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Gewalt in Flüchtlingsheimen nimmt zu

Studie zu Übergriffen in Brandenburger Asylheimen Gewalt in Flüchtlingsheimen nimmt zu

Die Situation in Brandenburgs Flüchtlingsheimen spitzt sich zu. Das Innenministerium spricht von einer „spürbaren Zunahme“ gewalttätiger Übergriffe unter den Bewohnern. Jüngstes Beispiel: Vier Albaner sollen in Brandenburg/Havel einen Kenianer niedergestochen haben. Eine Studie zeigt jetzt, in welchen Heimen besonderer Konfliktstoff liegt.

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Hinter den Zäunen von Flüchtlingsheimen kommt es immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen.

Quelle: dpa

Potsdam. Die Situation in vielen Flüchtlingsunterkünften in Brandenburg spitzt sich zu. Das Innenministerium spricht von einer „spürbaren Zunahme“ gewalttätiger Übergriffe und Auseinandersetzungen zwischen den Bewohnern. Jüngstes Beispiel: Am späten Sonntagabend wurde ein 18jähriger Kenianer in einem Flüchtlingsheim in Brandenburg/Havel durch Messerstiche schwer verletzt. Vier Albaner stehen unter Verdacht. Vor dem Landgericht Potsdam muss sich derzeit ein Asylbewerber aus Ludwigsfelde (Teltow-Fläming) wegen versuchten Totschlags verantworten. Eine Studie im Auftrag des Innenministeriums hat nun erstmals das Gewaltpotenzial in Heimen untersucht. Die MAZ stellt die Ergebnisse vor.

Wie groß ist das Gewaltpotenzial in Flüchtlingsheimen?

Die Situation in den Flüchtlingsheimen ist sehr unterschiedlich, schreiben die Autoren der Studie, die von der „Gesellschaft für Inklusion und Soziale Arbeit“ erstellt wurde. Für ihre Studie haben die Gutachter Befragungen in Flüchtlingsheimen durchgeführt. Fazit: In einigen Heimen birgt das Zusammenleben erheblichen Sprengstoff. Je mehr Menschen aus unterschiedlichen Herkunftsregionen auf engem Raum leben, wo es wenige Beschäftigungsmöglichkeiten gibt, desto wahrscheinlicher ist es, dass Konflikte eskalieren. Ein Heimleiter wird in der Studie wie folgt zitiert: „Wir leben auf einem Pulverfass.“

Wo gibt es die meisten Probleme?

Laut der Studie ist der Alltag in folgenden Unterkünften „besonders von gewalttätigen Vorkommnissen“ geprägt: Luckenwalde, Brandenburg/Havel, Grazau, Premnitz, Fürstenwalde, Stolpe-Süd, Bestensee, Rathenow, Prenzlau, Ludwigsfelde und Potsdam (Nuthetal). Im Untersuchungszeitraum von Oktober 2014 bis Januar 2015 ereigneten sich dort mindestens 20 schwere tätliche Auseinandersetzungen.

Zu welchen Konflikten kommt es?

In der Regel geraten zwei Bewohner aneinander, Massenschlägereien, wie sie es etwa im August 2014 in Forst (Spree-Neiße) gegeben hat, sind eher selten. Die befragten Bewohner berichten von Rangeleien, Tritten, Schubsern und Schlägen, aber auch von Vandalismus. „In wenigen Fällen benutzten die beteiligten Personen Stichwaffen“, heißt es.

Was führt zu der Gewalt?

Oft sind es Kleinigkeiten. Mangelnde Sauberkeit und Lärm in den Sammelunterkünften zehren an den Nerven und sind oft Auslöser für Gewaltakte. Verschärfend kommt hinzu, dass die Bewohner sich gegenseitig oft nicht die gleiche Sprache sprechen. Auch Schlichter – etwa Heimpersonal oder Wachschützer – haben deswegen oft wenige Möglichkeiten, besänftigend einzuwirken. Vor allem abends, wenn die Unterkünfte voll werden, kommt es zu Streit. Ein weiterer Auslöser ist laut der Studie der Drogen- und Alkoholkonsum, der bisweilen als „Beschleuniger für verbale und körperliche Übergriffe“ wirke.

Welche Rolle spielen religiöse Konflikte?

„Immer wieder wurde Hass zwischen unterschiedlichen Nationalitäten oder Religionen als letztliche Ursache benannt“, schreiben die Autoren. Beispiel: Christen beschweren sich darüber, wie Muslime die Toiletten benutzen. Die Muslime wiederum zeigen sich durch die Freizügigkeit“ anderer Bewohner „beleidigt, provoziert oder gar angegriffen“.

Sind Frauen besonders gefährdet?

Täter sind fast immer Männer. Frauen sind oft Opfer. In allen Unterkünften, heißt es, gab es „ernstzunehmende Anzeichen für Fälle häuslicher Gewalt“ – also für Übergriffe innerhalb von Familien. Ein „Sonderfall“ stellen demnach Flüchtlinge dar, „die mit ihrer Religionsausübung sehr konservative (Salafismus), für Frauen restriktive Praktiken verbinden oder die sich in einem Prozess der Radikalisierung (Islamismus) befinden“. Sie wurden von den Befragten als „besonders schlimme und brutale Quelle für Gewalt an Frauen in den Unterkünften geschildert“.

Welche Konsequenzen werden aus der Studie gezogen?

Die Untersuchung war der Auftakt zu einem Projekt, das auf drei Jahre angelegt ist. Zusammen mit dem Landespräventionsrat sollen Anti-Gewalt-Trainer und Sozialarbeiter sollen in die Flüchtlingsunterkünfte geschickt werden und sowohl Mitarbeiter als auch Bewohner schulen.

Von Torsten Gellner

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