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Brandenburg Großer Ärztemangel in Brandenburg
Brandenburg Großer Ärztemangel in Brandenburg
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23:04 22.01.2014
Am 14. Januar 2013 ist in Rathenow eine rekordverdächtige Warteschlange zu sehen. Rund 250 Patienten stehen in der Paracelsusstraße an, nur um einen Termin beim Augenarzt zu bekommen. Quelle: Hoffmann
Potsdam

Die 19.000-Einwohner-Stadt Forst (Spree-Neiße) sucht seit Wochen einen Kinderarzt, in Finsterwalde und Elsterwerda (Elbe-Elster) gibt es keinen Augenarzt mehr, und die 78000 Prignitzer müssen mit einem Hautarzt vorlieb nehmen: Der Mangel an Haus- und Fachärzten nimmt in Brandenburg stellenweise bedrohliche Ausmaße an. „Ein Arzt hört auf, ein neuer fängt an – dieses Modell stößt immer öfter an seine Grenzen“, sagte Ralf Herre, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburgs, der MAZ.

Jungen Medizinern könne man es nicht verübeln, wenn sie sich angesichts schwindender Patientenzahlen gegen eine Praxis auf dem Land entschieden. „Es gibt bundesweit einen harten Wettbewerb um Ärzte. Darauf müssen sich auch die Kommunen in Brandenburg einstellen“, so Herre.

Für ein Flächenland sei die Facharzt-Versorgung zwar immer noch gut. Es gebe jedoch große Unterschiede. „In einigen Regionen wie der Uckermark oder in Südbrandenburg gibt es inzwischen erhebliche Defizite“, so Herre. Um die Versorgung auch weiterhin sicher zu stellen, müssten die Grenzen zwischen ambulanter und stationärer Versorgung gelockert werden. Krankenhausärzte könnten mit einer Teilzulassung auch ambulant tätig werden, so Herre. „Dazu müssen jedoch die Krankenhäuser und Kassen mitspielen.“

Nur ein Hautarzt im Landkreis: Ärztemangel in Brandenburg

In Brandenburg fehlen 71 Ärzte. 59 Hausarzt-Stellen sind unbesetzt, 12 Fachärzte werden laut Kassenärztlicher Vereinigung (KV) gesucht.

Der Altersdurchschnitt bei den Ärzten ist im vergangenen Jahr leicht gesunken, dennoch gehen viele Mediziner bald in den Ruhestand: Rund 23 Prozent der Hausärzte sind jenseits der 60, bei den Fachärzten sind es etwa 17 Prozent.

Die Versorgung mit Arztpraxen ist dabei regional sehr unterschiedlich. Für die gesamte Prignitz gibt es beispielsweise nur einen Hautarzt. Auch an den Kliniken gibt es keine Fachabteilung für Dermatologie.

Das Problem wird sich verschärfen: Es wird laut KV zunehmend schwieriger, junge Ärzte zur Übernahme einer Praxis auf dem Land zu bewegen. gel

Die Zukunft der ärztlichen Versorgung war Mittwoch auch Thema einer aktuellen Stunde im Landtag. Die oppositionelle CDU hielt der rot-roten Regierung vor, nicht zu gestalten, sondern nur schlecht zu verwalten. Es sei Gesundheitsministerin Anita Tack (Linke) nicht gelungen, die Situation zu verbessern und beispielsweise für eine auskömmliche Krankenhausfinanzierung zu sorgen, sagte der gesundheitspolitische Sprecher, CDU-Landes chef Michael Schierack. „Wir wollen eine höhere Arztdichte in ländlichen Gebieten und junge Landärzte.“ Aus Sicht der FDP hat Ministerin Tack viele Chancen zur Sicherstellung der medizinischen Versorgung ungenutzt gelassen. So könnte ein Stipendiensystem helfen, junge Mediziner in ländliche Regionen zu locken, sagte der Abgeordnete Raimund Tomczack.

Gesundheitsministerin Tack wies die Vorwürfe der Opposition zurück. Der neue Krankenhausplan sei eine gute Basis für die gesundheitliche Versorgung im Land. Es konnten alle 52 Krankenhäuser mit Filialen an insgesamt 62 Standorten erhalten werden. Diese seien „gute Anker“. Die SPD-Abgeordnete Sylvia Lehmann sagte, die Krankenhauslandschaft sei dem Bedarf angepasst worden, es gebe mehr Kapazitäten in der Geriatrie, Psychiatrie und Inneren Medizin. Der Linken-Abgeordnete Marco Büchel sieht Brandenburg als Vorreiter bei Gesundheitsprojekten. So sei das Gemeindeschwester-Projekt „Agnes 2“ ein Brandenburger Erfolgsmodell. „Entgegen allen Unkenrufen, sind die Fachkräfte qualifiziert und eine gute Unterstützung für den Arzt“, so Büchel.

MAZ-KOMMENTAR

Operation Ärztemangel
Torsten Gellner  findet, dass die Gesundheitsministerin Lösungen für fehlende Ärzte auf dem Land  schuldig bleibt.

Vor einem Jahr sorgte ein Foto der MAZ für Aufsehen: 250 Rathenower standen Schlange. Es gab weder Freibier noch sonst etwas geschenkt; die Männer und Frauen wollten einen Termin beim Augenarzt. Das Foto ist der Bildbeweis dafür, dass die ärztliche Versorgung in Teilen des Landes in eine beängstigende Schieflage geraten ist.

Die offiziellen Zahlen zum ärztlichen Versorgungsgrad sagen etwas anderes. Demnach gibt es in Rathenow gar keinen Mangel an Augenärzten, sondern – kein Witz – eher eine Überversorgung. Auf dem Papier mag gemäß der Bundesvorgaben alles seine Richtigkeit haben. In der Praxis kennen viele Brandenburger die Erfahrung, dass man am besten drei Monate vor einer Erkrankung einen Arzttermin ausmacht. Es gibt richtige Ansätze, aber vieles, was erprobt wird im Kampf gegen den Ärztemangel, hat seine Tücken: Gemeindeschwester Agnes fährt über die Lande. Sie kann Ärzte entlasten, ersetzen kann sie sie nicht. In Märkisch-Oderland wurde ein Patientenbus getestet, weil es sinnvoller scheint, Kranke zum Arzt zu kutschieren als umgekehrt. Angenommen wurde das Angebot leider nicht. In Elbe-Elster gibt es Stipendien für Medizinstudenten, in der Hoffnung, dass sie sich später dort niederlassen. Ob das aufgeht, wird sich erst weisen.

Die Schlüsselfrage lautet: Warum soll ein junger Arzt aufs Land ziehen, obwohl er weiß, dass ihm dort wegen des Bevölkerungsrückgangs die Patienten abhanden kommen? Auf diese Frage hat Brandenburgs Gesundheitsministerin Anita Tack bislang keine Antwort gefunden. Ob sie sie bis zur nächsten Landtagswahl im Herbst findet, darf bezweifelt werden.

Von Igor Göldner und Torsten Gellner

Weitere Beschlüsse im Landtag vom 22. Januar 2014

  • Neues Sorbengesetz beschlossen:  Die Sorben und Wenden in Brandenburg bekommen ein neues Gesetz zum Schutz ihrer Rechte als Minderheit. Der Landtag beschloss es am Mittwoch. Damit erhalten sorbisch-wendische Dachverbände ein Verbandsklagerecht, um Rechte der Minderheit gerichtlich durchzusetzen. Der umstrittene Entwurf wurde auf Antrag von Linken und SPD in vielen Punkten geändert. So ist eine Passage entfallen, nach der im sorbischen Siedlungsgebiet bei der Einstellung in den öffentlichen Dienst niedersorbische Sprachkenntnisse berücksichtigt werden sollten. Künftig werden im Siedlungsgebiet zweisprachige Ortsschilder vorgeschrieben. Dem Siedlungsgebiet werden wie bisher knapp 30 Orte zugerechnet, darunter Cottbus, Lübbenau und Spremberg. Ein Verzeichnis mit mehr als 40 Orten fand keine Mehrheit. Die Landesregierung bekommt einen Beauftragten für sorbisch-wendische Angelegenheiten und muss einmal pro Wahlperiode einen Bericht zur Lage der Minderheit vorlegen. In der brandenburgischen Niederlausitz leben etwa 20.000 Angehörige der Minderheit.
  • Mindestlohn um 50 Cent erhöht: In Brandenburg gilt künftig ein Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde bei öffentlichen Aufträgen. Der Landtag beschloss das neue Vergabegesetz mit der Erhöhung des Mindestlohns um 50 Cent pro Stunde. Seit 2012 lag der Mindestlohn in Brandenburg bei acht Euro.
  • Ethikkommission zur PID-Freigabe: Die Präimplantationsdiagnostik (PID) bei Embryos nach künstlicher Befruchtung außerhalb des Mutterleibs soll in Brandenburg und fünf anderen Bundesländern von einer Ethikkommission der Hamburger Ärztekammer überwacht werden. Der Landtag stimmte einem entsprechenden Staatsvertrag zu.
  • Bafög einheitlich bei 100 Euro: Brandenburgs Schüler aus bedürftigen Familien erhalten ab August ein einheitliches Bafög von 100 Euro pro Monat. Der reduzierte Satz von 50 Euro entfällt. Dies beschloss der Landtag mit rot-roter Mehrheit gegen die Stimmen der Opposition.
Brandenburg Brandenburgs Wirtschaftsminister scheitert mit Entlassungsversuch - Christoffers muss Staatssekretär behalten

Wirtschaftsminister Ralf Christoffers (Linke) ist mit seinem Versuch, seinen unliebsamen Staatssekretär Henning Heidemanns loszuwerden gescheitert. Erneut gescheitert, denn bereits vor einem Jahr wurde über die Absetzung Heidemanns spekuliert. Hintergrund damals wie heute soll das zerrüttet Verhältnis der beiden sein.

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