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Brandenburg Herr Wichmann verlässt den Landtag
Brandenburg Herr Wichmann verlässt den Landtag
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16:03 27.01.2019
Nimmt Abschied vom Landtag: Henryk Wichmann. Quelle: Julian Stähle
Potsdam

Henry Wichmann (41) verlässt nach neun Jahren den Landtag und wird Sozialbeigeordneter in der Uckermark. Er wurde bundesweit bekannt durch die Dokumentarfilme von Andreas Dresen.

Warum verlassen Sie ausgerechnet jetzt die Landespolitik?

Henryk Wichmann: Man kann sich solche Angebote nicht aussuchen. Unsere Landrätin Karina Dörk ist im April mit überwältigender Mehrheit direkt vom Volk gewählt worden. Ich hatte sie mit dazu bewegt, überhaupt zu kandidieren. Im Sommer ging dann der Sozialbeigeordnete in seine alte Heimat Westdeutschland zurück. Da bin ich ins Grübeln gekommen, ob das nicht eine spannende Aufgabe für mich wäre. Und die Pendelei ist natürlich immer nerviger geworden. Mittlerweile brauche ich drei Stunden von Lychen nach Potsdam – und ich habe vier Kinder.

Sie pendeln derzeit noch von Lychen nach Potsdam: Wie ist Ihr Handyempfang?

In Lychen ist er super. Aber hinter der Stadtgrenze beginnt ein in alle Himmelsrichtungen reichendes 20-Kilometer-Funkloch. Die 98 Prozent Netzabdeckung, von denen die Mobilfunkkonzerne und die Landesregierung sprechen, beziehen sich nur auf besiedelte Flächen. Aber zu Hause brauche ich kein Handy, da habe ich Festnetz. Ich brauche das Handy im Zug oder im Auto. Deshalb heißt es ja Mobilfunk. In Schweden und der spanischen Mancha geht es auch.

Haben Sie sich als Abgeordneter ohnmächtig gefühlt?

Unsere Ministerialbürokratie hat sich verselbstständigt. Manche Minister bekommen den Apparat kaum in den Griff, auch sind die Minister nur kurz da. Sehen Sie den Fall der Gesundheitsministerin Diana Golze (Linke) an: Den Arzneimittelskandal haben ihre Beamten versaubeutelt. Sie hat nur die politische Verantwortung übernommen. Ich habe manchmal den Eindruck, dass Abteilungsleiter, die seit 30 Jahren in der Verwaltung sind, eine Mentalität entwickeln nach der Art: Mir doch egal, wer unter mir Minister oder gar Abgeordneter ist.

Schaut man sich die Gesetzentwürfe des Parlaments an, tragen sie oft die Handschrift der Verwaltung, nicht jene der Abgeordneten.

Die Gewaltenteilung zwischen Gesetzgebung und Verwaltung funktioniert nicht gut. Wir Parlamentarier sind Gesetzgeber, schreiben unsere Gesetze aber gar nicht selbst. Dazu haben wir gar nicht genug Mitarbeiter. Die Landesregierung, die Ministerien schreiben sich die Gesetze, die sie später umsetzen sollen, im Entwurf meist selbst. Und wir Abgeordnete bekommen die Entwürfe zugeleitet, wenn sie schon vom Kabinett beschlossen sind. An solchen Entwürfen noch etwas verändern zu wollen, grenzt an einen Zwergenaufstand.

Sie waren als Vorsitzender des Landtags-Petitionsausschusses viele Jahre Vermittler zwischen Bürgerbeschwerden und Verwaltungen. Was war der absurdester Fall von Bürgerferne, den Sie erlebt haben?

Es gibt ganz viele. In einer Potsdamer Gesamtschule etwa hatten Schüler eine Petition mit 300 Unterschriften gestartet, weil ihre Mensa zu klein war - 900 Schüler gab es, Platz war nur für 200, 300 Schüler in der Mittagspause. Das waren Ganztagsschüler, die keine Chance hatten, bis abends etwas Anständiges zu essen. Potsdams Stadtverwaltung schrieb, es ginge uns nichts an, es gehe um eine kommunale Einrichtung, außerdem sei genug Platz. Ein paar Parlamentarier und ich sind dann hinüber gelaufen und haben festgestellt: Es gab einen kleinen Raum mit Riesen-Schiebetür zur Aula - in der Aula durfte aber nicht gegessen werden. Auf dem Papier zählte die Aula zur Fläche, auf der man essen konnte, nicht aber in Wirklichkeit. Letztlich nahm die Schule dann andere Räume mit hinzu – und der Fall war gelöst. Diese 300 Schüler hätten den Glauben an die Demokratie verloren, wenn sie auf ihre Petition die Antwort bekommen hätten: Alles in Ordnung. Nichts war in Ordnung.

Welche Themen liegen weit vorn bei den Petitionen?

Schule war immer ein großer Batzen – Unterrichtsausfall, Lehrermangel und dergleichen. Altanschließer und Straßenausbaugebühren sind ein Riesenthema. Bürger verstehen nicht, wenn nach so langer Zeit solche hohen Summen gefordert werden. Aus dem Gefängnis kommen viele Anfragen – die Gefangenen haben ja viel Zeit, auf Missstände hinzuweisen. Das Duschwasser ist zu kalt, das Essen schmeckt nicht, es gibt nicht genug Fernsehprogramme.

Wer über die Dörfer fährt, sieht vielerorts in Brandenburg frisch gedeckte Dächer und neue Autos in den Vorgärten. Wie erklären Sie sich, dass trotz der besten Wirtschaftsdaten seit 1990 eine solch große Unzufriedenheit in der Bevölkerung herrscht?

Eine der Ursache ist: Die Menschen spüren sehr genau, wo das Land Prioritäten setzt. Und in den ländlichen Regionen ist nicht so viel passiert in den letzten Jahren. Die Auffassung der Landesregierung war seit spätestens 2007: Der ländliche Raum schrumpft, die Bevölkerung altert – man gab den ländlichen Raum gewissermaßen auf und konzentrierte sich auf Orte, wo eine stabile Entwicklung zu erwarten war.

Der Bevölkerungsrückgang in vielen Randregionen des Landes bleibt gleichwohl - wenn auch gebremst – eine Tatsache.

Die Realität sieht mittlerweile anders aus: Die Menschen ziehen raus aufs Land, dorthin, wo es schön ist, sei es Lychen oder Templin. Von Fürstenberg ist man in einer Stunde am Berliner Hauptbahnhof und die Mietpreise in Berlin sind für viele Familien ein Grund zu überlegen: Ehe ich in einer überteuerten Dreiraumwohnung mit unsauberer Luft und einem dreckigen Spielplatz im Hof lebe, ziehe ich Haus und Garten im Grünen vor.

Sie nennen Argumente, warum die Bürger CDU wählen sollten. Mehr allerdings wollen derzeit AfD wählen. Warum?

Als Denkzettel! Die Politik soll sich nicht ständig mit Machtkämpfen aufhalten. Für den Bürger wirken die parlamentarischen Auseinandersetzungen oft so, als würde der eine dem anderen den Erfolg nicht gönnen.

Können Sie sich vorstellen, dass die AfD koalitionsfähig wird?

Man kann sich nur wünschen, dass diese Partei nirgends in Regierungsverantwortung kommt. Die meisten der AfD-Abgeordneten im Landtag sind nicht mein Problem. Es sind Björn Höcke und Alexander Gauland und andere Spitzenleute, die nicht nur die Politik im Land ändern wollen, sondern einen völlig anderen Staat wollen. Was die AfD so gefährlich macht, ist die Herabwürdigung von bestimmten Bevölkerungsgruppen. Das ist übrigens zutiefst unchristlich.

Sie sind ziemlich religiös, speist sich daraus Ihre Haltung?

Ja. Ich bin seit meiner Taufe in der evangelischen Kirche, bin in der DDR zur Christenlehre gegangen und musste mir dafür einiges anhören. Seit 24 Jahren bin ich im Gemeindekirchenrat meiner Kirchengemeinde und seit vielen Jahren auch dessen Vorsitzender. Für mich sind christliche Werte nichts, was man sich am Sonntag in der Kirche anhört, um ein schönes Gefühl zu bekommen. Sie sind Anleitung, mit Menschen so umzugehen, wie sich Jesus das gewünscht und vorgemacht hat. Die AfD spricht ständig davon, das christliche Abendland müsse gegen die Muslime verteidigt werden. Das sagen mir Leute, die weder das Vaterunser beherrschen, noch ein Kirchenlied singen können.

Sie meinen, Glauben macht immun gegen Fremdenfeindlichkeit?

Wer den christlichen Glauben als Kind aufgenommen und verinnerlicht hat, kann offener mit anderen Religionen umgehen. Denn wer selbst eine Religion hat, weiß, was sie ausmacht. Der weiß um die Bedeutung von Symbolen wie etwa dem Schleier muslimischer Frauen und kann sie tolerieren – ich etwa habe ein Kreuz in meinem Büro. Aber wer keinen Glauben hat, für den ist all das Teufelszeug. Ich möchte nicht in einem Land leben, in dem man sich rechtfertigen muss, weil man eine Religion hat. Davon hatte ich als Kind in der DDR genug.

Ist der Potsdamer Politikbetrieb eine Blase, abgehoben von der Wirklichkeit im Land?

Die Gefahr ist groß, dass man durch die vielen Verpflichtungen im Landtag, die Ausschüsse, Kommissionen, Sitzungen von Parteigremien und Treffen mit Lobbyverbandsvertretern den Draht zur Basis, zur Bevölkerung verliert – einfach aus Zeitgründen. Wir müssen etwas tun, das ist klar.

Wer hat Sie am meisten beeindruckt als Persönlichkeit im Landtag?

Matthias Platzeck. Bei aller Kritik, die wir als CDU berechtigterweise an ihm hatten, war er als Redner jemand, der Menschen mitnehmen konnte.

Meinen Sie das als Kritik am aktuellen Ministerpräsidenten Dietmar Woidke (SPD)?

Der Unterschied ist mit Händen zu greifen. Oder schauen Sie sich Manfred Stolpe an, den ich immer verehrt habe. Ob man auf Menschen zugehen kann, das ist einem in die Wiege gelegt – oder eben nicht.

Nervt es Sie, immer noch auf die Dresen-Filme angesprochen zu werden?

Überhaupt nicht. Man hat sofort einen Gesprächseinstieg mit Fremden. Mir haben die Filme eher Türen geöffnet. Der erste hat gezeigt, was man im Wahlkampf für Dusseligkeiten unternimmt, um Aufmerksamkeit zu erwecken. Der zweite zeigte, was ein gewählter Abgeordneter in einem Jahr alles tut, wie lange alles dauert.

Sind Sie mit Filmemacher Andreas Dresen befreundet?

Das kann man so sagen. Wir waren ja ein Jahr durch die Dreharbeiten fast täglich beisammen, danach durch die vielen Vorführungen. Ich mag ihn sehr. Er ist ein Menschenfreund wie Platzeck. Er führt andere nicht vor, um eine schnelle Pointe zu haben. Er hätte mich ja komplett vorführen, mich total zerstören können, hätte die Lacher auf seiner Seite gehabt. Ich wusste, er würde es nicht machen. Sonst hätte ich mich nie auf das Projekt eingelassen.

Von Ulrich Wangemann

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