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Brandenburg „Ultraschalle sind Stress für die Babys“
Brandenburg „Ultraschalle sind Stress für die Babys“
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00:26 01.03.2018
Während der Schwangerschaft sind standardmäßig drei Ultraschalle vorgesehen. Quelle: dpa
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Potsdam

Seit 17 Jahren arbeitet Martina Schulze aus Stahnsdorf als Hebamme. Die Vorsitzende des Brandenburger Hebammenverbands über fehlende Hebammen, neue Netzwerke und zu viel „Baby-Fernsehen“.

Frau Schulze, mit welchen Problemen sehen sich werdende Mütter in Brandenburg auf der Suche nach einer Hebamme konfrontiert?

Martina Schulze: Weil die Zahl der Neugeborenen steigt, finden viele Schwangere keine Hebamme, die sie nach der Geburt betreut. Das sehen wir sehr kritisch. Denn gerade in der heutigen Zeit fehlen Familienstrukturen, die den werdenden Müttern Sicherheit, Unterstützung und Beratung bieten. Hebammen füllen diese Lücke aus und sind für eine Weile die Freundin, Mutter, Oma und Fachfrau an der Seite der Familien.

Martina Schulze arbeitet seit 17 Jahren als Hebamme. Quelle: Julian Stähle

Welche Regionen sind betroffen?

Hebammen fehlen überall im Land. Aus Gesprächen mit Kolleginnen weiß ich, dass es sowohl in der Fläche als auch in größeren Städten wie Potsdam Probleme gibt. Im Umland kommt erschwerend hinzu, dass nicht in jeder Gemeinde Geburtsvorbereitungskurse angeboten werden können.

Wie kommt es zur Unterversorgung?

Die nicht angemessene Vergütung, die Schicht- und Wochenendarbeit machen den Beruf nicht attraktiv. Es kommt vor, dass freie Hebammen vier bis sechs Wochen am Stück durcharbeiten. Hinzu kommt, dass noch immer zu wenige junge Kolleginnen ausgebildet werden. Nur alle drei Jahre beenden in Cottbus 15 neue Hebammen ihre Lehre. In Eberswalde sollen es jährlich 15 sein. Und es kommt in den nächsten Jahren noch einiges auf uns zu: Schon jetzt ist ein Drittel der im Landesverband organisierten Kolleginnen älter als 55 Jahre.

Was schlagen Sie vor, damit sich die Situation ändert?

Die Brandenburger Politik reagiert zu verhalten darauf, dass der Hebammenberuf im Jahr 2020 akademisiert werden soll. Der Berufsabschluss wäre damit europaweit anerkannt und Hebammen können in anderen Ländern arbeiten. Das Land Brandenburg muss die Ausbildungskapazitäten erhöhen. Auch muss der Beruf besser vergütet werden. Die Krankenhäuser wissen um das Personalproblem und verbessern allmählich die Arbeitsbedingungen. In einigen Häusern etwa bekommen Berufseinsteigerinnen eine Starthilfe oder ihren Umzug finanziert. Aber auch ältere Hebammen müssen unterstützt werden, indem sie statt in drei nur in zwei Schichten arbeiten.

Wie ist die Situation in den Kliniken?

Das Hebammen-Personal ist an der unteren Grenze in den Kliniken. Statistisch gesehen betreut eine Hebamme in der Klinik drei bis vier Frauen gleichzeitig unter der Geburt. So lange alles gut läuft, funktioniert das auch. Schwierig und manchmal auch gefährlich wird es, wenn es zu Komplikationen kommt. Dabei kann die Geburtshilfe ein Aushängeschild für die Kliniken sein. Die Geburt eines Kindes ist eine hochsensible Phase im Leben einer Familie. Wenn sie in dieser Zeit in der Klinik gut betreut werden, sind sie eher geneigt, dieses Krankenhaus wieder aufzusuchen.

Aus wirtschaftlichen Gründen streichen die Krankenhäuser ihre Geburtsstationen zusammen. Worauf muss sich Brandenburg gefasst machen?

Die Versorgung in der Geburtshilfe darf sich nicht weiter verschlechtern. Wir kämpfen dafür, dass die Entbindungsstationen erhalten bleiben. Das gelingt nur, wenn sich die kleineren Krankenhäuser zusammentun.

Welche Wege müssen Schwangere zurücklegen, um die nächste Geburtsklinik in Brandenburg zu erreichen?

Trotz Schließung der Geburtsklinik in Bad Belzig sind wir bundesweit gut aufgestellt. Mehr als 40 bis 50 Kilometer müssen Hochschwangere nicht zurücklegen. Das klingt viel, ist aber für ein Flächenland wie Brandenburg nicht ungewöhnlich.

Was raten Sie werdenden Müttern und Vätern für die Wochenbettbetreuung: Ab wann sollten sich Familien um eine Hebamme kümmern?

Frauen müssten sich schon kurz nach dem Bekanntwerden der Schwangerschaft um einen Platz kümmern. Um die Familien zu unterstützen, erwarte ich vom Land, dass es uns so schnell wie möglich finanziell dabei unterstützt, einen elektronischen Hebammenvermittlungsservice einzurichten. Dieses Portal – ob in Form einer App oder Internetseite – soll auflisten, wer die Familien wo und in welchem Umfang betreuen kann.

Welche Chance sehen Sie als Hebamme in der Telemedizin: Bespricht die junge Mutter aus der Prignitz bald ihre Wochenbett-Probleme via Video-Sprechstunde?

Die Telemedizin funktioniert bereits in anderen Fachrichtungen. Auch wir Hebammen müssen über neue Strukturen nachdenken, ob und wie wir Video-Sprechstunden in der Schwangerschaft und in der Wochenbettbetreuung umsetzen können. Möglich wäre auch, dass es in ländlichen Gebieten eine fahrende Praxis gibt, die der Gynäkologe ebenso nutzen kann wie die Hebamme, die ohnehin längst mobil ist.

Viele Frauen setzen in der Schwangerschaft auf umfassende Voruntersuchungen und fiebern dem „Baby-Kino“ entgegen. Wie sehr verunsichern solche Screenings?

Die drei vorgesehenen Standardultraschalle und darüber hinaus bei Problemen in der Schwangerschaft, halte ich für ausreichend. Mit Baby-Fernsehen aber habe ich ein Problem, weil zu viele Ultraschalle für das Kind Stress bedeuten. Auch bei der werdenden Mutter lösen die Vorsorgeuntersuchungen Unsicherheiten aus, die nicht nötig sind. Ich sage immer: Wenn die Natur gewollt hätte, dass wir das Baby permanent sehen, hätten Schwangere ein Fenster am Bauch.

MAZ-Talk zu Geburt und Schwangerschaft in Potsdam

„Abenteuer Schwangerschaft“ ist das Thema eines MAZ-Talks im Rahmen der Aktions­wochen „Fit & Gesund 2018“.

Am kommenden Montag (5. März) laden wir zu einer Podiumsrunde in die Wissenschaftsetage im Bildungsforum, Am Kanal 47, 14467 Potsdam. Beginn ist 19 Uhr, Eintritt frei.

Es diskutieren: Dr. Bernd Köhler, Chefarzt der Geburtshilfe im Klinikum Ernst von Bergmann, Katrin Schumann, Hebamme aus Stahnsdorf, Meike Jänike, vierfache Mutter aus Caputh, Ursula Nonnemacher, Ärztin und Fraktionschefin der Grünen im Landtag. Moderation: Henry Lohmar, stellvertretender Chefredakteur.

Anmeldung: Im Internet: MAZ-online.de/Geburt Telefon: 0331/2840-294

Von Diana Bade

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