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Gefährliche Spiele in Finow

Flugplatz bei Eberswalde stand im Brennpunkt des Kalten Krieges Gefährliche Spiele in Finow

1982 wurde eine Staffel des 787. Jagdfliegerregiments in Finow mit MiG-25 ausgerüstet – mit der speziellen Aufgabe, der lästigen „Blackbird“ aus Amerika entgegenzutreten. Damit stand ein eher beschaulicher Flugplatz bei Eberswalde im Brennpunkt des Kalten Krieges. Die Welt trennte damals 20 Sekunden von einem heißen Krieg.

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Russische Abfangjäger vom Typ MiG-25 waren auch in Brandenburg stationiert.

Quelle: Privat

Finowfurt. Die Spione aus dem Westen kamen in der Regel alle zwei Tage. Morgens gegen 8 Uhr hoben sie mit lautem Getöse im südenglischen Mildenhall ab und spätestens, wenn sie dann über der Nordsee in die Reichweite des sowjetischen Radars gerieten, schrillten auf dem Flugplatz in Finow (Barnim) die Alarmsignale. „Jastreb“ (übersetzt: „Habicht“) hieß das Codewort und die diensthabenden Besatzungen ließen alles stehen und liegen und rannten zu ihren Maschinen. „Dann musste alles schnell, schnell gehen“, berichtet Klaus-Peter Kobbe, Chef des Luftfahrtmuseums Finowfurt. Die Amerikaner waren wieder da!

Die Amerikaner – das waren sehr hoch und sehr schnell fliegende Aufklärungsflugzeuge des Typs Lockheed SR-71. In den 1980er Jahren, mitten im Kalten Krieg, rasten die geheimnisumwitterten schwarzen Maschinen der U.S. Air Force regelmäßig an der Staatsgrenze der DDR entlang und versuchten, aus 25 Kilometern Höhe den Gegner auszuspähen. Noch heute gilt die „Blackbird“ (deutsch: „Amsel“), wie sie offiziell hieß, mit einer Höchstgeschwindigkeit von mehr als 3500 Stundenkilometern als schnellstes Flugzeug der Welt. Die Piloten selbst nannten den heißen Stuhl, mit dem sie durch die Stratosphäre glühten, lieber „Habu“ – nach einer japanischen Giftschlange.

Kampfpilot Alexander I. Cholod in seiner MiG-25 in Finow.

Quelle: Privat

Wenn „Habu“ im englischen Mildenhall ihre Triebwerke anwarf, geriet die Luftaufklärung der Nationalen Volksarmee (NVA) in große Aufregung. Das sowjetische Oberkommando in Moskau hatte seinerseits beschlossen, dem gefährlichen Feind etwas beinahe Gleichwertiges entgegenzustellen: die MiG-25. Das war nicht irgendeine MiG, sondern die schnellste, die bis dahin gebaut worden war. Sie flog offiziell 3000 Kilometer in der Stunde, inoffiziell noch etwas mehr, und erreichte immerhin 20 Kilometer Höhe. Im Gegensatz zum amerikanischen Aufklärer war sie bewaffnet – mit vier gelenkten Luft-Luft-Raketen des Typs R-40R oder R-40T.

Im Jahr 1982 wurde eine Staffel des 787. Jagdfliegerregiments in Finow mit solchen MiG-25 ausgerüstet – mit der speziellen Aufgabe, der lästigen „Blackbird“ entgegenzutreten. Damit begann ein gefährliches Spiel und der bisher eher beschauliche Flugplatz bei Eberswalde im heutigen Brandenburg, so Museumschef Klaus-Peter Kobbe, „stand plötzlich im Brennpunkt des Kalten Krieges. Auf einmal gaben sich hier die Generäle die Klinke in die Hand.“

Alexander Iwanowitsch Cholod war einer der russischen Piloten, die damals in Finow ihren Dienst versahen. „Wir waren immer auf einen Konflikt vorbereitet“, berichtet er. Glücklicherweise stellte sich schnell eine gewisse Routine ein. War sie erst einmal über Schleswig-Holstein aufgetaucht, flog die SR-71 entweder über die Ostsee weiter in Richtung Leningrad (Route Nr. 2) oder sie nahm die deutsch-deutsche Grenze ins Visier (Route Nr. 5). Cholod: „Die Nato-Flieger zogen ruhig ihre Bahnen. Wir haben sogar deren Flugzeiten studiert. Da sie im August Urlaub hatten, gab es zu dieser Zeit nur wenig Flüge.“

Trotzdem ließen sich gefährliche Zwischenfälle nicht vermeiden. Wie aus einem soeben veröffentlichten Buch von A. F. Agarew, K.-P. Kobbe, R. Großer und I. W. Sisowa hervorgeht, hatte die sowjetische Bodenleitstelle die extrem hohe Geschwindigkeit einer MiG einmal falsch eingeschätzt – immerhin legte sie in der Minute 50 Kilometer zurück – und der Pilot kriegte die Kurve erst über dem dänischen Kopenhagen. Ein anderer flog aus Versehen direkt auf den US-Aufklärer zu und geriet auf das Territorium der Bundesrepublik. In solchen Fällen setzte es dann diplomatische Protestnoten. Aber auch die Amerikaner schnitten auf ihrem rasanten Flug hin und wieder notgedrungen ein Stück DDR-Grenze ab.

Burghard Keuthe hat beim Flugabwehrraketenregiment 13 der NVA in Parchim (Mecklenburg-Vorpommern) zahlreiche solche „Blackbird“-Flüge persönlich miterlebt. „Die kam immer aus Richtung 330 Grad, aus Nordwest“, sagt er. „Sie flog uns direkt an und im Raum Kiel entschied sich, auf welche Strecke sie einbog, nach Leningrad oder nach Süden.“ Er hatte auch die russischen MiGs auf seinem Schirm und weist Behauptungen zurück, diese hätten die SR-71 aus technischen Gründen gar nicht abfangen können: „Wir haben ja mit eigenen Augen gesehen, wie die da ranflogen!“

Armin Schulz, damals Jägerleitoffizier in Kolkwitz bei Cottbus, erinnert sich an eine wirklich brenzlige Situation. Üblicherweise flogen die Jets direkt auf Thüringen zu, um dann in einer großen Linkskurve abzudrehen. Dieser eine Pilot aber behielt seinen Kurs eisern bei. Schulz: „Junge, dachte ich, mach die Kurve! Zehn Sekunden, 20 Sekunden – und das mit 3500 Stundenkilometern! Der kratzt die Grenze an!“ Schließlich sah er keine Alternative, als eine Raketenstellung feuerbereit zu machen. 20 Sekunden hätten sie jetzt noch bis zum Start gebraucht. Genau diese 20 Sekunden war die Welt noch von einer möglichen kriegerischen Auseinandersetzung entfernt. In diesem Moment bog der Amerikaner ab.

Von den 32 insgesamt gebauten SR-71 stürzten zwölf ab, abgeschossen wurde jedoch keine einzige. Ende 1989 startete die letzte Maschine aus England, 1998 wurde das gesamte Programm eingestellt und durch Satellitenaufklärung ersetzt. Einige Maschinen stehen heute in Museen. Die russischen Streitkräfte hatte ihre MiG-25 ebenfalls 1989 aus Finow abgezogen, wegen der hohen Betriebskosten wurden die meisten inzwischen ausgemustert.

„Wer sich fürchtet, kann nicht fliegen“

Alexander Iwanowitsch Cholod diente von 1981 bis 1987 als Pilot in Finowfurt. Heute lebt der Oberstleutnant a.D. im russischen Rjasan und ist Rentner.

MAZ : Was ist es für ein Gefühl, mit einer MiG-25 zu fliegen?
Alexander I. Cholod : Die Geschwindigkeit spürt man nur beim Start. Die Erde rennt unten vorbei. Wenn man ein paar Kilometer hoch ist, ist sie schon weit weg. Dann sind unter einem nur noch die Wolken. Und nur die Geräte zeigen an, wie schnell man ist.

Hat es Ihnen Spaß gemacht?
Cholod : Es ist ein erhebendes Gefühl, so eine gewaltige Maschine zu lenken. Wenn man sie von der Seite sieht, denkt man: Da ist so ein riesiges Heck hinten dran. Und da vorne sitze ich!

Hatten Sie auch mal Angst?
Cholod : Wer sich fürchtet, kann nicht fliegen.

Konnten Sie Ihren amerikanischen Gegner in der Luft sehen?
Cholod : Nein, ich konnte den amerikanischen Piloten nicht in die Augen gucken. Dazu waren wir zu weit entfernt. Wir flogen in etwa zehn Kilometer Entfernung, ungefähr parallel. Da sieht man nur einen Punkt. Einen kleinen Punkt, der sich ziemlich schnell bewegt. Über neutralem Gelände der Ostsee etwa, kam man näher ran, aber nicht über der DDR, da war die Grenze dazwischen.

Wie lief so ein Alarm ab?
Cholod : Das Codewort lautete„Jastreb“, „Habicht“, und kam vom Führungspunkt. Dann gab es zwei Alternativen: Entweder der Pilot musste nur das Flugzeug besetzen und abwarten. Das war der Fall, wenn die SR-71 nach Norden flog. Oder auf der Leucht anzeige leuchtete das Kommando „Wosduch“ auf, das hieß: „Luft“. Dann ist die Besatzung sofort losgeflogen. So ein Flug dauerte in der Regel 40 Minuten.

Hatten Sie damals in Finow Kontakt zur deutschen Bevölkerung?
Cholod : Es gab offizielle Freundschaftstreffen. Aber wir sind auch heimlich nach Berlin gefahren. Da war ein großes Schwimmbad.

Ist die MiG-25 aus Ihrer Sicht ein gutes Flugzeug?
Cholod : Sie ist sehr zuverlässig. Sie wurde extra für den Flug in großen Höhen entworfen, für 20 Kilometer Höhe und 2500 Stundenkilometer. Sie fliegt sehr sicher, sehr ruhig, stabil. Wie ein Panzer. Nur das Landen war wegen der großen Geschwindigkeit etwas schwierig. Aber ich bin immer wieder zurückgekommen.

Von Klaus Stark

A. F. Agarew, K.-P. Kobbe, R. Großer, I. W. Sisowa: An der Verteidigungslinie – Das Schicksal eines Menschen im Kontext des Kalten Krieges. Rjasan (Russland), 2013.  20 Euro

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