Volltextsuche über das Angebot:

3 ° / -3 ° Nebel

Navigation:
Der Richter und der Maskenmann

Am Freitag soll Urteil gesprochen werden Der Richter und der Maskenmann

Am Freitag wird in einem der spektakulärsten Prozesse in der Brandenburger Kriminalgeschichte das Urteil erwartet. Die MAZ erklärt, wie der Maskenmann-Prozess lief und welche Abwägungen der Richter Matthias Fuchs nun treffen muss.

Voriger Artikel
Streit um Erweiterung von Hemme-Milch
Nächster Artikel
Opposition kritisiert „Lex Platzeck“ scharf

Der Angeklagte Mario K. vor Gericht.

Quelle: dpa

Frankfurt (Oder). Sein jüngster Freispruch ist erst vier Wochen her. Anfang Mai hat Matthias Fuchs einen Rocker der Berliner Hells Angels freigesprochen, der wegen eines Überfalls angeklagt war. Aus Mangel an Beweisen. Am Freitag richten sich wieder alle Augen auf Richter Fuchs: Der 53-Jährige spricht das Urteil in einem der spektakulärsten Prozesse der Brandenburger Kriminalgeschichte, der längst zum Politikum geworden ist.

Vermutetes Motiv: Hass auf Reiche. Beweislage: dünn

Freispruch oder lebenslang: Matthias Fuchs hat es in der Hand. Der Vorsitzende Richter des Landgerichts Frankfurt (Oder) befindet nach über einem Jahr Prozess, ob der Dachdecker Mario K. tatsächlich der Maskenmann ist, der in Oder-Spree zwei Überfälle auf eine Unternehmerfamilie begangen und einen Banker auf spektakuläre Art und Weise entführt haben soll. Vermutetes Motiv: Hass auf Reiche. Die Staatsanwaltschaft, die sich auf ein Netz von Indizien wie Statur, Vorstrafen und ein vorgetäuschtes Alibi beruft, ist überzeugt: Mario K. ist der Täter aller drei Taten und muss lebenslang hinter Gitter. Die Nebenklage verlangt sogar zusätzlich Sicherungsverwahrung. Die Verteidigung sagt: Er ist unschuldig. „Sie schummeln beim Indizienpuzzle. Sie versuchen mit aller Macht, den Falschen zu hängen“, wie Mario K.s Co-Verteidiger Christian Lödden dem Staatsanwalt vorwarf.

Richter hat bereits im Mordfall Scholl ein Urteil gesprochen

Der Druck, der nun auf Fuchs lastet, ist riesig. Brandenburg hat schon andere spannende Indizienprozesse erlebt. Den Fall des Ludwigsfelder Ex-Bürgermeisters Heinrich Scholl etwa, der zu lebenslanger Haft wegen des Mordes an seiner Frau verurteilt wurde. Auch Scholl beteuerte wie Mario K. seine Unschuld. Auch bei Scholl gab es keine schwerwiegenden Indizien wie Fingerabdrücke. Der Maskenmann-Fall aber ist noch von einem anderen Kaliber: Er warf ein Schlaglicht auf die Zustände in der Brandenburger Polizei und setzte den damaligen Polizeipräsidenten Arne Feuring massiv unter Druck, der inzwischen als Innenstaatssekretär abdankte.

Der Vorsitzende Richter Matthias Fuchs (Mitte)

Der Vorsitzende Richter Matthias Fuchs (Mitte).

Quelle: dpa-Zentralbild

Der Angeklagte ist monatelang observiert worden

Eineinhalb Jahre nach dem ersten Überfall des Maskenmanns präsentierte die Polizeispitze den damals 46-jährigen Berliner Mario K. als Täter. „Wir haben den Richtigen“, sagte Feuring damals im Brustton der Überzeugung. Vorangegangen war eine der personalintensivsten Fahndungen, die Brandenburg je erlebt hatte. Monatelang wurde der vorbestrafte K., der in einem Camp im Wald lebte, oberserviert. Im Prozess beklagten Beamte der Soko „Imker“, dass sie einseitig gegen K. ermitteln sollten, während die Opfer, allen voran der entführte Banker, mit Samthandschuhen angefasst werden mussten. Einem Mann, der so viel Geld auf dem Konto habe, stelle man keine kritischen Fragen, soll der Soko-Leiter erklärt haben. Zweifeln an der abenteuerlichen Entführungsstory des Managers durfte nicht nachgegangen werden. Die vier Kritiker der Soko, die den Mut hatten im Prozess zu reden, wurden versetzt, gemobbt, von der Nebenklage als „Subjekte“ und „ewige zweite Garde der Brandenburger Polizei“ bezeichnet.

Urteil beurteilt auch die Ermittlungen der Polizei

Das Urteil, das Richter Fuchs zu fällen hat, ist deshalb nicht nur eines für oder gegen Mario K. Es wird auch als Beleg dafür gelesen werden, ob die Polizei korrekt und sorgfältig ermittelt hat oder nicht. Wird Mario K. für schuldig befunden, kann sich die Polizeiführung bestätigt fühlen. Die Frage, ob womöglich ein Unschuldiger hinter Gitter muss und die unter Erfolgsdruck stehende Polizei vorschnell einen Täter präsentiert hatte, wird angesichts der vielen Ungereimtheiten aber wohl noch lange im Raum stehen. Auf der anderen Seite: Was, wenn Mario K. aus Mangel an Beweisen freigesprochen wird, obwohl er es war? Dann wäre ein gefährlicher Straftäter wieder auf freiem Fuß.

Matthias Fuchs geht mit der Bürde über diesen komplizierten Fall richten zu müssen, äußerlich gelassen um. Der Mann, der gegen die Mutter der neun toten Babys von Brieskow-Finkenherd die Höchststrafe von 15 Jahren verhängte, verhält sich im Prozess wie ein Moderator. Er stellt wenige Fragen, seine Beisitzer gar keine. Fuchs erteilt das Wort den Zeugen, den Staatsanwälten, der Verteidigung. Er lässt die anderen in Saal 007 reden, sitzt leicht nach vorne gebeugt am Richtertisch und hört zu. Was er denkt über diesen kuriosen Fall, die Zweifel, die Nebelkerzen, die beide Seiten zünden, lässt sich daraus nicht ablesen.

Richter wird nur einmal laut während des Prozesses

Nur einmal wird er im Laufe des Prozesses energisch und laut. Als sich eine der kritischen Beamten im Zeugenstand aus Angst vor dienstrechtlichen Konsequenzen nicht traut, aus mitgebrachten Akten vorzulesen, beschlagnahmt Fuchs die Mappe kurzerhand noch im Gerichtssaal. Die meisten Beweisanträge der Verteidigung lehnt er jedoch ab. So zunächst auch jene, die darauf abzielen, kurz vor Prozessende im Mai einen weiteren Verdächtigen wieder ins Visier zu nehmen. Das Alibi eines Ex-Polizisten, der früh wieder von der Liste der möglichen Täter gestrichen wurde, wackelt laut einem Bericht des „Tagesspiegel“. Fuchs gibt sich erst unbeeindruckt, eröffnet dann aber überraschend doch wieder die Beweisaufnahme. DNA-Proben des Polizisten und seiner Ex-Frau werden mit Tatortspuren abgeglichen. Als es keine Übereinstimmung gibt, ist für Fuchs der Fall erledigt.

Manche Prozessbeobachter werten die Blitz-Beweisaufnahme als Alibi-Aktion. Um sich nicht dem Verdacht auszusetzen, parteiisch zu sein, habe Fuchs den wenig vielversprechenden Spuren-Abgleich vornehmen lassen. Denn was besage es schon, dass keine DNA des Polizisten gefunden wurde? Von Mario K. wurde ebenfalls keine DNA entdeckt.

In einem Blog wird der Prozess minutiös geschildert

Weil Fuchs sich während des Verfahrens nicht selbst dazu äußern kann, hatte für ihn zuvor Gerichtspräsident Holger Matthiessen das Wort ergriffen und sich gegen eine Beeinflussung durch die Politik verwahrt. Die CDU-Fraktion hatte nach den Berichten über den Ex-Polizisten eine erneute Beweisaufnahme gefordert. Richter Fuchs, Vater von zwei Töchtern, ist selbst CDU-Mitglied. Sein Ortsverband Großbeeren postet bei Facebook ein Foto aus dem Gericht und kommentiert: „Ein außergewöhnlicher Verband mit außergewöhnlichen Mitgliedern. Hier mal unser ,Richter’“.

Auch andere beschäftigen sich mit dem Maskenmann-Fall im Internet: Ein Sachverständiger für Personenschutz aus dem Rheinland verfolgt jeden Prozesstag. Er sitzt stets neben dem Beobachter, den die Soko-Spitze in den immer gut besuchten Zuhörerbereich geschickt hat, und verfasst detailreiche Blog-Beiträge. Meist zugunsten der Staatsanwaltschaft. Verteidiger Axel Weimann hatte beantragt, den Blogger, der ihm im Netz „menschenunwürdiges Gebaren“ gegenüber den Opfern vorwirft, als Zeugen zu hören. Das Gericht lehnte das ab.

Verteidiger bezeichnet Angeklagten als „komischen Typ“

Mit Axel Weimann hat Mario K. einen bekannten Berliner Strafverteidiger an seiner Seite. „Sympathisch ist anders“, sagt Weimann über seinen Mandanten. Ein komischer Typ, der im Wald die Gesellschaft scheut. Der auf einen Jugendlichen geschossen, Yachten angezündet, eine Vietnamesin rassistisch beleidigt hat. Aber der Maskenmann? Nein, das sei Mario K. nicht. „Ein Gefühl kann nie für eine Verurteilung reichen“, sagte Weimann in seinem Plädoyer Richtung Richterbank.

Fuchs könnte auch einen Mittelweg wählen. Eine hohe, aber nicht lebenslange Strafe. Am schwersten wiegt bei der Festsetzung des Strafmaßes nicht die Entführung, sondern der Schuss auf den Wachmann Torsten H. beim zweiten Überfall des Maskenmanns. Die Anklage wertet den Angriff, seit- dem H. im Rollstuhl sitzt, als versuchten Mord und verlangt schon allein dafür lebenslang. Ob die Mordmerkmale erfüllt sind, muss das Gericht prüfen.

„Wollen Sie noch etwas sagen?“, fragte Fuchs den Angeklagten am Montag. Mario K. schüttelte nur leicht den Kopf – und schwieg, wie den ganzen Prozess über. Nun hat der ruhige Richter das letzte Wort.

Von Marion Kaufmann

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Brandenburg

Die olympischen Spiele werden künftig nicht mehr bei ARD und ZDF übertragen - eine gute Entscheidung?

MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg