Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Brandenburg Stress um Anti-Stress-Seminar
Brandenburg Stress um Anti-Stress-Seminar
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:17 08.01.2014
Quelle: dpa
Potsdam

Ein Jahr nach der Debatte über Schrittzähler für inaktive Hartz-IV-Empfänger ist in Brandenburg eine neue Diskussion über den Umgang mit Langzeitarbeitslosen entfacht. Anlass ist ein unscheinbares Inserat in einem Anzeigenblatt: Rainer Genilke, CDU-Fraktionsvize im Landtag, las kürzlich in seinem Wahlkreis in Finsterwalde (Elbe-Elster) von einem Workshop „Stressbewältigung“ – gerichtet an Hartz-IV-Empfänger und für diese kostenlos. Programmprobe: „Was ist Stress? Wie entsteht Stress? Was sind die Symptome?“ Veranstaltungsort: eine örtliche Gaststätte.

„Ich war überrascht, was es alles gibt“, sagt Genilke. Nun, da die Reaktion der rot-roten Landesregierung auf seine Kleine Anfrage zu den konkreten Zielen der Maßnahme vorliegt, ist der CDU-Mann umso verwunderter: „Die Antwort ist zu plump und nichtssagend.“ Die Regierung bliebe Zahlen und den Erfolgsbeweis des Trainings schuldig.

Mit seiner Kritik steht Rainer Genilke nicht allein. Sein Oppositionskollege Andreas Büttner, arbeitsmarktpolitischer Sprecher der FDP-Fraktion im Landtag, fragt sich, warum Hartz-IV-Empfänger mehr Stress haben sollten als etwa alleinerziehende Beschäftigte. Büttner will zuvorderst die Job-Chancen Arbeitsloser verbessern. Sein Leitspruch: „Keine Maßnahme ohne Qualifizierung.“ Denn die Ursache für Langzeitarbeitslosigkeit, argumentiert Büttner mit Blick auf den Fachkräftemangel vielerorts in Brandenburg, liege vor allem im zu geringen Bildungsniveau vieler Betroffener.

Arbeitslose im Visier von Populisten

  • Hartz-IV-Empfänger sind vielfach populistischen Forderungen und vermeintlich gut gemeinten Tipps ausgesetzt, die nicht fern sind von Menschenverachtung.
  • Einen dicken Pullover anzuziehen, um weniger Heizkosten zu verursachen, riet 2008 der Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD) Hartz-IV-Empfängern.
  • Leitungswasser zu trinken und alte Möbel zu verkaufen, empfahl 2013 eine Broschüre des Jobcenters Pinneberg (Schleswig-Holstein).
  • Eine Arbeitspflicht für Arbeitslose forderte 2010 Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU).
  • Über den Wahlrechtsentzug für „Inaktive und Versorgungsempfänger“ sinnierte 2006 der Journalist Konrad Adam, nun Sprecher der Al-
  • ternative für Deutschland (AfD).

Im SPD-geführten Arbeitsministerium Günter Baaskes denkt man lieber im Großen und Ganzen. Laut Studien gilt als bewiesen, dass „der Gesundheitszustand von Arbeitslosen schlechter ist als der nicht von Arbeitslosigkeit Betroffener“, heißt es in der Antwort an CDU-Politiker Genilke. Arbeitsministeriumssprecher Florian Engels sieht einen „ganzen Fächer an Problemen“, denen Langzeitarbeitslose ausgesetzt seien. Häufig mangele es an richtiger Ernährung und Gesundheit, an effektivem Zeitmanagement, Sport und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Statusverlust, Zukunftsangst, Bewerbungsrückschläge seien Stressfaktoren, betont die Landesregierung – und erklärt so die Notwendigkeit des Workshops. „Wir möchten die Leute packen und aktivieren, anstatt sie fallen zu lassen und zu vergessen“, sagt Ministeriumssprecher Engels.

Andreas Kaczynski vom Paritätischen Landesverband will da nicht widersprechen. Ein Mensch sei in der Gesellschaft nur so viel wert, wie er erarbeitet und verdient. „Das müssen von Arbeitslosigkeit betroffene Menschen erst einmal verkraften.“ „Armut macht krank“, bekräftigt Dieter Pienkny, Sprecher des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) Berlin-Brandenburg. „Die Betroffenen brauchen ein Rundumpaket.“ Neben der Bekämpfung psychischer Probleme, die Arbeitslosigkeit mit sich bringe, seien Motivation und bei Bedarf auch eine Schuldnerberatung notwendig. Der umstrittene Workshop in Finsterwalde ist laut Landesregierung Teil des über zwei Jahre zu 70 Prozent durch Mittel der Europäischen Union geförderten Projekts „Gesund und selbstbestimmt“ der örtlichen Deutschen Angestellten-Akademie GmbH.

Für das Anti-Stress-Seminar Mitte November hatten sich 70 Interessenten angemeldet. Vorausgegangen war eine Umfrage unter Hartz-IV-Empfängern, die großes Interesse am Thema Stressbewältigung ergab.

Inwiefern die Chancen von Langzeitarbeitslosen auf dem Arbeitsmarkt verbessert werden können, ist immer wieder Gegenstand kontroverser Debatten. Anfang Dezember 2012 hatte das Jobcenter in Brandenburg/Havel von sich reden gemacht. Hartz-IV-Empfänger sollten in einem virtuellen Wettstreit den Mount Everest erklimmen und waren deshalb mit einem Schrittzähler ausgestattet worden. Kritiker sahen darin die zynische Vorführung Langzeitarbeitsloser. Brandenburgs Arbeitsminister Günter Baaske verteidigte die Maßnahme mit den Worten: „Wer rastet, der rostet.“

Von Bastian Pauly

Brandenburg 300 Blindgänger allein in Oranienburg vermutet - Bombenbeseitigung teuer und gefährlich

Kein anderes Bundesland ist derart mit alter Kriegsmunition verseucht wie Brandenburg. Die Beseitigung wird noch viele Jahre dauern, sie wird immer gefährlicher – und teurer. Die Kosten sind 2013 auf etwa 12,5 Millionen Euro gestiegen. Allein vier Millionen Euro entfielen auf Oranienburg, wo noch besonders viele Blindgänger im Boden liegen.

04.01.2014
Brandenburg Vorwurf: Landesregierung wolle sich "reinwaschen" - Scharfe Kritik am Krampnitz-Bericht

Sowohl CDU als auch Bündnisgrüne haben am Freitag den vorgelegten Entwurf für einen Abschlussbericht zum Krampnitz-Untersuchungsausschuss scharf kritisiert. Das Papier komme aus Sicht der Opposition zu früh und sei lediglich ein Versuch, die Landesregierung "reinzuwaschen".

03.01.2014
Brandenburg 60 Prozent der Märker sehen noch Ost-West-Unterschiede - "Mauer in den Köpfen" noch vorhanden

Wiedervereinigung nur auf dem Papier: 25 Jahre nach dem Mauerfall sehen viele Brandenburger nach wie vor große Unterschiede zwischen Ost und West. 60 Prozent nehmen noch immer eine „Mauer in den Köpfen“ wahr, wie aus einer aktuellen Forsa-Umfrage im Auftrag der MAZ hervorgeht.

03.01.2014