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Brandenburg Gegen die Angst, dass die Situation kippt
Brandenburg Gegen die Angst, dass die Situation kippt
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00:21 02.12.2015
Auf dem Podium: Ingo Schulze, Susan Neiman, Harald Welzer. Quelle: GÖRAN GNAUDSCHUN
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Potsdam

Die etwa 100 im Kreis aufgestellten Stühle in der Reithalle des Potsdamer Hans-Otto-Theaters sind fast alle besetzt. Hinten stehen noch ein paar Leute. „Kommen Sie nach vorn, in der ersten Reihe sind noch Plätze frei. Es gibt eh keinen Vortrag, sie müssen mitmachen!“, ruft Harald Welzer. Der Sozialpsychologe trägt einen bunt gestreiften Schal, locker vor dem Hals verknotet. Einige Leute sind seinetwegen gekommen. Mit Büchern wie „Selbst denken. Eine Anleitung zum Widerstand“ hat sich der Gründungsdirektor der Stiftung „Futurzwei“ im alternativen Milieu einen Namen gemacht.

Es ist der Auftakt einer Veranstaltungsreihe, die in vielen Theatern der Republik in Variationen durchgeführt werden soll. Eine große Werbeagentur hat ein Logo spendiert – in einem schwarzen Fragezeichen steht in rot-gelben Lettern: „Welches Land wollen wir sein?“ Doch das ist nicht ganz so offen gemeint, wie es klingt. Die nächste Veranstaltung in Potsdam am 18. Januar steht unter der Überschrift „Warum sind die Flüchtlinge gut für unsere Land?“

Die drei Impulsgeber

Ingo Schulze wurde 1962 in Dresden geboren. Er schreibt Prosa und Essays. Der Roman „Simple Storys“ wurde in mehr als 30 Sprachen übersetzt.

Susan Neiman kam 1955 in Atlanta (USA) in einer jüdischen Familie zur Welt. Zuletzt publizierte die Philosophin „Warum erwachsen werden?“

Harald Welzer, Jahrgang 1958, stammt aus Hannover. Als Sozialpsychologe und Autor ist er ein viel gefragter Experte. Er gründete in Potsdam die Gemeinnützige Stiftung „Futurzwei“.

Am Freitag erklärten sich zwei linksliberale Intellektuelle ohne Honorar bereit, ein zehnminütiges Impulsreferat zu halten. Susan Neiman, Direktorin des Potsdamer Einstein-Forums, irritiert die Runde mit einem Sperrfeuer aus dem Elfenbeinturm: „Ich will nicht, dass Deutschland eine noch tolerantere Gesellschaft wird“, sagte sie. Toleranz sei für sie kein positiver Begriff. Wenn sie als amerikanische Jüdin toleriert würde, dann doch nur, weil die Leute resigniert seien und nichts gegen Minderheiten unternehmen könnten. Wohl fühle sie sich dagegen in ihrem Kiez in Berlin-Neukölln, wo sich Versprengte aus allen Kulturen gegenseitig anerkennen würden. Probleme wie etwa den hohen Verschmutzungsgrad in den Straßen Neuköllns schnitt sie nicht an.

Der Schriftsteller Ingo Schulze fragte: „Wieso kommen diese Menschen erst jetzt zu uns? Warum sind wir so unvorbereitet?“ Er stellt die eingetretene Situation als Folge der Außenpolitik der USA und Europas dar. Deshalb sei Flüchtlingshilfe nicht nur ein Gebot der Humanität, sondern auch der Mitverantwortung. „Wer aber hierzulande gerade so über die Runden kommt, für den muss es wie Hohn klingen, wenn Deutschland als reiches Land bezeichnet wird“, so Schulze.

Nun war das Publikum aufgefordert zu reden. Es ließ keine peinlichen Pausen aufkommen. Etwa 15 Menschen meldeten sich zu Wort, unter ihnen keine AfD-Parteigänger und keine Flüchtlinge. Einige berichteten von „Unbehagen“. Die meisten aber erwiesen sich als in der Flüchtlingsarbeit engagierte Menschen. Nicht zuletzt auch Alexander Carius, Mitinitiator der Veranstaltung. Der Politikwissenschaftler konstatierte, das 60 Prozent der Deutschen ein Land wollten, das sich als Zufluchtsort verstehe. Es sei nun wichtig, die Deutungshoheit für das, was passiere, nicht den „15 000 Idioten von Pegida zu überlassen oder Markus Söder von der CSU“. Auch Harald Welzer forderte dazu auf, nicht paranoid der Angst Raum zu geben, die Situation könne kippen. „Das ist das Land, in dem ich leben will, nicht Ungarn“, freute sich Welzer. Was passiert sei, sei zwar „unerwartbar“ gewesen, aber eine „Sternstunde der Demokratie“. Dank der Hilfsbereitschaft vieler Menschen sei der Politik die Richtung vorgegeben.

Einige Diskutanten fühlten sich an die Stimmung 1989 erinnert. Eine Dame leitete die Willkommenkultur direkt aus der guten Erfahrung vor 25 Jahren her. „Vielen war damals die andere Seite fremd, aber das Zusammenwachsen mit dem Fremden hat viel Gutes gebracht“, meinte sie. Ein Potsdamer Lokalpolitiker erinnerte daraufhin an die vielen Zerwürfnisse im Prozess der deutschen Einigung und fragte erschrocken: Was ist zu tun, dass es nicht wieder „zu einem fürchterlichen Kater“ kommt? Nach der Erstversorgung, hieß es weiter, ginge es nun um eine „Zweitversorgung“. Und hier wurden einige Defizite ausgemacht. So könne derzeit kein Unternehmer in die Ausbildung der Flüchtlinge investieren, solange ihr Bleiberecht ungeklärt sei.

Von Karim Saab

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