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Hunderttausendfacher Nachwuchs

Tiermedizin Hunderttausendfacher Nachwuchs

Am Institut für Fortpflanzung landwirtschaftlicher Nutztiere in Schönow werden Fachleute für die künstliche Besamung ausgebildet. Sie brauchen für ihre Arbeit Fingerspitzengefühl und Sperma von Zuchttieren. Züchter aus Europa lassen in Schönow prüfen, wie gut die Sperma-Qualität bei einem Bullen oder Eber ist.

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Tierärztin Toschi Kaufmann (r.) bei der Ausbildung von Besamungsbeauftragten.
 

Quelle: IFN

Schönow.  Von wegen „Schwein gehabt“. Diese rosafarbenen Glücksbringer verstehen es sehr wohl, die Experten des Instituts für Fortpflanzung landwirtschaftlicher Nutztiere (IFN) in Schönow auf Trab zu halten. Soll das Sperma eines Zuchtebers für viele kleine kerngesunde Nachkommen sorgen, ist Eile angesagt. Binnen fünf Tagen muss das Sperma seine Abnehmer gefunden haben. Denn einfrieren ist nicht. Die Spermien brauchen eine Temperatur von 16 Grad Celsius. Das wiederum stellt besondere Anforderungen an die Hygiene im Umgang mit der wertvollen Fracht. Und ganz nebenbei: Der Glücksmoment eines Ebers bringt gerade mal 20 bis 40 Portionen für künstliche Besamungen. Das ist nicht gerade rekordverdächtig. Bei den Rindern kann ein Bulle mit einem Mal für 200 bis 500 Portionen sorgen, wie IFN-Direktor Markus Jung erklärt.

Sperma eines einzigen Bullen wird weltweit verkauft

Die Wissenschaftler des IFN im Bernauer Ortsteil Schönow (Barnim) sind Experten für die künstliche Besamung von Nutztieren. Sie geben Hygienestandards vor, prüfen die Qualität des Spermas von Zuchttieren, checken bei den Tieren die Abstammung und ob sie vielleicht Träger eines Erbfehlers sind. Wie wichtig es ist, eventuelle Erbfehler zu entdecken, erklärt Tierärztin Toschi Kaufmann, die am IFN arbeitet: „Das Sperma eines einzigen Bullen kann heutzutage weltweit verkauft werden.“ Da sei es wichtig, die Zucht nicht zu gefährden. Bei einer Temperatur von -196 Grad Celsius wird Bullensperma eingefroren. Mindestens zehn Jahre lang kann es so gelagert und bei Bedarf aufgetaut werden, ohne einen Schaden zu nehmen. So ist es möglich, dass ein prächtiger Bulle hunderttausendfachen Nachwuchs in zig Ländern der Welt hat.

Dienstleister für Züchter

35 Beschäftigte hat das IFN Kompetenzzentrum Schönow im Barnim.

Der privatwirtschaftlich als GmbH organisierte Teil des IFN ist ein Dienstleister für Züchter und bietet den Qualitätscheck von Sperma sowie Gendiagnostik an.

Der Bereich des IFN e.V. widmet sich der Forschung und der Aus- und Weiterbildung von Fachkräften der künstlichen Besamung.

Das IFN im Bernauer Ortsteil Schönow wurde 1958 als Institut für Biotechnik der Fortpflanzung gegründet.

Zuchtverbände aus ganz Deutschland sowie Züchter aus der Schweiz, den Niederlanden, Dänemark, Österreich und sogar England schicken Proben ihrer Tiere zur Prüfung nach Schönow. Die Brandenburger gehören zu den wenigen Experten, die sich im deutschsprachigen Raum auf die Reproduktionsmedizin von Nutztieren spezialisiert haben. Jung zufolge wird in der modernen Tierhaltung zu 90 Prozent auf die künstliche Befruchtung gesetzt. In Schönow wird die künstliche Besamung schon seit 1958 erforscht. Damals begann der Mensch in die Fortpflanzung einzugreifen, um die Übertragung von Tierseuchen zu verhindern.

 Portionen für künstliche Besamung von Schweinen (u) und Rindern (o)

Portionen für künstliche Besamung von Schweinen (u.) und Rindern (o.).

Quelle: Ute Sommer

Heute werden im Abstammungslabor des IFN die Spermien von Zuchttieren genau untersucht. Mit modernster Technik wie einem Durchflusszytometer können innerhalb kürzester Zeit bis zu 15.000 Spermien automatisch gecheckt werden. Es gibt aber auch die gute alte Kontrolle am Mikroskop. Jana Schäfer nimmt gerade 200 Spermien von einem Eber unter die Lupe. Sind die Köpfe und Schwänze richtig ausgeprägt? Ist der Reifegrad okay? Ziel ist es, so Schäfer, die Qualität so genau zu bestimmen, dass mit möglichst wenig Sperma viele Portionen zur künstlichen Besamung gebildet werden können – und der erwartete Erfolg trotzdem nicht ausbleibt. „Die Untersuchungen hier bewegen sich auf dem Niveau der Humanmedizin“, erklärt IFN-Chef Markus Jung.

Schwerpunkt der Analyse und Forschungsarbeit am IFN ist das Rind. Wissenschaftler wie Sarah Peter nehmen diejenigen Krankheiten und Umweltbedingungen aufs Korn, die verhindern können, dass Kühe trächtig werden. Beispiel: Gebärmutterentzündungen. Tierärztin Sarah Peter konnte in einer Studie nachweisen, dass mit der Gabe eines sogenannten Probiotikums auf lange Sicht diese Erkrankung eingedämmt werden kann. „Die Tiere werden schneller gesund und zum richtigen Zeitpunkt wieder tragend“, erklärt Peter. Für Milchviehhalter ist das ein großer finanzieller Vorteil.

Besamungsbeauftragte lernen am Kuh-Modell „Betsy“

„Der Wissenstransfer ist hier am Institut etwas ganz Besonderes“, sagt Toschi Kaufmann. An der Universität diskutiere man mit Wissenschaftlern über Dinge, die die Landwirte betreffen. In Schönow dagegen könne sie neue Erkenntnisse direkt an die Betriebe weitergeben. Kaufmann ist am IFN zuständig für die Aus- und Weiterbildung von Besamungsbeauftragten. Wichtige Assistentin dabei ist „Betsy“. Ein Import aus Australien. Eine Kuh. Wenn auch nur in sehr rudimentären Zügen. Es ist ein Modell mit einer gelb-grünen Kordel als Schwanz und mit der Darstellung der wichtigsten Organe für die künstliche Besamung. Kaufmann schult an diesem Modell die Besamer darin, „sensibel mit dem Tier umzugehen“. Bei der vielen Technik im Stall trete mitunter das Tier in den Hintergrund, erklärt Toschi Kaufmann. Wenn allerdings Besamungstechniker die Hand anlegen, um einen „Shot“ Bullensperma in die Kuh einzuführen, muss das präzise und einfühlsam passieren.

Von Ute Sommer

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