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„Ich würde so was in der Art nicht mehr tun“

ICE-Entführer: Details aus dem Prozess „Ich würde so was in der Art nicht mehr tun“

Er nahm den Frühzug von Berlin nach Hamburg und zog eine Schreckschusspistole. Der Entführer wollte etwas für Israel und gegen die Anerkennung eines Palästinenserstaates tun. Als ihn seine Geiseln nicht so richtig ernst nahmen, schoss er. Vor Gericht wird es um seine Zurechnungsfähigkeit gehen. Wir haben ausführliche Details vom Prozess.

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Der Angeklagte David S. hinter Panzerglas.

Quelle: dpa

Berlin. David S. hatte etwas Großes vor. Schon seit Längerem, so heißt es in einem Gutachten über den 24-Jährigen, habe er den Plan verfolgt, „grundsätzlich etwas Radikales“ für Israel zu tun. Denn mit Israel fühlt sich David S. „emotional sehr verbunden“, wie er selbst sagt. Wegen seiner christlichen Erziehung und wegen seiner beiden Großmütter, die jüdischer Abstammung seien.

Bei Nauen im Havelland wollte David S. seinen großen Plan umsetzen, doch seine politische Aktion, die im Nachhinein gleichermaßen naiv und verwegen anmutet, ging schief. Deswegen sitzt David S. am Freitag im Berliner Kammergericht hinter einem Kasten aus Sicherheitsglas, die Hände in Handschellen und sagt: „Ich würde so was in der Art nicht mehr tun.“

Staatsschutzdelikt gesondert verhandelt

Der Baden-Württemberger hatte im vergangenen November den ICE von Berlin nach Hamburg gekapert, um Bundespräsident Joachim Gauck dazu zu zwingen, die Anerkennung Palästinas als Staat „aufs Schärfste“ zu verurteilen. Außerdem forderte er eine halbe Million Euro in bar. Bewaffnet war er mit einer Schreckschusspistole, mit der er um sich schoss, aber niemanden verletzte. Ein couragierter Passagier konnte den Geiselnehmer überwältigen.

Der Angeklagte hat die Tat umfassend eingeräumt. Zunächst war sein Fall vor dem Potsdamer Landgericht verhandelt worden. Doch als sich herauskristallisierte, welche Motive den Zug-Entführer antrieben, überwiesen die Richter den Fall ans Berliner Kammergericht. Brandenburg hat mit Berlin per Staatsvertrag vereinbart, dass Staatsschutzdelikte dort behandelt werden.

Das Forderungsschreiben

Am 21. November zieht David S. (24) im ICE nach Hamburg bei Nauen (Havelland) eine Schreckschusswaffe, schießt um sich und zwingt den Zugbegleiter, eine politische Botschaft an die Verkehrsleitstelle zu übermitteln.

Wortlaut des Forderungsschreibens: „Ich, David Benjamin S., verlange Folgendes: 1. Der Bundespräsident Joachim Gauck, die Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel und der Außenminister Frank-Walter Steinmeier sollen in einer Pressekonferenz die Anerkennung Palästinas als Staat durch Schweden, Großbritannien und Spanien aufs Schärfste verurteilen und sich öffentlich gegen die Palästinenser und hinter die Juden und Israel stellen. Alles andere wäre reinster Wahnsinn! Ich sage nur: sechs Millionen Juden.

2. 500 000 Euro in Bar. Sobald eine dieser zwei Forderungen erfüllt ist, lasse ich die Hälfte der Passagiere gehen. … Falls es Komplikationen gibt, die es eigentlich nicht geben sollte: Ich habe 146 Schuss 9 mm. Mit freundlichem Gruß David B. S.“

Wirklich bedauern kann der Angeklagte seine Tat nicht, schließlich wollte er für eine, wie es ihm scheint, gerechte Sache kämpfen. „Ich wollte niemanden töten, habe die Waffe im Zug immer Richtung Boden gehalten“, sagt er. Doch offenbar nahmen ihn seine Geiseln zunächst nicht ganz ernst, als er kurz nach der Abfahrt des Früh-ICE 1618 vom Berliner Hauptbahnhof einem Zugbegleiter die Waffe zeigte und sein politisches Forderungsschreiben übergab. „Ich hatte den Eindruck, das wird nicht richtig wahrgenommen als Geiselnahme“, sagt er. „Deshalb hab’ ich in den Sitz geschossen.“

Psychiatrische Vorgeschichte

David S. hat eine psychiatrische und kriminelle Vorgeschichte. Er wird als Schüler beim Hasch-Rauchen erwischt, muss Sozialstunden ableisten. Er wird mit einer Waffe erwischt, kommt in Jugendhaft. Dort will er sich strangulieren, er kommt in die Psychiatrie, wo er einen Pfleger attackiert. Später lebt er in einer betreuten Wohngruppe, wo man ihm, wie er sagt, Steine in den Weg gelegt habe. „Ich wollte arbeiten, aber die haben gesagt, ich wäre noch nicht so weit.“ Zuletzt habe man ihm das Taschengeld vorenthalten, sagt er.

Am Montag, dem 17. November 2014, liest David S. im Internet, dass nach Großbritannien und Schweden auch das spanische Parlament eine Anerkennung Palästinas als Staat gefordert habe. Jetzt, denkt er, sei es an der Zeit, seinen großen Plan für Israel umzusetzen. „Ich habe nichts gegen Palästina“, sagt David S. „Aber solange die Hamas die Bevölkerung unterdrückt, halte ich die Anerkennung nicht für richtig.“

Minuten nach Abfahrt zieht er die Waffe

Er bestellt eine Waffe im Internet, fährt nach Berlin, sucht sich einen Frühzug heraus. Ein Frühzug deshalb, „weil da so wenige Leute drin sind, keine Kinder, keine älteren Leute“. Seine Wahl fällt auf den ICE 1618 nach Hamburg. Gegen fünf in der Früh steigt er am Hauptbahnhof ein, zehn Minuten später zeigt er dem Zugbegleiter die Waffe.

15 Jahre Haft drohen David S. – wenn er schuldfähig ist. Sein Geisteszustand dürfte in dem Prozess eine große Rolle spielen. Wie am Freitag bekannt wurde, musste der Angeklagte in der JVA Brandenburg/Havel wegen einer Überdosis intensiv-medizinisch behandelt werden. Er hatte 15 Tabletten gegen Depressionen aufgespart und auf einen Schlag genommen. Ein Suizidversuch sei das nicht gewesen, beteuert David S. „Ich weiß ganz genau, dass 15 Tabletten nicht ausreichen.“ Einmal als Kind habe er Hustensaft genommen und am nächsten Tag in Mathe eine sechs geschrieben. Auch Antibiotika vertrage er nicht, sagt der Angeklagte. „Da funktioniert mein Kopf nicht mehr so richtig.“ Beim Nasenspray sei das auch so.

Von Torsten Gellner

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