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Gruseln oder beten?

Halloween vs. Reformationstag Gruseln oder beten?

„Süßes, sonst gibt’s Saures!“ – der Brauch aus den USA wird in Deutschland nicht nur bei Kindern immer beliebter, hat aber auch hartnäckige Gegner. Während ein Mann aus Falkensee zu Halloween seinen Garten in ein Gräberfeld verwandelt, wenden sich andere lieber ihrem Glauben zu. Schließlich gilt es, den Reformationstag zu feiern.

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Manche haben einfach kein Herz für Kübisschnitzer.

Quelle: dpa

Falkensee/Potsdam. Kinder müssen schon sehr tapfer sein, wenn sie am 31. Oktober Tom Luszeits Garten in Falkensee (Havelland) besuchen. Im vergangenen Jahr hatte der 40-Jährige ihn in ein Gräberfeld mit Spinnweben, Skeletten und Gespenstern verwandelt und sich selbst als Henker mit Richtschwert verkleidet. Dieses Mal steht Halloween bei ihm im Zeichen der Piraten und man kann sich auf Kunstnebel, Licht- und Toneffekte gefasst machen. „Eine Woche Vorbereitungszeit steckt darin“, sagt Luszeit, der eine Eventagentur betreibt und sein Handwerk als Techniker im Potsdamer Filmpark Babelsberg gelernt hat.

Für diesen Tag hat er das Reihenhaus-Viertel Parkstadt Falkensee zur „Horrorstadt“ erklärt und ruft die Kinder auf, das gruseligste Haus zu wählen. Wegen dieses Aufrufs hat sich das Ordnungsamt bei ihm gemeldet. Aber Luszeit betont, dass das alles ganz privat und inoffiziell ist. „Wir machen das schon seit Jahren“, sagt er. Und in den USA, woher sein Vater stammt, werde zu Halloween fast jedes Haus derart geschmückt.

Ende Oktober waren im Filmpark in Babelsberg die teils wirklich sehr schaurigen Monster los. Zum dritten Mal wurde eine Monstershow aufgeführt und weit über 5000 Gruselfans ließen sich nur allzu gerne von den Zombies und Mutanten erschrecken.

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Bis 1990 war das Fest Halloween, das in Brandenburg auf den hier als Feiertag begangenen Reformationstag fällt, in Deutschland noch vollständig unbekannt. Nur durch die Horrorfilmreihe, die 1978 mit dem Hollywoodstreifen „Halloween – Die Nacht des Grauens“ startete, hatte sich der Name auch hierzulande herumgesprochen. Halloween stammt ursprünglich aus Irland, wo es als Fest zum Erntedank und zum Beginn des Winters gefeiert wurde. Am Vorabend des Allerheiligentags – „All Hallows Evening“ – wurden böse Geister vertrieben. Mit irischen Einwanderern kam der Brauch in die USA, wo er zu einem populären Fest mit gruseligen Kindermasken, ausgehöhlten Kürbissen und Partys wurde.

In Deutschland gilt die Branche der Kostümhersteller als Geburtshelfer des Halloween-Brauchs. Seit Anfang der 1990er-Jahre wurde Halloween von den Firmen als zweiter großer Anlass für Verkleidungen neben dem Karneval propagiert. Mit einigem Erfolg. Heute verdient die deutsche Spielwarenindustrie kräftig an dem Fest. Inzwischen werden mit Halloween-Kostümen, Schminke und Partyartikeln pro Jahr schon mehr als 30 Millionen Euro umgesetzt. Hexen- oder Gespensterverkleidungen gehen gut, nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene. Und die Zahlen steigen. Bescheiden nehmen sich im Vergleich dazu die zwei Millionen Euro aus, die von der deutschen Süßwarenindustrie zu Halloween umgesetzt werden. Viele Hersteller haben zwar spezielle Grusel-Süßigkeiten im Angebot. Aber der Branchenverband spricht von einer „eher geringen Bedeutung“ von Halloween. Anders als in den USA sind hierzulande Weihnachten und Ostern deutlich wichtiger als Süßigkeitenfeste.

Das hindert die Falkenseer Kinder nicht daran, in Scharen von Tür zu Tür zu ziehen. „Süßes, sonst gibt’s Saures!“ heißt der Spruch, der aus dem amerikanischen „Trick or treat“ abgeleitet wird. Wer dann nicht vorbereitet ist und Bonbons oder Gummibärchen bereit hat, muss mit enttäuschten Kindergesichtern rechnen – und manchmal sogar mit Zahnpasta unter der Türklinke. „Ich gehe in jedem Fall“, sagt der zehnjährige Lukas. Wie er sich verkleidet, weiß er noch nicht. Im vergangenen Jahr ging er als Vampir und hat eine ordentliche Plastiktüte voll Süßigkeiten als Beute mit nach Hause gebracht. Er hofft, dass es jetzt wieder eine gute Ausbeute gibt.

Tom Luszeit jedenfalls wird in seinem Gruselgarten wieder jede Menge Süßigkeiten für die kleinen Gespenster oder Hexen bereit halten, die auf den Straßen unterwegs sind. „Wir haben auch Utensilien zum Schminken da“, sagt er – für die, deren Verkleidung noch zu dürftig ist. Etliche kleine Kinder haben sich im vergangenen Jahr allerdings nicht durch die Gartenpforte getraut, erzählt er. Luszeit ist sich sicher, dass Halloween auch in Deutschland noch eine große Zukunft hat, ähnlich wie auf der anderen Seite des Atlantiks. Bisher ist es hierzulande nur eine Minderheit, die mitmacht. Etwa jeder Fünfte will nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts You-Gov teilnehmen. Unter den 18- bis 34-Jährigen ist es knapp jeder Dritte. Einig sind sich die meisten Befragten, dass der Gruselabend nicht viel kosten darf. Nur fünf Prozent gaben an, dass sie über 60 Euro für Halloween ausgaben. 84 Prozent investieren maximal 20 Euro.

Süßes oder Saures? Das haben auch die evangelischen Kirchen im Angebot. Luther-Bonbons gibt es nämlich süß und sauer. Wenn also kleine kostümierte Nervensägen am Abend vor dem 1. November wieder Leckerlis ergattern wollen, kann ihnen, wer mag, orangene Luther-Köpfe zum Lutschen geben. Natürlich trapst hinter dem Spaß die Nachtigall der pädagogischen Absicht. Denn nebenbei soll ihnen erzählt werden, was das für ein Mann war, der ihnen da auf der Zunge zergeht – und warum am 31. Oktober der Reformationstag gefeiert wird.

An diesem Tag, so überliefert es zumindest protestantische Tradition, soll der bis dahin unauffällige Augustinermönch Martin Luther ein 95-Thesen-Papier an die Pforte der Wittenberger Stifts- und Universitätskirche genagelt haben. Dass er wirklich den Hammer schwang, wird in der Forschung eher verneint. Die übliche Lesart ist jedoch, dass Doktor Luthers kritisches Latein aus „Liebe zur Wahrheit“ und zur katholischen Kirche, die schlechten Gewohnheiten hoher und niedriger Geistlicher öffentlich auflistete, beklagte, befehdete und damit auslöste, was dann im Nachhinein als der „deutsche Beitrag zur Weltgeschichte“ bezeichnet wurde: die Reformation.

Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt: Der Ablasskrämer Tetzel verhökerte Fegefeuer-Straferlass. Gegen solche falsche Garantien trat Luther an. Seine Behauptung, dass Gott allein die „Sündenvergebung gebe“ und der Glaube sie einzig durch das Wort Gottes empfange, stellte die Autorität der römischen Papstkirche tatsächlich in Frage. Doch Luther wollte da noch eine innerkirchliche Re-Formation, keine Spaltung.

Darum darf leise bezweifelt werden, dass die grundstürzende Veränderung von Kirche und Gesellschaft am Datum 31. Oktober 1517 festzumachen ist. Zum Feiertag wurde der 31. Oktober erst 1667 von Sachsens Kurfürst Johann Georg II. erhoben. Und zwar nicht im Sinne des historisch Korrekten, sondern einer protestantischen Selbstinszenierung.

Sein Reformprogramm hat Luther jedenfalls erst 1520 in der Schrift „An den christlichen Adel deutscher Nation“ formuliert: Indem er hier das Priestertum aller Gläubigen konstatierte, vollzog er die Trennung von Rom. Es sollte nicht mehr zwischen Klerikern und Laien unterschieden werden, weil Gott durch die Taufe alle Christen „geweiht“, sprich: qualifiziert habe. Dieses Gleichheitsprinzip war nicht nur radikal neu gedachte Theologie, es krempelte auch die Politik um.

Als Reformationstag muss der 31. Oktober deshalb aber nicht aufgegeben werden. Und das nicht nur, weil am 31. Oktober 2017 deutschlandweit 500 Jahre Reformation gefeiert werden sollen und dafür 2008 eine Lutherdekade ausgerufen wurde, die vom Bund mit jährlich fünf Millionen Euro unterstützt wird. Geld, das in die Sanierung der Luther-Stätten in Wittenberg investiert wird. „Nein, die Botschaft des Reformationstages ist nach wie vor: Gewissensfreiheit“, sagt Heike Krohn. Die Sprecherin der Evangelischen Landeskirche Berlin-Brandenburg redet gar vom „Gründungstag der evangelischen Kirche“. Gut, vielleicht bleibt das ja in den Köpfen, wenn der Luther-Drops gelutscht ist.

Von Ulrich Nettelstroth und Frank Kallensee

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