren Punkt zweifelt der Professor für Neueste Geschichte und Zeitgeschichte an der Humboldt-Universität (HU) zu Berlin, Martin Sabrow, an. Sehr wohl beschäftigten sich Historiker seit den 70er-Jahren mit der Garnisonkirche und ihrem Umfeld. Grünzig habe einfach bestimmte Literatur nicht zur Kenntnis genommen. Sabrows Hauptvorwurf an das Buch lautet aber: Grünzig projiziere den politischen Begriff des Rechtsextremismus unreflektiert auf eine vergangene Epoche und bewerte sie nach den moralischen Maßstäben von heute. „Wir stellen andere Fragen“, belehrte Sabrow. Zum Beispiel interessiere heutige Forscher, warum die Zeit zwischen 1900 und 1945 so „bellizistisch“, also kriegslüstern ausgerichtet gewesen sei. Denn genau betrachtet war nicht nur die Garnisonkirche „rechts“, ganz Potsdam hätte zur damaligen Zeit in Grünzigs Schemata gepasst. Eine Erklärung der Historiker dafür: Das Gefühl, dass der Liberalismus abgewirtschaftet habe und die allgemeine Unzufriedenheit in der Zeit.

Sabrow sieht Ungenauigkeiten

Historische Ungenauigkeiten macht Sabrow zum Beispiel am Selbstverständnis der Nationalsozialisten und ihrer Strategie fest. Für Grünzig zähle nur, dass alle Bewegungen, die er aufzähle, „rechts“ seien. Dabei hätten sich zum Beispiel Organisationen wie eben die Deutschnationale Volkspartei als elitäre Bewegungen verstanden, die eine Konterrevolution von oben anstiften wollten. Hitler jedoch habe die NSDAP ausdrücklich als moderne „Bewegung“ positioniert, die sich auf die Macht der Massen stützen müsse und nicht elitär sein dürfe.

Für das anwesende Publikum in der Landeszentrale für Politische Bildung sind solche Einlassungen eher Haarspaltereien. Das sieht sich vielmehr durch Grünzig in seiner Ablehnung des Wiederaufbaus der Kirche bestätigt. Michael Brix vom Aktionsbündnis Friedenskoordination Potsdam „gegen Militarismus, Nationalismus, Rassismus und Krieg“ bedankt sich ausdrücklich beim Autor. „Einen Ort der Schande baut man nicht wieder auf“, sagt Brix. Er fürchtet, dass eine wiedererrichtete Garnisonkirche erneut missbraucht würde.

Grünzig selbst betont, das Buch sei keineswegs als Beitrag zur Diskussion um den Wiederaufbau der Kirche gedacht. Ganz richtig ist das aber nicht. Das Sachbuch beginnt ausdrücklich mit dem Hinweis, dass der Wiederaufbau der Garnisonkirche derzeit eines der umstrittensten Bauprojekte in ganz Deutschland sei. Grünzig möchte aber nicht auf die MAZ-Frage antworten, was er bei einem Wiederaufbau der Kirche denn konkret fürchte. Da ist Martin Sabrow unbefangener. Der ZZF-Direktor schließt zwar sogar negative Schlagzeilen im Ausland nicht kategorisch aus, hält aber die gegenwärtige deutsche Demokratie für gefestigt genug, um mögliche Missverständnisse auszuräumen. Als einen „Ort der Debatte“ könne er sich eine neue Garnisonkirche durchaus vorstellen.

Eine Freundin des Wiederaufbaus des Turmes ist sowieso die Chefin der Landeszentrale und Leiterin der Diskussion, Martina Weyrauch. „Weil es ein klares Bildungskonzept gibt“, sagt sie der MAZ. Der Zweck des wiedererrichteten Kirchturms wäre heute ein ganz anderer als damals. Als sie jedoch am Ende der Debatte optimistisch verkündet, dieses Jahr beginne ganz bestimmt der Aufbau, erntet sie von einer Besucherin nur höhnisches Schnauben und ein schnelles Davoneilen.

Matthias Grünzig: Für Deutschtum und Vaterland – Die Potsdamer Garnisonkirche im 20. Jahrhundert, Metropol Verlag 2017, 383 Seiten, 24 Euro

Von Rüdiger Braun

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