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Grüner Masterplan gegen braune Spree

Schadstoffe im Wasser Grüner Masterplan gegen braune Spree

Spreewald-Touristen blicken auf braune Tümpel – das ist die große Sorge von Brandenburgs Touristikern. Gegen die wachsende Verschmutzung und Schadstoffbelastung der Spree fordert ein breites Bündnis aus zwölf Umweltverbänden jetzt einen Masterplan. Die Kritiker sagen: Was Brandenburgs Landesregierung gegen die braune Spree tut, ist viel zu wenig.

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Die braune Spree ist weiter auf dem Vormarsch.

Quelle: dpa

Potsdam. „Fahren Sie in den Spreewald, nach Burg, Raddusch oder Lübbenau.“ Was nach einem wohlwollenden Ausflugstipp klingt, will Werner Kratz als Aufforderung zu einer augenöffnenden Bildungsreise verstanden wissen. Seit der unappetitliche Anblick der „braunen Spree“ den Touristen im Spreewald die Urlaubsfreude trübt, herrscht sogar in Potsdam helle Aufregung: Seit zwei Jahren läuft der Kampf gegen die dreckige Brühe – doch was Landesregierung, der Lausitzer Bergbausanierer LMBV und Tagebaubetreiber Vattenfall auch tun, ist allenfalls gut gemeint, aber weitgehend wirkungslos.

Das meinen zumindest Umweltaktivist Werner Kratz, Landes-Vize des Naturschutzbunds (Nabu), und seine Mitstreiter von insgesamt zwölf Verbänden aus Brandenburg, Berlin und Sachsen. In einem am Mittwoch in Potsdam präsentierten offenen Brief an Bund, Land, LMBV und Vattenfall fordert das breite Bündnis einen neuen Masterplan gegen die weiter wachsende Belastung der Spree mit tagebaubedingten Schadstoffen. Eine der Ursachen ist der steigende Grundwasserstand in Altbergbaugebieten rund um das sächsische Nochten.

Sulfate vergiften Beziehungen zwischen Mark und Berlin

Gut eine halbe Millionen Kubikmeter Spreewasser wird dadurch jedes Jahr verschmutzt, schätzen die Naturschützer. Nicht nur der Eisenhydroxidschlamm, der den Fluss besonders in der Lausitz in tiefes Braun taucht, sondern auch das nicht sichtbare, aber selbst schon im Trinkwasser der Bundeshauptstadt nachgewiesene, schädliche Sulfat vergiftet mittlerweile die berlin-brandenburgischen Beziehungen.

 

Quelle: Scheerbarth/MAZ

„Das macht uns große Sorgen, weil es für die Berliner Trinkwasserbetriebe schwieriger wird, die Versorgung mit sauberem Wasser auf Dauer sicherzustellen“, sagt Michael Bender von der Grünen Liga Berlin. Brandenburg dagegen sieht im Braunkohleabbau vorwiegend eine Industrie mit lukrativen Jobs in einer strukturschwachen Region. Am Donnerstag steht das Thema einmal mehr auf der Tagesordnung im Braunkohleausschuss des Landes, der diesmal in Cottbus tagt – und sicher auch über den offenen Brief diskutieren wird.

„Damit können Sie Ihre Haare färben“

„Sulfat ist humantoxikologisch bedenklich“, warnt der Ökotoxikologe Kratz. Der Eisenschlamm hingegen gefährde Fische, Kleintiere und Vegetation in den Spreewald-Fließen. Und der Mensch hat darunter zumindest optisch zu leiden. „Damit können Sie Ihre Haare färben“, sagt Kratz. Alle bisher ergriffenen Gegenmaßnahmen – so wird etwa Spreewälder Eisenschlamm im Altdöberner See (Oberspreewald-Lausitz) verklappt – reichen nach Ansicht der Verbände längst nicht aus. Allenfalls punktuell gebe es Erfolge zu vermelden. „Wir halten das für Stückwerk“, sagt Brandenburgs Nabu-Landesvorsitzender Friedhelm Schmitz-Jersch. „Die Maßnahmen sind quantitativ und qualitativ nicht ausreichend.“

Teure und aufwendige Problembehebung

Wie die Naturschützer dem Problem beikommen wollen, ist ebenso aufwendig wie teuer: Um die Alttagebaue in Sachsen und südlich von Spremberg (Spree-Neiße) sollen in einer Tiefe von 70 bis 100 Metern Dichtwände errichtet werden. Laut Ökotoxikologe Kratz beziffere ein Gutachten der BTU Cottbus-Senftenberg die Kosten des Vorhabens auf einen höheren dreistelligen Millionenbetrag. Daran soll sich ungeachtet der Verkaufsabsichten auch der aktuelle Lausitzer Tagebaubetreiber Vattenfall beteiligen. Die Naturschützer sorgen sich darum, der schwedische Staatskonzern könnte sich mit der Veräußerung der mittlerweile unliebsamen Kohlesparte aus der Verantwortung stehlen.

Ähnlich wie die Atomindustrie für die Spätfolgen um die Altlastenentsorgung soll künftig nach den Wünschen des Verbändezusammenschlusses auch Vattenfall für die Folgekosten aufkommen. Den Steuerzahlern allein dürfe diese Aufgabe nicht übertragen werden, fordert Nabu-Landeschef Schmitz-Jersch.

Forderung: Vorgaben überarbeiten

Politische Unterstützung erhalten die Aktivisten von der Fraktion Bündnis ’90/Grüne im Brandenburger Landtag. Die bergbaupolitische Sprecherin Heide Schinowsky fordert die Landesregierung auf, die wasserrechtlichen Vorgaben für die aktiven Tagebaue zu überarbeiten. Die Grenzwerte für die Einleitung von Grubenwasser auf maximal 250 Milligramm Sulfat pro Liter, wie es für Trinkwasser gilt, und 0,5 Milligramm Eisen pro Liter festzuschreiben, sei ohne großen bürokratischen Aufwand möglich.

Ursachen der Verockerung

Bei der Ursachenforschung für die Verockerung der Spree unterscheidet die Landesregierung mit Blick auf Brandenburg zwei Regionen, für die jeweils der Bergbausanierer LMBV als Hauptverursacher gilt:

1. Den Südraum der Spree von der sächsischen Landesgrenze bis zur Talsperre Spremberg (Spree-Neiße). Letztere ist Barriere sowie Absetz- und Auffangbecken.

2. Den Nordraum mit den südlichen Zuflüssen zur Spree. Hier kommen allerdings geologische Besonderheiten erschwerend hinzu, nämlich Raseneisenerzablagerungen, entwässerte Moorgebiete und die landwirtschaftliche Nutzung.

Ihr Parteikollege Benjamin Raschke, umweltpolitischer Sprecher der Fraktion, will die aus seiner Sicht überschaubare Bilanz des Sofortprogramms der Landesregierung gegen die braune Spree im Umweltausschuss diskutieren. Das Aktionsbündnis „Klare Spree“ hat dazu im Juni ein Positionspapier vorgelegt. Derweil schreitet die Verockerung in Richtung Spreewald weiter voran. Im Hafen von Lübbenau (Oberspreewald-Lausitz), berichtete Raschke, gebe es bereits eine mehrere Zentimeter dicke Schicht aus Eisenschlamm. Der Politiker warnt vor einer langfristigen Gefährdung „unseres einzigartigen Unesco-Biosphärenreservats Spreewald“.

Von Bastian Pauly

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