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Im Knast ist immer Weihnachten

Gefängniswerkstatt Im Knast ist immer Weihnachten

Vollzeit arbeiten gehen für gerade einmal 250 Euro – für die meisten Brandenburger kommt das wohl nicht in Frage. Für Enrico (31) ist diese Arbeit hingegen eine echte Chance. Er ist Strafgefangener in der JVA Brandenburg. Die MAZ hat ihn besucht.

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Häftling Enrico (31) verbüßt wegen Raubs eine Haftstrafe. Morgens um 6.15 Uhr beginnt seine Schicht in der Gefängnis-Werkstatt in Brandenburg/Havel.

Quelle: Julian Stähle

Brandenburg an der Havel. Enricos Händedruck will so gar nicht zu dem Bild passen, das man von ihm im Kopf hat. Weich, ganz vorsichtig reicht er einem die Hand. Er, der verurteilte Straftäter. „Raub, schwere Körperverletzung, solche Sachen halt“ hat Enrico begangen. Bis 2021 sitzt er deshalb in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Brandenburg/Havel ein. Fünf Mal in der Woche, um 6.15 Uhr, erscheint er an seinem Arbeitsplatz in der Manufaktur der Gefängniswerkstatt. Aus der Kanzel, wie der rundum verglaste Raum der Aufseher im Anstaltsjargon heißt, überwacht ein Wärter Enrico und die anderen Insassen.

Der Vollzugsbeamte Heino Vogel präsentiert Erzeugnisse aus dem Knast

Der Vollzugsbeamte Heino Vogel präsentiert Erzeugnisse aus dem Knast.

Quelle: Julian Stähle

Pflanztöpfe, Vogelhäuschen, vor allem jedoch weihnachtlichen Schmuck stellen die Gefangenen in der Manufaktur her. Feine Laubsägearbeiten stapeln sich an der Wand, sie werden im Dezember als Pyramiden und Schwippbögen in den Wohnzimmern der Brandenburger stehen. „Hier im Knast ist das ganze Jahr über Weihnachten“, sagt Marion Henke. Sie leitet die Produktionsstätten in den fünf Brandenburger Gefängnissen. „Der Weihnachtsschmuck ist ein dauerhafter Verkaufsschlager“, so Henke. „Deshalb wird er auch fast ganzjährig produziert.“

Gefangene können Schlosser, Gärtner oder Buchbinder sein

Rund 1300 Strafgefangene gibt es im Land, etwa 790 von ihnen arbeiten innerhalb der Anstalten. Die Gefangenen in Brandenburg an der Havel können Schlosser oder Gärtner sein, Buchbinder oder Tischler. Eine Lehre zum Tischler hatte einst auch Enrico angefangen. Damals, vor dem Raub. „Die hab ich dann aber abgebrochen“, erinnert sich der 31-Jährige. Nun sägt er im Knast an einer Eule herum, Gartendeko für die Leute draußen. „Die Arbeit macht mir Spaß“, sagt Enrico. „Ich habe was zu tun und verdiene ein bisschen dazu.“

Schmuck für den Tannenbaum ist bei den Kunden sehr beliebt

Schmuck für den Tannenbaum ist bei den Kunden sehr beliebt.

Quelle: Julian Stähle

Rund 240 Euro bekommt er im Monat für seine Tätigkeit in der Werkstatt. Ein Stundenlohn von unter zwei Euro. „Es geht den Gefangenen nur zum Teil ums Geld“, weiß Produktionsleiterin Marion Henke. „Sie sind vor allem an einem Zeitvertreib interessiert. Außerdem können sie die Fähigkeiten auch draußen nutzen.“

Schlafanzüge, Feuerschalen oder Gurken

Draußen. Da wohnen die Menschen, welche irgendwann die Eule kaufen werden, die Enrico aus den Holz entstehen lässt. Ungefähr fünf Euro kosten solche Dekorationsgegenstände bei „Meisterhaft“, dem offiziellen Knastshop. Neben der Holzdekoration gibt es hier Blumen aus der Hausgärtnerei, Schlafanzüge und Arbeitskleidung, Notizbücher, Feuerschalen, Heimtierkäfige. „Hier kaufen alle möglichen Kunden ein: aus der näheren Umgebung, Besucher, manchmal sogar die Freigänger“, sagt der Justizbeamte Heino Vogel. Er leitet den Meisterhaft-Laden, auch der Onlineshop untersteht Vogel. „Wenn es im Sommer hier Obst und Gemüse gibt, ist richtig was los“, so Vogel. Besonders die Gurken aus Knast-Anbau seien beliebt.

Einkauf hinter schwedischen Gardinen

Der Meisterhaft-Shop in der JVA Brandenburg an der Havel ist der zentrale Werksverkauf aller Brandenburgischen Justizvollzugsanstalten.

Er öffnet dienstags und donnerstags jeweils von 9 bis 12 Uhr und 12.30 bis 14.15 Uhr, am Donnerstag sogar bis 15.45 Uhr.

Online ist der Handel mit Knastprodukten unter www.meisterhaft-brandenburg.de zu erreichen.

Rund 200 000 Euro nimmt das Land im Jahr mit den Produkten aus seinen Gefängnissen ein, die Investitionen in die Werkstätten betragen ein Vielfaches. „Eine Kosten-Nutzen-Rechnung darf nicht nur Einnahmen und Ausgaben sehen“, sagt Brandenburgs Justizminister Helmuth Markov (Linke). „Die Beschäftigung in der Anstalt ist Teil der Resozialisierung und kann dabei helfen, in Freiheit nicht wieder straffällig zu werden. Da spart das Land dann am Ende richtig viel Geld.“

Justizminister Markov kauft manchmal hier ein

Auch Markovs Justizministerium gehört zu den Kunden der Tischlerei, die Büroausstattung stammt komplett aus der Brandenburger JVA. Privat kauft der Minister gelegentlich selbst im Knastshop ein. „Hier mal eine Figur, da mal eine Kleinigkeit“, sagt Markov. „Aber was genau, das möchte ich nicht verraten.“ Vielleicht wird es Markov sein, der Enricos Eule ein neues Zuhause gibt. Draußen, in Freiheit.

Von Saskia Popp

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