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Brandenburg Geiselnahme in ICE hatte politische Motive
Brandenburg Geiselnahme in ICE hatte politische Motive
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14:25 16.06.2015
Der Prozess gegen den ICE-Geiselnehmer begann am Montag im Landgericht Potsdam. Quelle: Julian Stähle
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Potsdam

Das Haar zum Männerdutt gebunden und den Kotlettenbart sorgsam zurechtgestutzt, gibt Benjamin S. im Gerichtssaal ein aufgeräumtes Bild ab. Sein Äußeres ist gewählt, sein Ton gefasst, selbst das Blitzlicht scheint ihn nicht weiter zu stören.

Nein, einen psychisch Verwirrten stellt man sich anders vor, nicht so wie den 24-Jährigen aus Baden-Württemberg, dem Ärzte schon mal eine paranoide Schizophrenie attestiert haben. Diagnose: Ich-Störungen, Wahnvorstellungen, geringe Frustrationstoleranz. Seit Montag muss er sich vor dem Potsdamer Landgericht wegen erpresserischen Menschenraubs verantworten – und womöglich kommt im Laufe des Verfahrens ein weiterer Vorwurf hinzu, der ihn in die Nähe eines Terroristen rücken würde: nämlich der einer Straftat gegen Verfassungsorgane.

Aber der Reihe nach: Berlin Hauptbahnhof, 21. November 2014. Benjamin S. steigt in einen ICE Richtung Hamburg, bei sich hat er eine Makarov, Kaliber neun Millimeter. Nach Abfahrt bedroht er Zugpersonal und Fahrgäste mit der täuschend echt wirkenden Schreckschusspistole, um sich Respekt zu verschaffen, zielt er auf einen Sitz und drückt ab. Der Zugführer muss einen Brief mit abenteuerlichen Forderungen an die Leitstelle durchgeben – die Adressaten sind Bundespräsident Joachim Gauck, Kanzlerin Angela Merkel und Außenminister Frank-Walter Steinmeier.

Die ranghohen Vertreter der Bundesrepublik sollen, fordert S. in seinem Schreiben, schnellstmöglich eine öffentliche Erklärung abgeben, in der sie es verurteilen, dass Großbritannien, Schweden und Spanien kurz zuvor Palästina als selbstständigen Staat anerkannt haben. Dazu verlangt er eine halbe Million Euro. Die deutsche Politik müsse sich „gegen die Palästinenser und hinter die Juden und Israel stellen. Alles andere wäre reinster Wahnsinn. Ich sage nur: sechs Millionen Juden.“

Die Anspielung auf den Holocaust lässt den Vorsitzenden Richter Jörg Tiemann aufhorchen. Unablässig fragt und insistiert er. Welche waren die politischen Motive? Wie genau sollte dieser erpresserische Handel abgewickelt werden? Ist Benjamin S. ein gewissenloser Terrorist? „Sie machen auf mich nicht den Eindruck“, sagt Tiemann. Seine Erklärungen seien nicht stimmig.

Da geht es längst nicht mehr um die Frage, ob Benjamin S. der Täter ist oder nicht. Gleich zu Beginn, nachdem die Staatsanwaltschaft die Anklageschrift verlesen hat, sagt er unumwunden: „Das stimmt so, wie es da steht.“ Bereitwillig gibt er Auskunft über seine Person und sein Leben: dass er, als jüngstes von sechs Geschwistern, daheim in einem baden-württembergischen Städtchen von 15 000 Einwohnern in einem sehr christlichen Elternhaus aufwuchs; dass er in der Schule gemobbt wurde, dass er zweimal die Ausbildung abbrach; dass er wegen eines Überfalls auf eine Sparkasse in Untersuchungshaft saß.

Seine Krankenakte erzählt aus einem Leben, das von Klein auf von psychischen Problemen getrübt ist. Einmal brach Benjamin S. beim eigenen Kindergeburtstag zusammen, da war er gerade vier, fünf Jahre: „Ich saß unterm Tisch und habe geweint, weil es mir zu viel war.“ Je älter er wird, desto öfter wechseln seine Wohnorte. Mit 16 zieht er von zu Hause aus, betreutes Wohnen, dann wieder zurück zu den Eltern, schließlich strandet er in einer Wohngruppe für psychisch Kranke.

Doch trotz dieser Vorgeschichte will Benjamin S. nicht die Rolle des Verrückten spielen. Er geht nicht über die Brücken, die ihm die Richter um Tiemann und der medizinische Sachverständige (der den Angeklagten für schuldfähig hält) bauen. „Ich wusste von Anfang an, was auf mich zukommt. Es war eine Herzensangelegenheit“, sagt Benjamin S. über die Tat und begründet das mit seinem Glauben. Das palästinensische Hamas-Regime sei unmenschlich – darauf habe er aufmerksam machen wollen. Das erhoffte Pressestatement erreichte er nicht. Bei Nauen (Havelland) überwältigten ihn Fahrgäste, die er als Geiseln genommen hatte.

In Richter Tiemann müssen am ersten Verhandlungstag jedenfalls die Zweifel gewachsen sein. Die Kammer will nun prüfen, ob das Oberlandesgericht für den Fall zuständig ist – wegen „Nötigung von Verfassungsorganen“. Der Prozess wird am 29. Juni fortgesetzt.

Von Bastian Pauly

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