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Geschätzter Rechtsmediziner wird 65

Rechtsmedizin Geschätzter Rechtsmediziner wird 65

Auf eine 40-jährige berufliche Tätigkeit kann Jörg Semmler zurückblicken. Als Direktor und Chefarzt des Brandenburgischen Landesinstituts für Rechtsmedizin hat er täglich mit traurigen Gewissheiten zu tun, wenn es um die Aufklärung von Mordfällen geht. Der Mediziner, der am Montag 65 Jahre alt wird, warnt vor der personellen Unterbesetzung seines Hauses.

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Der Rechtsmediziner Jörg Semmler.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Potsdam. Wenn Jörg Semmler, Direktor und Chefarzt des Brandenburgischen Landesinstituts für Rechtsmedizin, auf seine 40-jährige berufliche Tätigkeit zurückblickt, dann fallen ihm sofort einige Fälle ein, die unauslöschlich in seinem Gedächtnis eingebrannt sind. Der Mordfall an der 12-jährigen Ulrike Brandt aus Eberswalde, die 2001 von einem 26-Jährigen entführt, sexuell missbraucht und erdrosselt wurde, gehört ebenso dazu wie der Tod der zwei- und dreijährigen Jungen aus Frankfurt (Oder). Von ihrer Mutter tagelang vernachlässigt, waren beide 1999 durch Austrocknung gestorben. „Kinder sollten möglichst nicht sterben und schon gar nicht unter solchen Umständen“, erklärt der promovierte Rechtsmediziner.

Kinderschutz-Ambulanz arbeitet seit zwei Jahren

Um dem vorzubeugen betreibt das Institut seit 2014 eine Kinderschutz-Ambulanz. „Bisher konnten wir in 34 Fällen Eltern, Jugendämtern und Ärzten helfen, besonders zu der Frage, ob eine Kindsmisshandlung vorliegt“, berichtet der Institutschef, der am Montag seinen 65. Geburtstag feiert. Während seiner Laufbahn hat Semmler, der auch drei Assistenzärzte ausbildete, etliche tausend Obduktionen durchgeführt und unzählige Gutachten erstellt, so dass er auch bei den Schwurgerichtskammern als Experte geschätzt wird. Am 31. Oktober geht der Arzt dann in den wohl verdienten Ruhestand. Er tut das mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Letzteres deshalb, weil ihm die Situation des Instituts weiterhin Sorgen bereitet. Zwar sind die seit der Wende immer wieder aktuellen Auflösungsprobleme vom Tisch, doch die Personaldecke ist nach wie vor zu dünn, so dass auf Verschleiß gearbeitet werden muss. 23 Mitarbeiter, darunter sechs Fachärzte, sind im Institut tätig. „Doch neun wären nötig, denn der Bereitschaftsdienst im großen Flächenland Brandenburg muss rund um die Uhr gewährleistet sein“, sagt der Mediziner.

Kleine Institutschronik

1984 Gründung des Instituts für Gerichtliche Medizin des Bezirkes Potsdam. Gründungsdirektor ist Dr. Kurt Markert, Verwaltungssitz Schloss Lindstedt, 54 Mitarbeiter arbeiten hier bis zur Wende. Die Obduktionen werden in improvisierten Untersuchungsstellen der pathologischen Institute des Bezirkes durchgeführt.

1991 Fusion des Potsdamer Instituts mit der Einrichtung in Frankfurt (Oder). Dr. Markert geht in den Vorruhestand, der Frankfurter Dr. Wolfgang Mattig wird sein Nachfolger. 1994 Einzug in den 1989 begonnenen Neubau gegenüber dem Schloss Lindstedt. 2009 Verabschiedung Dr. Mattigs, Dr. Jörg Semmler wird Institutschef.

500 bis 700 Obduktionen führen die Rechtsmediziner jährlich auf Anordnung der Staatsanwälte durch, rund 260 Gutachten für die Gerichte, 3500 Alkoholproben für die Polizei sowie 140 Vaterschaftstests und Identifikationen.

Experte sieht Rechtssicherheit gefährdet

Semmler beklagt auch, dass die Anzahl und die Qualität der Leichenschauen in Deutschland rapide gesunken ist und damit auch die Rechtssicherheit zur Feststellung eines unnatürlichen Todes. „Studien zeigen, dass bis zu 1200 Morde jährlich nicht erkannt und somit auch nicht gesühnt werden. Bei der zweiten, gesetzlich vorgeschriebenen Leichenschau im Krematorium konnten wir nicht nur unerkannte, nichtnatürliche Todesfälle, sondern auch mehrere Fälle von Tötungsdelikten herausfiltern, bevor durch die Verbrennung sämtliche Spuren vernichtet wurden und somit eine Aufklärung kaum noch möglich wäre“, sagt der Fachmann.

1984 war Semmler, der in Kirchmöser, heute Ortsteil von Brandenburg, geboren ist, sein Abitur mit Berufsausbildung als Krankenpfleger an der Potsdamer Helmholtz-Oberschule ablegte und später in Magdeburg Medizin studierte, als Oberarzt ans heutige Landesinstitut berufen worden. „Das war für mich einer der glücklichsten Umstände meines Lebens, denn ich wollte unbedingt nach Potsdam zurück, wo ich meine prägenden Jahre hatte“, sagt der Arzt, der sich gern an die Zeit erinnert, als das Institut zwar noch keine eigenen Sektionsräume hatte, aber auch keine finanziellen Probleme. Im Ruhestand will Jörg Semmler sich mehr um seine vier Enkel kümmern und mit Ehefrau Christina, die Hautärztin ist, öfter mit dem Motorboot über die märkischen Gewässer schippern.

Von Karin Markert

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