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Geltow: Stilles Gedenken im „Wald der Erinnerung“

Kein Platz für Heldenverehrung Geltow: Stilles Gedenken im „Wald der Erinnerung“

Kann man toter Soldaten gedenken, ohne in Heldenverehrung abzugleiten? In Geltow versucht die Bundeswehr das seit genau zwei Jahren. Der öffentliche Zuspruch ist überwältigend – ein Besuch an einem bedrückenden Ort.

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Quelle: dpa-Zentralbild

Geltow. Ausgerechnet einer Sicherheitsbesprechung zwischen Deutschen und Afghanen gilt der Sprengsatz, der am 28. Mai 2011 im Dienstgebäude des Gouverneurs der Provinz Takhar detoniert. Der Deutsche General Markus Kneip, der zur Beratung mit örtlichen Polizeichefs angereist ist, wird zu Boden gerissen. Er überlebt verletzt, zwei afghanische Befehlshaber sterben, der Provinzgouverneur wird verwundet. Wer nicht mehr aufsteht in der verwüsteten Halle des Regierungssitzes, sind zwei deutsche Begleiter des Generals, darunter der Personenschutzführer. Die Toten von Taloqan sind zwei von 35 Bundeswehrangehörigen, die im Afghanistaneinsatz bislang gefallen sind.

Einzigartig in Deutschland

Simone Uetz hat den Kragen ihres schwarzen Daunenmantels gegen die Kälte hochgeschlagen, stapft über den mit buntem Eichenlaub bedeckten Waldboden auf dem Gelände der Henning-von-Tresckow-Kaserne in Geltow (Potsdam-Mittelmark).

Besucher Simone Uetz  und Matthias Baumann

Besucher Simone Uetz und Matthias Baumann.

Quelle: MAZ

Die Allgäuerin wischt sich eine Träne unter der Brille weg. Der tote Chef-Bodyguard des Generals war ein Freund der Familie. „Mein Mann wäre eigentlich vor Ort gewesen“, sagt die Offiziersfrau. Es kam etwas dazwischen. Uetz’ Ehemann musste später bei der Überführung des Toten Freundes helfen. „Es hat mich lange beschäftigt“, sagt Uetz.

Ein Holzkreuz in einem Ehrenhain

Ein Holzkreuz in einem Ehrenhain

Quelle: Ralf Hirschberger


Seit genau zwei Jahren gibt es in Geltow diesen in Deutschland einzigartigen Ort, – „Wald der Erinnerung“ genannt, damit Heldengedenken und andere kontaminierte Begriffe gar nicht erst in Umlauf kommen. Wer durch das Wäldchen zwischen Kasernengebäude und Bahnstrecke streift, schaut Deutschland dabei zu, wie es mit seinem neuen sicherheitspolitischen Selbstverständnis ringt.

106 Bundeswehrsoldaten sind bislang bei Auslandseinsätzen ums Leben gekommen, 55 allein am Hindukusch. Der erste Gefallene – der Begriff hielt erst 2008 mit Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) wieder Eingang in den offiziellen Wortschatz – war ein Feldwebel, der am 14. Oktober 1993 auf offener Straße in Pnom Penh erschossen wurde.

Ehrenhaine aus aller Welt

Kern der Anlage sind die aus den Einsatzorten in aller Welt an den Geltower Sitz des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr verschifften und wiederaufgebauten Ehrenhaine. Vieles wirkt beklemmend, etwa der Splitterschutzwall aus einem Beobachtungsposten, wo am 18. Februar 2011 ein afghanischer Soldat drei Bundeswehrangehörige erschoss. Drei Antriebszahnkränze des Schützenpanzers Marder sind unter ein eisernes Kreuz montiert: An einem solchen Fahrzeug hantierten die Opfer, als der Attentäter auf sie anlegte.

Gedenken an die Kameraden

Gedenken an die Kameraden.

Quelle: dpa

Ob im Gefecht getötet, beim Autounfall ums Leben gekommen, bei einer Schießübung tödlich verletzt oder einem Herzstillstand im Feldlager erlegen – für alle im Einsatz gestorbenen Soldaten hat man schlichte Namensplaketten an steinernen Stelen zugedacht.

Großes Interesse

Das öffentliche Interesse an der Anlage zwischen Kasernengebäude und Bahnstrecke übersteigt alle Erwartungen. „Wir hatten mit 3000 Besuchern pro Jahr gerechnet, doch binnen zwei Jahren sind knapp 23 000 gekommen“, sagt Oberstleutnant a. D. Günter Loss, Projektbeauftragter für die Gedenkstätte. So stockt die Bundeswehr jetzt die Stellen für hauptamtliche Betreuer von acht auf zwölf auf. Ob im Vergleich mit dem Marinedenkmal Laboe oder dem Berliner Bendler-Block – nur in Geltow gibt es hauptberufliche Verantwortliche. In der Sammeldose am Ausgang sind 5000 Euro zusammengekommen, das vierte Gästebuch liegt mittlerweile aus.

Plaketten an den Bäumen

Jenseits der Wälle, Stelen und Infogebäude erstreckt sich der eigentliche Hain. Angehörige haben Namensplaketten an die Eichen genagelt. Man sieht das Gesicht eines Hubschrauberpiloten, der im letzten Einsatz vor seiner Rente abstürzte. Kinder haben ein paar Stämme weiter mit Buntstiften Herzen auf ein Papier gemalt und ihre traurige Botschaft gegen den Regen in Klarsichthüllen verpackt. Sehr privat wird das Gedenken abseits der befestigten Wege.

Plaketten sind an den B

Plaketten sind an den B

Quelle: MAZ

„Ein 25 Jahre alter Soldat, den ich auf einer Bank sitzen sah, fing im Gespräch plötzlich an zu zittern und zu weinen, erzählte mir auf einmal, was alles nicht mehr läuft zu Hause“, sagt Betreuer Loss. „Er wusste gar nicht, dass er unter posttraumatischer Belastungsstörung litt.“ Loss, der 38 Jahre bei der Bundeswehr war, gab dem Mann ein paar nützliche Adressen mit. Ein Soldaten-Gespräch über die eigene Schwäche – auch das gehört zur neuen Gedenkkultur in der Bundeswehr.

Von Ulrich Wangemann

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