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Brandenburg René Wilke: „Ich will kein Arschloch werden“
Brandenburg René Wilke: „Ich will kein Arschloch werden“
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21:16 19.04.2018
„Hoffnung ist die Antwort. Nicht Wut und Hass“: Der neu gewählte Oberbürgermeister Rene Wilke (Linke) im Gespräch mit der MAZ. Quelle: Bernd Gartenschläger
Potsdam

René Wilke ist mit 33 Jahren der jüngste Oberbürgermeister im Land. Am 6. Mai wird der Linken-Politiker in Frankfurt (Oder) in sein neues Amt eingeführt.

Herr Wilke, noch nie stellte die Linke einen Oberbürgermeister in Brandenburg. Sie gehören plötzlich zu den erfolgreichen Politikern Ihrer Partei. Was bedeutet Ihnen ein solcher Erfolg?

Ich habe dieses Gefühl so nicht. Na klar freue ich mich, dass meine bisherige Arbeit für meine Stadt von den Bürgern honoriert wurde. Im Amt des Oberbürgermeisters muss ich Erfolg aber erst erarbeiten. Es ist ein Vorschussvertrauen, das ich rechtfertigen muss.

Was können andere Wahlkämpfer von Ihnen lernen? Sie haben schließlich nicht nur den Amtsinhaber geschlagen, sondern auch noch in Gaulands Bundestagswahlkreis die AfD sowie CDU und SPD.

So ein Wahlsieg ist nicht kopierbar. Manches kann Vorbildcharakter haben. Ich denke, dass viele den Weg eher scheuen werden, den ich gegangen bin.

Inwiefern?

Ich habe mich bewusst entschieden, ein paar Dinge komplett anders zu machen als bisher. Vor allem wollte ich mich damit wohl fühlen. So habe ich mein Wahlprogramm nicht allein oder im kleinen Parteikreis geschrieben, sondern in sogenannten Zukunftswerkstätten mit den Bürgern. Ich kam in meinen „Wohnzimmergesprächen“ sehr nah an die Problemlage von Leuten heran, die zuvor noch nie mit Politikern gesprochen haben oder seit der Wende arbeitslos sind. Die würden nie zu Podiumsrunden kommen und dort ihr Herz auszuschütten. Das war für mich enorm wichtig. Auch wenn es jeweils nur acht bis 14 Leute waren, die ich getroffen habe.

Aber solche Formen im Wahlkampf sind jetzt auch nicht ganz neu. Was war am Ende ausschlaggebend?

Ich denke, Vertrauen bei den Bürgern zu gewinnen, ist das Wichtigste in der Politik. Und das schafft man nicht, indem man nur in Wahlzeiten da ist. Ich habe seit 2014 mein Stadtverordnetenmandat parallel zur Arbeit im Landtag sehr intensiv wahrgenommen. Ich war für die Leute präsent und ansprechbar. Ich habe regelmäßig, vor allem in den sozialen Netzwerken, berichtet, was ich getan habe und voran bringen konnte. Ich stand übrigens auch außerhalb des Wahlkampf an Infoständen.

Sie haben auf Angriff und Attacke gänzlich verzichtet, obwohl die komplette Stadtspitze ihre Gegenkandidaten waren. Warum?

Ich wollte keinen Anti-Wahlkampf machen, wie es einige von mir erwartet hatten, sondern einen „Frankfurt-geht-besser-Wahlkampf“. Ich habe mich auf positive Botschaften mit konkreten Projekten konzentriert. Und einen fairen und respektvollen Umgang mit allen Gegenkandidaten gewahrt.

War ein solcher zurückhaltender Wahlkampf aus der Opposition heraus nicht auch ein Risiko?

Wenn Politik sich gegenseitig nur fertig machen will, richtet das langfristig Schaden an. Politiker denken dann, dem habe ich aber eine eingeschenkt, wow. Am Ende kommt aber immer nur die Botschaft an: Die beharken sich, reden schlecht übereinander und halten sich gegenseitig für ganz schön dämlich. Wer auf dieser Welle surft – und ich erlebe das häufig im Landtag –, der kann kurzfristig damit Erfolg haben. Langfristig führt das aber dazu, dass Politik sich selbst delegitimiert.

Da dürften Sie mit dem harten, brachialen Oppositionskurs wenig anfangen können, den Ihre Partei im Bundestag gegen die Große Koalition fährt?

Meine Partei muss vor allem lernen, dass beide Stile nebeneinander gehören und der Kampf gegeneinander aufhören muss, weil er destruktiv ist. Ich finde schon, dass ein Teil meiner Partei überzieht und mit Wut und Empörung arbeitet ...

... und da ist man schnell bei der AfD?

Ja, wir tummeln uns tatsächlich auf einem ähnlichen Feld. Ein Teil der Linken ist im Wettstreit mit der AfD, wer sich härter mit der Regierung auseinandersetzt. Das halte ich für den falschen Weg. Hoffnung ist die Antwort. Nicht Wut und Hass.

Auf ihren Wahlplakaten tauchte der Name Ihrer Partei nur ganz klein am Rande auf. Wollten Sie Ihre Mitgliedschaft verleugnen?

Nein. Ich bin die Linke in Frankfurt, habe die Partei aber bewusst ein Stückchen hinten an gestellt. Je mehr alles unter einem Parteilabel steht, um so mehr wird der Eindruck erweckt, daraus speist sich allein mein Handeln. Ich will offen sein für andere politische Gedanken und für Zusammenarbeit. Diese Anschlussfähigkeit halte ich für wichtig.

Wer sind Ihre politischen Vorbilder?

Ich komme aus der Schule von Lothar Bisky, für den ich mehrere Jahre gearbeitet habe. Da habe ich gelernt, wie man sich kritisch mit einer Regierung auseinandersetzen kann, ohne den anderen abzuurteilen. Kein Politiker macht nur Mist. Keiner hat nur blöde Ideen. Diese differenzierte Tonart hat mich immer sehr beeindruckt.

In Brandenburg geht die Linke neue Wege und öffnet sich auch für eine Koalition mit der CDU, was bislang undenkbar war. Wie finden Sie diese Annäherung?

Ich finde diese Signale richtig. Wir müssen bereit sein, mit allen demokratischen Parteien zu reden. Die Debatte ist aber viel zu früh, hat keinen realen Boden. Ich glaube, sie hat viel mit der brandenburgischen SPD zu tun. Es gibt bei manchen eine Sehnsucht, dass die SPD von ihrem hohen Ross herunter kommt.

Ist die Zeit vorbei, dass die SPD immer die Landtagswahlen gewinnt und sich den Koalitionspartner aussuchen kann?

Die SPD in Brandenburg hatte stets, wie zu Zeiten von Matthias Platzeck mit dessen „vorsorgenden Sozialstaat“, eine Erzählung, in die sie ihre Politik einbettete. Die Leute hatten das Gefühl, dahinter steckt eine Idee, ein Plan für das Land, wohin es gehen soll. Und sie verstanden, wenn andere Ziele warten mussten und nicht umgesetzt wurden. Die jetzige Landesregierung kann auf viele sehr gute Einzelprojekte verweisen, die für sich auch okay sind, dem Land helfen und diesen und jenen befriedigen. Sie schafft es aber nicht, eine Stimmung im Land zu erzeugen, die Vertrauen und Zutrauen signalisiert. Und das ist das Problem. Da schließe ich uns mit ein.

Die Erwartungen an Sie in Frankfurt (Oder) sind groß. Haben Sie die Sorge, dass der versprochene Neustart ein Himmelfahrtskommando wird?

Ich würde sogar sagen, ich habe Schiss, Hoffnungen nicht zu erfüllen. Aber die Sorge ist auch gut. Das treibt mich immens an, mir den Hintern aufzureißen und jeden Tag das Beste zu geben.

Fürchten Sie, dass Sie im Amt ihre jetzige Unbeschwertheit und Offenheit verlieren werden?

Eine große Gefahr für jeden Politiker ist es, ein Arschloch zu werden. Ich habe den Eindruck, dass sich Politiker gerade in hohen Funktionen verändern. Sie bauen entweder eine Art Mauer oder Schutzschirm auf. Oder sie gehen auf Distanz, die einem ganz schnell als Überheblichkeit ausgelegt wird. Das kommt auch durch all die Angriffe denen man täglich ausgesetzt ist. An dieser Stelle beginnt dann die Entfremdung und schon ist man ein anderer Mensch geworden. Ich habe mir fest vorgenommen: Ich will kein Arschloch werden!

Zur Person

Rene Wilke (33) setzte sich am 18. März in der 59 000-Einwohner-Stadt Frankfurt (Oder in einer Stichwahl gegen den langjährigen Amtsinhaber Martin Wilke (parteilos) durch, mit dem er nicht verwandt ist. Rene Wilke erhielt 62,5 Prozent der Stimmen, sein Namensvetter holte 37,5 Prozent.

Im ersten Wahlgang hatte René Wilke, der auch Fraktionsvorsitzender der Linken im Frankfurter Stadtparlament ist, 43,4 Prozent der Wählerstimmen erhalten und sich gegen vier Kandidaten durchgesetzt. Unterstützt wurde Wilke von den Grünen und einer Frankfurter Bürger-Initiative.

Sein Landtagsmandat wird er niederlegen, das er 2014 in seiner Heimatstadt Frankfurt direkt gewann. Im Landtag war er stellvertretender Fraktionschef und finanzpolitischer Sprecher. Wilke, der ein begeisterter Radsportler ist, lebt in der Oderstadt Frankfurt und hat eine Freundin, die zwei kleine Kinder hat.

Von Igor Göldner

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