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Hier holte die AfD über 40 Prozent

Märkische Hochburgen im Süden Hier holte die AfD über 40 Prozent

Im Süden Brandenburgs feierte die AfD bei der Bundestagswahl die größten Erfolge. In Heinersbrück bei Peitz wurde die Partei deutlich stärkste Kraft. Die Rentnerinnen dort sagen, man müsse auch mal wieder stolz sein dürfen auf sein Land. Flüchtlinge, das räumen sie ein, gibt es eigentlich keine. Ein Besuch im Epizentrum des AfD-Bebens

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Im Amt Schradenland warb die AfD erfolgreich um Wähler.

Quelle: Ulrich Wangemann

Heinersbrück. Am Tag, nachdem die AfD im Dorf die stärkste politische Kraft wurde, sitzt die örtliche Seniorengruppe im ersten Stock des Gemeindezentrums von Heinersbrück beisammen. Die Kaffeemaschine gurgelt, es gibt Gebäck, man wartet auf den Bürgermeister. 40,4 Prozent für die AfD: Wenn der 24. September ein politisches Erdbeben war, dann ist in Brandenburg das Örtchen im Landkreis Spree-Neiße sein Epizentrum. Nirgendwo sonst in der Mark schnitt die rechtspopulistische Partei besser ab. Wie ticken diese Ortschaften im AfD-Gürtel fern der Landeshauptstadt?

Faschisten, sagt eine Seniorin. Dann folgt ein Tribunal

„Es waren genau 117 Stimmen von 294, eine NPD-Stimme war auch dabei“, sagt eine freundliche Rentnerin mit kurzen grauen Haaren, die seit vielen Jahren im Wahllokal aushilft. Viele junge Leute hätten ihr Kreuzchen bei der AfD gemacht, vermutet die Wahlhelferin. „Für viele war es Protest – aber für mich ist das eine Partei von Faschisten!“ Eine andere ehrenamtliche Betreuerin der Gruppe schaltet sich ein: „Wir wollen wieder stolz sein, Deutsche zu sein“, wirft sie ein. „Schauen Sie mal nach Russland: Dort ist man stolz auf Stalin, obwohl der auch viele seiner Landsleute umgebracht hat!“ Auf einmal sprudeln sie heraus aus diesen friedlichen Kaffeekränzchen-Damen: all die Dinge, mit denen sie hier nicht einverstanden sind. Von ungeheuerlich bis lebensnah. Und in kritischen Fällen mit dem Einschub, man habe nichts gegen Ausländer und sei auch kein Nazi.

Flüchtlinge gibt es nicht im Ort

Der erste Stock des Zweckbaus, der auch der Feuerwehr und einem Trachtenverein als Quartier dient, wird zum Schauplatz eines improvisierten Tribunals, die wackere Wahlhelferin komm gar nicht mehr zu Wort. Es kämen keine Busse mehr, heißt es; der Tagebau von Jänschwalde sorge dafür, dass im Garten alles Wasser versickere und die Ortsbewohner ihre Beete mit teurem Trinkwasser sprengen müssten. Für Rentner sei kein Geld da, auch nicht für die Gemeindestraßen, die voller Schlaglöcher seien. Dafür aber habe Deutschland genug Geld, um eine Million Asylbewerber unterzubringen. Wenngleich – das gibt die Frau mit der Kaffeekanne zu – im Ort noch kein einziger Flüchtling aufgetaucht sei.

Nur die AfD warf Werbung in den Briefkasten

Der Kurierfahrer Jörg Menzel stimmte wie viele im Ort für die AfD

Der Kurierfahrer Jörg Menzel stimmte wie viele im Ort für die AfD.

Quelle: Ulrich Wangemann

Ein paar Straßen weiter wiegt der Kurierfahrer Jörg Menzel (30) sein Baby im Arm. Er bewohnt einen der ortstypischen sorbischen Dreiseit-Höfe mit seiner Freundin und dem Vater, der kaum noch laufen kann nach einem Schlaganfall. Es gibt türkischen Kaffee und abgepackten Herrenkuchen. Auf dem Terrassentisch liegt das AfD-Programm. Menzel hat es studiert und ist einigermaßen textsicher. Den Straftatbestand der Steuerverschwendung einzuführen, das halte er für eine gute Idee. „Die bauen doch Brücken im Nichts, das habe ich bei Mario Barth gesehen, den Rest habe ich gegoogelt“, sagt der gelernte Metzger. Mario Barth, der Komiker, greift für seine RTL-Show Fälle von Steuerverschwendung auf. Und „die“ – das sind die etablierten Parteien, denen Menzel einen Denkzettel verpassen will. Andere Parteien hätten keine Briefkastenwerbung gemacht im Ort, berichtet Menzel.

Erststimme SPD, Zweitstimme AfD

„Ein dummes Volk regiert sich leicht“, sagt der Familienvater und blickt vielsagend. Seine Freundin Maria habe er überzeugt, ebenfalls ein Kreuzchen bei der AfD zu machen. Doch die junge Therapeuten ist nicht ganz linientreu, sie splittete ihr Votum auf ziemlich unorthodoxe Weise: ihre Erststimme bekam der örtliche SPD Spitzenkandidat. Weil der so sozial sei, sagt die junge Frau.

Amtsdirektor Thilo Richter

Amtsdirektor Thilo Richter

Quelle: Ulrich Wangemann

140 km südwestlich von Heinersbrück, im Amt Schradenland (Elbe-Elster), hat die AfD 35 Prozent der Stimmen geholt. Fast ein sächsischer Wert. Ohnehin ist wenig preußisch an den vier Orten des Amts. Beim Bäcker in Gröden liegen sächsische Zeitungen aus, die Mundart ist ebenfalls südlich geprägt. Etliche Einwohner arbeiten in der Dresdner Stadtverwaltung und pendeln. Wäre es nach den ursprünglichen Plänen der Brandenburger Landesregierung gegangen, hätte sich das Amt nach der geplanten Gebietsreform in einem gigantischen Groß-Landkreis entlang der sächsischen Grenze wieder gefunden („Lausitz-Banane“). Es gab Protest, nun plant Rot-Rot eine abgespeckte Reform-Variante. Mittlerweile steuert das Land auf einen Volksentscheid zu. „Wenn eine Landesregierung sich hinstellt und sagt, es sei ihr scheißegal, was die Volksinitiative macht, dann braucht sie sich über ein solches Wahlergebnis nicht zu wundern“, sagt Amtsdirektor Thilo Richter von der CDU.

Früher traten Nazis in Rudeln auf

Die Bäckerin ist nicht überrascht vom guten Abschneiden der Rechtspopulisten. Rechtsradikale junge Leute habe es einige in den Orten gegeben. „Sie traten im Rudel auf in Gröden und Hirschfeld“, sagt die Frau hinter der Theke, die nach eigenen Angaben nicht AfD gewählt hat. Vor etwa fünf Jahren hätte sich die Gruppe zerstreut. Asylbewerber gebe es im ganzen Amt im Übrigen nicht.

Der Weg zurück zur Autobahn führt über Kleinkmehlen. Rechts der Straße steht ein Merkel-Großplakat. Jemand hat der Kanzlerin mit schwarzer Farbe ein Davidstern ins Gesicht gesprüht. Sie sind wohl doch noch nicht alle weggezogen, die örtlichen Nazis.

Von Ulrich Wangemann

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