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Brandenburg „Unsere Jugend ist viel besser als ihr Ruf“
Brandenburg „Unsere Jugend ist viel besser als ihr Ruf“
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00:50 02.05.2018
Peter Heydenbluth, der Präsident der Potsdamer Industrie- und Handelskammer (IHK). Quelle: Julian Stähle
Potsdam

Die Meldung klingt alarmierend: Jeder vierte Auszubildende bricht seine Lehre ab. Wie es um die Nachwuchsgewinnung steht und wie sie besser werden kann, erklärt Peter Heydenbluth, Präsident der Industrie- und Handelskammer Potsdam.

Herr Heyenbluth, jeder vierte Auszubildende schmeißt hin. Was machen die Betriebe falsch?

Peter Heyenbluth: Das hat nur selten mit Enttäuschung oder Unzufriedenheit zu tun. Es gibt eine Probezeit, in der jeder entscheiden kann, ob der Beruf oder Betrieb etwas für ihn ist oder nicht. Falls nicht, werden Verträge in beiderseitigem Einvernehmen aufgelöst. Die allermeisten Jugendlichen fangen dann in einem anderen Betrieb eine Ausbildung an.

Trotzdem: Jeder Vierte, in einigen Bereichen sogar jeder Dritte, greift erst mal daneben. Ist die Berufsorientierung so schlecht?

Die Berufsorientierung kann immer noch besser werden, vor allem in den Schulen. Aber vom Hinschmeißen kann in den meisten Fällen keine Rede sein. Unsere Jugend und unsere Unternehmen sind viel besser als ihr Ruf.

Was läuft schief in der Berufsorientierung?

Wir sehen manches zu schematisch. Dabei ist ein Architekt, der vor seinem Studium einen Bauberuf gelernt hat, sicher nicht der schlechteste Architekt. Warum also Wartesemester abbummeln und zu Hause herumsitzen, wenn man in der Zwischenzeit in der Praxis eine Lehre machen kann? Und nebenbei bemerkt: Man kann heute in manchem Ausbildungsberuf mehr verdienen und mehr Spaß und Sicherheit haben als mit einem Bachelor- oder Masterstudium. Und während der Lehre organisieren wir sogar attraktive Auslandspraktika. All das muss man den Jugendlichen und auch Eltern noch öfter sagen.

Zur Person

Peter Heyenbluth (57) ist seit September 2017 ehrenamtlicher Präsident der Industrie- und Handelskammer Potsdam, der größten Wirtschaftsvertretung des Landes. Er ist damit Sprachrohr von rund 76 000 Mitgliedsbetrieben.

Im vergangenen Herbst war er in das Amt gewählt worden, nachdem die IHK-Präsidentin Beate Fernengel ihren Rückzug bekannt gegeben hatte.

Heydenbluth ist Geschäftsführer der mittelständischen Recyclingfirma ERV in Oranienburg (Oberhavel). Seine Firma verwertet unter anderem organische Abfälle, die in Gastronomie und Hotels anfallen.

Geschieht das nicht in den Schulen?

Die Berufsorientierung muss flächendeckend über Partnerschaften zwischen Schulen und Unternehmen funktionieren. Wir gehen als IHK Potsdam in die Schulen und betreiben dort inzwischen 45 digitale „schwarze Bretter“. Auf denen werden nicht nur Änderungen im Stundenplan, sondern auch aktuelle Praktikums- und Ausbildungsplätze sowie alle Ausbildungsmessetermine angezeigt. Aber nur, wenn auch die Schulen mitmachen, kann eine passgenaue Vermittlung von Lehrstellen stattfinden. Geschieht das alles nicht, segeln die jungen Leute zu lange im Nebel.

Sind die Schulen zu zögerlich? Verweigern sie sich?

Es ist wie überall. Es liegt immer an den handelnden Personen.

Viele Schüler gehen lieber studieren, auch weil die Eltern das wollen. Was machen Sie dagegen?

In unserer Region haben über ein Drittel der Auszubildenden das Abitur. Auch ich habe meine Laufbahn mit einer Berufsausbildung angefangen und mich danach ständig weiterqualifiziert.

Es wird für viele Betriebe trotzdem immer schwerer, Nachwuchs zu finden. Wie kann die Ausbildung attraktiver werden?

Es wäre ein wichtiges Signal und ein gutes Marketing für den Wirtschaftsstandort Brandenburg, wenn das Land in die Mobilität von jungen Leuten investieren und ein Azubi-Ticket finanzieren würde. Das wäre mal ein echter Beitrag zur Fachkräftesicherung.

Es soll also eine ähnliche Regelung sein, wie es sie für Studenten mit dem Semesterticket gibt?

Studierende haben in Brandenburg ein Anrecht auf ein Semesterticket und können Busse und Bahnen kostenfrei nutzen. Was aber ist mit unseren Auszubildenden? Über die redet kaum einer. Das Land muss ein generelles Azubi-Ticket für den Öffentlichen Personennahverkehr möglich machen. Und zwar für jeden einzelnen Azubi, der in Brandenburg lernt. Dafür muss das Geld da sein. Ich denke da zum Beispiel an die übrig gebliebenen Mittel für die umstrittene und abgesagte Kreisgebietsreform. Damit soll doch in die Zukunft des Landes investiert und die Attraktivität in der Fläche erhöht werden.

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Scheitern denn Ausbildungsverträge daran, dass die Leute kein Auto haben oder ihnen das Geld für den Zug fehlt?

Darüber führen wir kein Buch, aber das liegt auf der Hand. In jungen Jahren ist man nicht so gut ausfinanziert, da spielen die monatlichen Fahrtkosten eine große Rolle. Gerade in einem Flächenland wie Brandenburg.

Warum zahlen die Betriebe nicht einfach eine höhere Vergütung?

Eine Ausbildungsvergütung ist kein Stundenlohn, sondern unterstützt die Eltern bei der Erstausbildung ihrer Kinder. Es gibt aber Firmen, die zusätzlich etwas drauflegen, zum Beispiel Essengeld, Tankschecks oder Ähnliches. Wir sehen zusätzlich das Land in der Pflicht, die Wirtschaft zu unterstützen. Zu viele Brandenburger Jugendliche machen ihre Ausbildung noch in Berlin. Dem müssen wir doch etwas entgegensetzen. Eher sollen die Berliner als Azubis zu uns kommen und ebenfalls davon profitieren.

Der Bund will eine Mindestausbildungsvergütung einführen. Wird das die Lehre attraktiver machen?

Als Unternehmer sage ich: Wenn man die Besten der Besten will, muss man gut bezahlen. Da müssen manche Betriebe in Brandenburg noch nachlegen. Aber prinzipiell wird in vielen Branchen schon sehr ordentlich gezahlt. Etwa ein Drittel – und das ist hilfreich – gibt freiwillig heute schon mehr als die tarifliche Ausbildungsvergütung.

Sehen Sie die Gefahr, dass sich Unternehmen aus der Ausbildung zurückziehen, wenn sie immer wieder inserieren, aber keine geeigneten Bewerber finden?

Das glaube ich nicht. Es wäre fahrlässig und im Einzelfall auch betrieblicher Selbstmord. Wo sollen denn die Mitarbeiter von morgen herkommen, wenn wir nicht ausbilden?

Von Torsten Gellner

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