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Hip, Hipster, Brandenburg?

Nach Berlin und „Hypezig“ Hip, Hipster, Brandenburg?

Junge Leute bevölkern die Straßencafés, Zehntausende Berliner besuchen die rund 40 Festivals des Landes, immer mehr Künstler und Freischaffende zieht es in die ländliche Idylle. Erst wurde Berlin zur Szene-Hochburg, dann kam “Hypezig“ – Wird auch Brandenburg jetzt plötzlich hip?

Besucher des jährlichen Antaris-Festivals in Stölln.

Quelle: Christin Schmidt

Gerswalde/Cottbus. Eine verlassene DDR-Platte auf einem Dorfhügel mitten in der Uckermark. Die alten Böden sind herausgerissen, an den Wänden sind keine Tapeten mehr. Die Aussicht: Felder und Obstbäume. Künstler und Freischaffende zieht es hierher. Als Denk- und Produktionsraum bezeichnet die Berlinerin Larissa Rosa Lackner das riesige Areal mit jeder Menge alter Garagen und teils noch verwilderten Gartenparzellen. Mit anderen Kunst- und Kulturschaffenden aus Berlin und Leipzig baut sie hier eine Künstlerresidenz auf, ansonsten lebt sie in Berlin-Neukölln.

Brandenburg statt Berlin. Warum ausgerechnet die Uckermark? „Hier bist du leer, Berlin ist überfüllt an Ideen“, sagt die 29-Jährige, die Kunst studierte und zuletzt als Regisseurin für eine Tanzperformance arbeitete. „Hier hast du Luft für Neues.“ Viele Berliner ziehe es hierher, sagt Mitorganisatorin Theresa Pommerenke. „Weil sie Konzentration und Freiraum suchen.“ Darunter seien Theaterleute und Performance-Künstler. Es gebe immer mehr Anfragen für Übernachtungen. Das Interessante an dem gepachteten Areal sei auch, dass sich mit der DDR-Platte mitten in der Idylle Uckermark der Kontrast Stadt-Land widerspiegele.

Die Initiatoren Larissa Rosa Lackner (l) und Theresa Pommerenke vom Verein Libken

Die Initiatoren Larissa Rosa Lackner (l) und Theresa Pommerenke vom Verein Libken.

Quelle: Patrick Pleul

Hier in dem kleinen Dorf ist kaum etwas los. Doch, nach einer Weile gibt es ein wenig Aufregung: Ein bepackter Esel kommt die Landstraße entlanggerannt - er ist Wandertouristen ausgebüxt. Seit fast zwei Jahren renovieren die Initiatoren des Vereins Libken und Helfer das Gelände in dem Ort Böckenberg. In einer der Garagen, an denen zum Teil noch alte Gardinen hängen, ist ein „Inspirationsraum“ entstanden.

Demnächst soll auf dem Areal ein Tanzboden in dem ehemaligen Wasserwerk eingebaut werden. Und seitdem sich hier eine Hacker-Gruppe einige Tage zurückgezogen hatte, um an neuen Projekten zu arbeiten, gebe es auf dem gesamten Gelände Internet, sagt Lackner. Die Wohnungen bleiben ohne Böden und Tapeten, die Möbel sind zusammengesammelt oder Leute aus dem Ort haben etwas gespendet. Motto in der Platte: Reduktion. Das Gebäude wirkt selbst wie eine Kunst-Installation.

Wird Brandenburg jetzt plötzlich hip?

So wie in der Uckermark blitzt vielerorts in Brandenburg etwas hervor, das man geballt in angesagten Großstädten findet. Die Zeiten, in denen sich Hipster am liebsten nur in den Berliner Szenevierteln tummelten, sind schon längst vorbei. Junge hippe Leute sind auch weitab der Hauptstadt zu finden.


Im uckermärkischen Böckenberg gibt es viel Luft für neue Ideen

Im uckermärkischen Böckenberg gibt es viel Luft für neue Ideen.

Quelle: Patrick Pleul

Und viele Berliner binden Brandenburg in ihre Freizeitgestaltung ein. Das Staatstheater Cottbus verzeichnete in der vergangenen Spielzeit nach eigenen Angaben eine steigende Besucherzahl aus der Hauptstadt. Zurzeit ist dort eine vielbeachtete moderne Inszenierung der Shakespeare-Tragödie „Hamlet“ zu sehen - der dänische Prinz Hamlet (Johannes Kienast) spielt Schlagzeug und steigt in Frauenkleider.

Zu den Festivals und Badeseen im Umland von Berlin zieht es auch viele Hauptstädter. Vom aktuellen Roman „Unterleuten“ von Juli Zeh, der in einem Dorf irgendwo in Brandenburg spielt, wurden nach Verlagsangaben bereits mehr als 210.000 Exemplare verkauft. Könnte Brandenburg neben der als jung und angesagt geltenden ostdeutschen Szenestadt Leipzig („Hypezig“) demnächst gar als hip gehandelt werden?

Vor allen der Speckgürtel profitiert vom hippen Berlin

„Dass Brandenburg zu einer hippen Region wird, halte ich für überschätzt“, sagt der Trend- und Zukunftsforscher Christian Rauch vom Zukunftsinstitut in Frankfurt am Main. Zwar färbe der urbane Lifestyle von Berlin auch in die Städte Brandenburgs ab. Punktuell habe sich eine solche Szene entwickelt, wo es zum Beispiel Studierende und Kreative gibt. So etwas langfristig zu erhalten und über die gesamte Fläche eines Bundeslandes zu erstrecken, hält der studierte Soziologe aber für schwierig. Dazu hätten Großstädte einen zu großen Magneteffekt.

Von der Strahlkraft Berlins profitiere in Brandenburg vor allem der Speckgürtel im direkten Umland, sagt Rauch. Weil das Wohnen in der Großstadt immer teurer werde, zögen junge Familien, die in Berlin arbeiten, immer weiter raus. Zugleich sei es schon immer so gewesen, dass sich rund um Großstädte Biotope von kreativen Leuten wie Künstler oder Autoren gebildet hätten. Als „temporären Ausbruch aus dem Großstadtdschungel“ bezeichnet das Rauch.

Temporärer Ausbruch aus dem Großstadtdschungel

Temporärer Ausbruch aus dem Großstadtdschungel.

Quelle: Patrick Pleul

„Hip, Hipster, Brandenburg!“ - diesen Slogan griff vor kurzem der Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen auf. „Wir wollten damit dazu animieren, dass Berlin und Brandenburg stärker kooperieren“, erläutert Pressesprecher David Eberhart. Es gebe verstärkt Interesse von Berlinern, nach Brandenburg zu ziehen. Und dort gebe es auch die tollen Altbauwohnungen mit hohen Stuckdecken an schönen Marktplätzen wie in Berlin. Die Potenziale in Städten, die nahe an der Hauptstadt liegen, müssten noch stärker herausgekehrt werden.

Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt Franziska Pollin, die vom Land gefördert die Populärmusikszene in Brandenburg unterstützt und an einem Netzwerk arbeitet. „Es gibt unglaublich viel kreatives Potenzial“, sagt sie. Das müsse aber sichtbarer gemacht werden. Bereits jetzt hätten viele Festivalveranstalter das Land Brandenburg für sich entdeckt. Allein 40 Festivals habe es in diesem Jahr über das Land verstreut gegeben - von Electro bis Jazz. Viele Veranstalter seien aus Berlin. Brandenburg sei attraktiv, weil viele Orte noch unbesetzt seien, sagt Pollin.

Zurück in der Uckermark. In einem ehemaligen Hühnerstall. Die 29 Jahre alte Vereinsmitbegründerin Larissa Rosa Lackner hat noch viele Ideen für die Künstlerresidenz. Bald soll dort eine Sauna entstehen, wie sie sagt. Von den Ortsansässigen gebe es viel Zuspruch. „Am Anfang hat sich hier jeder gefragt, was das hier wird. Jetzt ist das anders.“ Ihre Kollegin betont: „Dieser Ort ist wie eine Spielwiese. Es kann noch soviel passieren.“

Von Anna Ringle

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