Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Brandenburg Gewalt gegen Lehrer wird zum Problem in Brandenburg
Brandenburg Gewalt gegen Lehrer wird zum Problem in Brandenburg
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:30 05.05.2018
Christina Adler. Quelle: Privat
Potsdam

Nach Jahren zurückgehender Kriminalität an brandenburgischen Schulen geht es da offensichtlich wieder rauer zu. Erneut am stärksten verbreitet waren Diebstähle. Ihre Zahl kletterte von 1335 im Jahr 2016 auf 1387 im vergangenen Jahr. Am häufigsten wurden Fahrräder gestohlen; hier konnte 2017 nur jeder zehnte Diebstahl aufgeklärt werden.

Deutlich war aber auch die Zunahme von Gewalt an Schulen. So stieg die Zahl der Körperverletzungen um 60 auf 748 Fälle und die der gefährlichen und schweren Körperverletzungen schnellte um 44 Prozent auf 185 empor. Fast 50 Prozent mehr Gewaltstraftaten gegen Lehrer wurden registriert.

Christina Adler, Vizepräsidentin des Verbands Bildung und Erziehung BPV Quelle: Privat

Fast 50 Prozent mehr Gewaltstraftaten gegen Lehrer wurden 2017 regis­triert. Ist das Klima in märkischen Klassenzimmern rauer geworden?

Christina Adler: Das Gewaltpro­blem hat sich verschärft, seitdem die Förderschulen abgeschafft wurden. Leicht reizbare Schüler mit wenig sozialen Kompetenzen und auffälligem Verhalten wurden dort in kleineren Gruppen besser betreut. Heute gehen diese Schüler in Klassen mit 25 Schülern unter, sind im System Schule mental überfordert und teilweise aggressiv. Den Lehrern sind durch die Inklusionsidee Aufgaben übertragen worden, die uns personell überfordern und auf die wir nicht vorbereitet wurden. Wir sind keine ausgebildeten Psychologen und Sozialarbeiter. Dafür muss es ausreichend geschultes Personal geben, zum Beispiel Sonderpädagogen.

Wie äußert sich die Gewalt in den Klassenzimmern?

Das Problem beginnt mit verbaler Gewalt und steigert sich dann in unkontrollierte Handlungen. Schüler werfen mit Stühlen um sich oder treten gegen Türen und Schränke. Sowohl Schüler und Lehrer sind auch körperlichen Angriffen ausgesetzt. Uns wurde berichtet, dass Kollegen angegriffen und geschlagen wurden. Neulich bat uns eine Lehrerin um Hilfe: Ein Gymnasiast hatte ihr gedroht: „Ich bringe Sie um!“

Welche Schulen sind besonders vom Gewaltproblem betroffen?

Es gibt flächendeckend ein Gewaltproblem an Brandenburger Schulen, das sich nicht auf die Brennpunktschulen in größeren Städten beschränkt und bereits in den Grundschulen losgeht. Ich selber erinnere mich an einen Fall, in dem ein Grundschüler im ländlichen Raum ein Messer mit in den Unterricht brachte und seine Mitschüler bedrohte. Die größten Probleme haben jedoch momentan Kollegen an den Förderschulen, weil Fachleute dort abgezogen wurden, um den Gemeinsamen Unterricht an den Regelschulen zu unterstützen.

Warum schweigen viele Pädagogen?

Dass wenige Lehrer solche Übergriffe an die Schulleitungen und -behörden melden, liegt daran, dass sie glauben, es handele sich um ein persönliches Versagen, wenn Schüler gewalttätig werden. Sie denken, dass sie damit schon allein klarkommen. Ein Problem ist auch, dass die Maßnahmen, die wir haben, stumpfe Mittel sind. Für Eltern, die mit Regeln und Normen nichts anfangen können, sind schriftliche Ordnungsmaßnahmen wirkungslos.

Was muss sich verbessern an den Schulen?

Es muss an den Schulen mehrere Sozialarbeiter geben, damit sich das Schulklima verbessert. Bislang ist dies nur etwa an jeder vierten bis fünften Brandenburger Schule der Fall. An größeren Gesamtschulen und Brennpunktschulen reicht ein Schulsozialarbeiter nicht aus. Es muss zudem ein Netzwerk aus Streitschlichtern und Schülersprechern geben. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es eine gewisse Ruhe erzeugt, wenn die Kinder und Jugendlichen gelernt haben, wie sie ihre Sache selber regeln.

Werden Lehrerinnen und Lehrer ausreichend vom Land unterstützt?

Nachdem wir als Brandenburgischer Pädagogen-Verband Ende 2016 auf das Problem aufmerksam gemacht haben, hat das Land eine Anti-Gewalt-Kampagne ins Leben gerufen. Das Ministerium hat das Konzept überarbeitet, um Schulen eine schnellere Unterstützung in Krisenfällen zu ermöglichen. Doch das reicht bei Weitem nicht aus. Die Gewalt an Schulen kann nur eingedämmt werden, wenn es ausreichend Personal für verhaltensauffällige Schüler gibt. Auch die Eltern müssen stärker in die Verantwortung genommen werden.

In Berlin wurde eine Zweitklässlerin von älteren Schülern aus muslimischen Familien als Jüdin beschimpft. Nimmt religiöses Mobbing auch an Brandenburger Schulen zu?

Ich habe bislang keine Kenntnis von solchen Fällen in Brandenburg.

Welche Rolle spielen die sozialen Medien und das Internet: Werden Lehrer im Netz tyrannisiert?

Wenn Schüler sich in sozialen Netzwerken gegenseitig am Nachmittag mobben, müssen Eltern darauf reagieren. Womit wir Lehrer jetzt häufiger zu tun haben, ist, dass sich Eltern in Chatgruppen zusammentun, die sich wegen einer Klassenfahrt oder eines Kuchenbasars gegründet haben. Das an sich ist eigentlich positiv. Doch dort tauschen sich Eltern auch darüber aus, wie sich der Lehrer heute wieder verhalten hat, es wird Unterricht ausgewertet und persönliche Meinungen über Lehrer öffentlich ausgetauscht. Dann müssen wir am nächsten Tag Rechenschaft ablegen.

Von Diana Bade

In mehreren Städten in Brandenburg sind am 1. Mai tausende Menschen für bessere Arbeitsbedingungen auf die Straße gegangen.

01.05.2018

Vor sechs Monaten stoppte die Landesregierung in Brandenburg die Kreisreform und setzte auf verstärkte freiwillige Kooperationen. Doch viele Kommunen sehen da kaum Bedarf.

01.05.2018

Die Universität aus Brandenburg und Israel wollen mit der Partnerschaft die Zusammenarbeit in den Bereichen Forschung, Wissens- und Technologietransfer verbessern. Ebenso eine Partnerschaft Yad Vashem ist geplant.

30.04.2018