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Hochzeit am Vorabend des Pogroms

Vor 75 Jahren brannten die Synagogen Hochzeit am Vorabend des Pogroms

Die Storkower Juden Gerda und Harry Todtenkopf gaben sich am 8. November 1938 das Jawort – von den barbarischen Ereignissen am Folgetag ahnten sie da nicht. Einen Tag später brannten in ganz Deutschland die Synagogen.

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Gerda und Harry Todtenkopf auf ihrem Hochzeitsbild – von den barbarischen Ereignissen am Folgetag ahnten sie da nichts.

Quelle: Privat

Potsdam. Ihr Lachen ist unbeschwert, ja ausgelassen, als gelte es, den unerbittlichen Nazi-Terror mit einer makellosen Aufnahme fürs Fotoalbum vergessen zu machen. Es ist der 8. November 1938, am Vorabend der Pogromnacht gegen die Juden, als sich Gerda und Harry Todtenkopf in Storkow (heute Oder-Spree) das Jawort geben.

Was folgt, übertrifft den Schrecken der vergangenen fünf Jahre, in denen E inschüchterung und Diffamierung zunehmend der Verfolgung gewichen sind. Immer systematischer wird der judenfeindliche Terror, der in der Vernichtungsmaschinerie von Auschwitz enden soll. In der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 inszenieren die Nazis die Vorstufe des bürokratisch organisierten Massenmords. Reichsweit plant und lenkt das Regime Ausschreitungen gegen Juden, deren Synagogen, Friedhöfe und Geschäfte, lässt SA- wie SS-Truppen stürmen und schänden, verhaften und morden. Vielerorts gleichgültig hingenommen, nicht selten unterstützt von der Bevölkerung.

Das Geschäft des Textilkaufmanns Todtenkopf – noch unversehrt.

Quelle: Privat

In Storkow trifft es die Familie Todtenkopf – sie ist ein Beispiel unter Tausenden in Brandenburg und Deutschland. „Das Schicksal ist berührend“, sagt Elke-Vera Kotowski. Das Hochzeitsfoto wird die Potsdamer Historikerin ebenso in ihrem Buch über die Geschichte des Judentums im heutigen Brandenburg veröffentlichen wie eine Aufnahme des unversehrten Storkower Geschäfts des Seniorschefs Felix Todtenkopf. Wie überall im „Dritten Reich“ zerbarsten auch die Schaufenster seines Ladens. Während des Novemberpogroms ging weit mehr zu Bruch als ein paar Fensterscheiben, wie es der Begriff der „(Reichs-)Kristallnacht“ nahelegt, den die Nazipropaganda in zynischer Umdeutung vom Volksmund übernahm.

75 Jahre ist das her. Ein Menschenleben lang, mehr nicht. Und doch könnte jüdische Kultur dem gemeinsamen Gedächtnis ferner kaum sein.

Else-Vera Kotowski, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Moses-Mendelssohn-Zentrum der Universität Potsdam, erforscht die Geschichte jüdischer Kultur in Brandenburg. Die Pogrome, der Holocaust – das sei nicht alles, betont sie. Ihren Antisemitismus haben die Nazis mit mörderischer Gründlichkeit in die Tat umgesetzt, aber sie waren seinerzeit längst nicht die einzigen Judenfeinde. Vorurteilsgetriebene Hetze, das war im frühen 20. Jahrhundert gesellschaftsfähig, quer durch die sozialen Schichten und politischen Parteien. Kotowski ist das genauso wichtig wie der Blick auf die bis 1933 über Jahrhunderte gewachsene jüdische Kultur hierzulande.

Die Bilder der Schaulustigen vor der Potsdamer Synagoge haben Seltenheitswert. Nirgendwo sonst in Deutschland wurden die „arischen“ Gaffer vor den zerstörten Synagogen festgehalten.

Quelle: Potsdam-Museum für Geschichte

Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, zählte die damals preußische Provinz Brandenburg 7616 Angehörige jüdischen Glaubens. In Frankfurt an der Oder waren es 669 Gemeindemitglieder, in Brandenburg an der Havel 483, in Potsdam 407, in Cottbus 376. Die großen Städte waren die Zentren jüdischer Kultur, allen voran Berlin, wo mit 150 000 die meisten Juden lebten. Für Brandenburg kann Historikerin Kotowski 44 Synagogen mit Quellen belegen, darunter prächtige Bauten wie in Potsdam und Cottbus, vornehmlich aber zurückhaltende
Beträume und sogenannte Hinterhaussynagogen. In der Pogromnacht schändete der Mob 25 Gotteshäuser, davon wurden 19 ganz zerstört.

Worin wurzelten Hass und Gewalt? Waren die Juden den vorgeblichen „Ariern“ zu ähnlich geworden, wie die Orthodoxen später schließen sollten? Die jüdischen Gotteshäuser jedenfalls waren über die Jahrhunderte immer weiter an die Zentren der christlichen Orte herangerückt. „Im Mittelalter standen die Synagogen außerhalb der Stadt“, sagt Kotowski. In der Zeit bis zum ausgehenden 19. Jahrhundert hingegen, erklärt die Historikerin, waren den Juden äußere Akzeptanz und inneres Selbstbewusstsein erwachsen. Das Emanzipationsedikt hatte die einstigen Ausländer 1812 – bei allen Einschränkungen, die König Friedrich Wilhelm III. vornahm – zu weitgehend gleichberechtigten preußischen Staatsbürgern gemacht.

Davon zeugen um die Jahrhundertwende entstandene Bauten, die in ihrem Erscheinungsbild mit christlichen Kirchen konkurrierten und das Stadtbild prägten – wie die Potsdamer Synagoge, erbaut im Stil des Neobarock, 1903 geweiht, 1938 geschändet, 1945 zerstört, 1954 abgerissen. Die im neoromanischen Stil errichtete Synagoge in Cottbus ging im Novemberpogrom in Flammen auf, ihre Trümmer mussten nach dem Krieg einem Kaufhaus weichen, erbaut im 60er-Jahre-Grau der DDR.

„Die Synagoge war immer ein Symbol jüdischen Lebens“, sagt Else-Vera Kotowski. „Das Novemberpogrom war der Versuch, dieses Leben zu vernichten.“ Ein Jahr später, 1939, zählt das Naziregime in der Provinz Brandenburg noch 3769 Juden im Sinne seiner Nürnberger Rassegesetze. Sie sollten immer weniger werden.

Retrospektiv erscheint das Novemberpogrom, in dessen Zuge in ganz Deutschland 30 000 männliche Juden verhaftet und Hunderte, vielleicht Tausende ermordet wurden, wie eine letzte Warnung. „1938 ist ein Schlüsseljahr in der Verschärfung der antisemitischen Politik“, sagt Monika Nakath. Die Historikerin am Brandenburgischen Landeshauptarchiv hat die nationalsozialistische Judenverfolgung mit Blick auf die Rolle der Bürokratie in Brandenburg aufgearbeitet.

Entrechtung, Verfolgung, Ermordung - und neues Leben

  • Das Novemberpogrom 1938 verschärfte den antisemitischen Terror im nationalsozialistischen Deutschland. Zuvor hatten die Nazis das öffentliche Leben weitgehend „arisiert“: Juden wurden zunehmend aus der Verwaltung, Wirtschaft und Kultur verdrängt und ihres Vermögens beraubt. Die Nürnberger Gesetze 1935 stellten alle „Nichtarier“ rechtlich außerhalb der „deutschen Volksgemeinschaft“.
  • Zum Vorwand des Pogroms machten die Nazis das Attentat eines Juden auf einen deutschen Diplomaten in Paris. Die scheinbar spontanen Ausschreitungen „von unten“ waren tatsächlich von langer Hand und staatlicher Seite geplant. Die Aktion markierte den Übergang zur 1941 auf der Wannseekonferenz beschlossenen Vernichtungspolitik.
  • Aktives jüdisches Leben ist mit der Wende nach Brandenburg zurückgekehrt. So gründeten sich Gemeinden in Potsdam (378 Mitglieder), Brandenburg an der Havel (120), Oranienburg (Oberhavel/93), Cottbus (413), Frankfurt an der Oder (204) und Bernau (Barnim/130).

6000 „Aktionsjuden“, so nannten die Nazis die während der ersten Novemberwochen verhafteten, überwiegend vermögenden Männer, pferchte die SS im Konzentrationslager Sachsenhausen (heute Oberhavel) zusammen. Mehr als die Hälfte stammte aus Berlin. Der Großteil kam wieder frei, geschunden und niedergerafft, nach Wochen, manche erst nach Monaten. Mit der unmissverständlichen Ansage, Deutschland unverzüglich zu verlassen.

„Die meisten Häftlinge sind entlassen worden, wenn sie nachweisen konnten, dass sie emigrieren“, sagt Horst Seferens von der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, die anlässlich des 75. Jahrestages der Pogromnacht eine Ausstellung kuratiert hat. Bei all dem Leid, das die Opfer erfuhren, die einen verloren in den Pogromen ihre ganze Habe, die anderen Freunde und Familienmitglieder – Deutschland zu verlassen, bedeutete Abschied zu nehmen von der Heimat.

In Storkow zählten Gerda und Harry Todtenkopf, das junge Brautpaar, zu den letzten Vertretern der jüdischen Gemeinde. Ein eigenes Gotteshaus gab es längst nicht mehr, als anderswo die Synagogen brannten. Die Todtenkopfs konnten in den USA Zuflucht finden – dort, wo heute ihre Enkel leben.

Von Bastian Pauly

  • Literatur: M. Berger, U. Faber, E.-V. Kotowski: „Synagogen in Brandenburg. Auf Spurensuche“, 256 Seiten. M. Nakath: „Aktenkundig: ,Jude!‘ – Nationalsozialistische Judenverfolgung in Brandenburg 1933–1945“, 352 Seiten
  • Ausstellung: „Novemberpogrom 1938. Berliner Juden im KZ Sachsenhausen“: KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen. Di–So 8.30–16.30 Uhr
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