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Brandenburg „Hier gehen unsere Träume kaputt“
Brandenburg „Hier gehen unsere Träume kaputt“
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00:19 23.09.2017
Die Erstaufnahmeeinrichtung in Wünsdorf. Quelle: dpa
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Wünsdorf

Wenn die Langeweile zu unerträglich wird, fährt Chancelin mit einem Freund zum Strandbad in Wünsdorf. Sie lehnen ihre klapprigen Damenfahrräder an den Zaun und setzen sich auf eine Bank, schauen aufs Wasser. Ein paar Jungs angeln vom Steg – ein Paradies mit Verfallsdatum.

Sechs Monate hat der 26-jährige Kameruner in der Außenstelle der Zentralen Aufnahmestelle für Asylbewerber in Wünsdorf (Teltow-Fläming) verbracht. Es habe sich herumgesprochen in dem Übergangsheim, dass man im Brandenburger Innenministerium – mit Unterstützung der Kommunen – die Verweildauer für Asylbewerber in den Sammelunterkünften verlängern möchte, sagt Chancelin und wird kurz feierlich: „Gott möge das Herz dieser Parlamentarier rühren, auf dass sie uns eine Chance geben und uns nicht zwei Jahre vergebens hier im Wald warten lassen“, sagt der studierte Geograf: „Wer nach zwei Jahren eröffnet bekommt, dass er gehen muss, dem bricht das Herz. Dann sollen sie uns lieber gleich zu Beginn sagen: Wir wollen euch nicht! Dann weiß man, woran man ist.“

Was bedeutet es eigentlich, ein halbes Jahr, bald vielleicht sogar zwei Jahre in einer Sammelunterkunft zu wohnen?

Die Asylbewerber Chancelin (l) und Eric. Quelle: Ullrich Wangemann

In die Unterkunft selbst lässt das Innenministerium die MAZ an diesem Tag nicht – zu kurzfristig sei die Anfrage, heißt es. Durch den Zaun sieht man mindestens 30 vorwiegend junge Männer auf einer Lichtung stehen oder in Grüppchen sitzen. Jemand hat entlang des Weges zur Torwache Gartenzwerge aufgestellt, es wirkt wie ein ironischer Kommentar zum Versuch der hier Untergebrachten, in Deutschland Fuß zu fassen.

Polizeieinsatz wegen Körperverletzung

Chancelin ist mit seinem Optimismus und Gottvertrauen sicher nicht der Regelfall in Wünsdorf. Wie viel Aggressionspotenzial sich in Sammelunterkünften aufstaut, wird um kurz nach 13 Uhr deutlich: Neun Streifenwagen rasen mit Blaulicht in Richtung Außenstelle der Zentralen Ausländerbehörde. An der Pforte sitzt ein Afrikaner mit Kinnbart umringt von Polizisten, er soll mit zur Wache. Offenbar sind Angehörige zweier Volksgruppen aufeinander losgegangen. Kamerun gegen Somalia, erzählt ein Heimbewohner. Einer schlug mit einer Holzstange um sich, ein anderer soll einen Stein geworfen haben. Laut Polizeipräsidium wird man wohl Anzeige erstatten wegen zweifacher gefährlicher Körperverletzung.

So sieht es im Innern der Erstaufnahme in Wünsdorf aus. Quelle: dpa

Fast jeden Tage Kämpfe

„Es gibt fast jeden Tag Kämpfe“, bestätigt Joe (25) aus Kamerun, der seit etwa drei Monaten in der Wünsdorfer Außenstelle untergebracht ist. Die Leute langweilten sich. „Manchmal bieten sie uns Jobs auf dem Gelände an, zum Beispiel Müll sammeln – Zigarettenfilter und sowas.“ 80 Cent gibt es dafür pro Stunde. „Ich habe das noch nicht gemacht, ich finde das demütigend“, sagt Joe, der in Kamerun Wirtschaftswissenschaften studiert hat und an einer Universität unterrichtete. Er spricht das schöne, etwas altmodische Englisch der afrikanischen Bildungselite. Als es Unruhen gab und Menschen aus seiner Volksgruppe getötet wurden, flüchtete er nach eigenen Angaben über Libyen mit dem Boot nach Italien.

Spaziergang entlang an Ruinen

Schwierig sei es, einen regelmäßigen Tagesablauf beizubehalten in der Sammelunterkunft, sagt der junge Ökonom. Frühstück gibt es zwischen sieben und 9 Uhr, viele Bewohner würden sich danach wieder ins Bett legen, sagt Joe. Abwechslung bietet ein Spaziergang zum nahegelegenen Netto-Markt – entlang an den Ruinen der Kasernenstadt. Von den Alleebäumen grüßen AfD-Plakate: „Grenzen sichern!“

„In diesen Unterkünften gehen unsere Träume kaputt“, sagt Joe.

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Von Ulrich Wangemann

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