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Brandenburg Im Wahn: Was vor dem Dreifachmord geschah
Brandenburg Im Wahn: Was vor dem Dreifachmord geschah
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10:11 24.03.2017
Quelle: dpa
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Potsdam

Justizminister Stefan Ludwig (Linke) hat am Donnerstag im Rechtsausschuss des Landtags den Ablauf der Zeit vor der Todesfahrt von Beeskow und Müllrose (Oder-Spree) detailliert geschildert.

Februar 2013: Haft in der Jugendstrafanstalt Wriezen (Märkisch-Oderland). Jan G. kommt nach Selbstmordversuchen von April bis Mai 2013 in die Krankenabteilung JVA Brandenburg/Havel weg „akuter psychischer Episode“ medikamentös behandelt. Nach seiner Rückkehr in den Maßregelvollzug entwickelte Jan G. eine immer stärker werdende Psychose. Nach einer engmaschigen psychologischen Betreuung klingen die Auffälligkeiten jedoch ab. Während Haft Berufsvorbereitung. Reststrafe zur Bewährung ausgesetzt.

August 2014: Entlassung nach Müllrose, Jan G. wohnt im Haushalt seiner Großmutter – später wird er die Frau töten. In dem Quartier nimmt er seine Medikamente nicht mehr und begibt sich nicht in weiterführende nervenärztliche Behandlung. Das Amtsgericht Eisenhüttenstadt ordnet deshalb Ende 2015 eine Betreuung für ihn an. Ab November 2015 vorübergehende Unterbringung in der Psychiatrie. Dann wieder Einzug bei der Großmutter.

September 2014 bis 2015: Erneut mehrere Straftaten, daraus werden sechs Anklageschriften der Staatsanwaltschaft Frankfurt (Oder): mehrfacher Ladendiebstahl, Fahren ohne Fahrerlaubnis, ein versuchter Raub, Schwarzfahren, Körperverletzung und ein Einbruch. Dazu: Drei Fälle von Bedrohung gegen seine Mutter und den Lebensgefährten, sie umzubringen („Ich schlachte Dich ab wie ein Schwein“). Alle Punkte gemeinsam verhandelt das Landgericht Frankfurt (Oder), dazu lässt es ein Gutachten über die Schuldfähigkeit des Angeklagten anfertigen. Der renommierte Psychiater aus dem Berliner Maßregelvollzug sagt: Jan G. ist schuldunfähig, da er unter einer undifferenzierten Schizophrenie leidet.

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November 2016: Urteil – Freispruch von allen Vorwürfen. Das Landgericht Frankfurt ordnet die Unterbringung in der Psychiatrie an, da „erhebliche Gefahr für die Allgemeinheit“ bestehe. Allerdings setzt es die Vollstreckung auf fünf Jahre zur Bewährung aus. „Besondere Umstände“ ließen erwarten, dass die Sicherheit der Allgemeinheit und die Heilung der psychischen Erkrankung anders als durch sofortige Unterbringung gewährleistet werden könnten. „Gute therapeutische Beeinflussbarkeit“ sei bei konsequenter kontrollierter Gabe von Medikamenten möglich. Laut Justizminister Stefan Ludwig (Linke) hat Jan G. laut Gericht „Einsichtsfähigkeit in sein Krankheitsbild und die Notwendigkeit der Medikamentierung“. Es ergeht eine positive Prognose.

Auflagen des Landgerichts: Mindestens 14-tägig muss sich Jan G. in der Psychiatrie vorstellen und der Behandlung unterziehen. Er muss Medikamente einnehmen und erklärt sich mit der Teilnahme an unangemeldeten Alkohol- und Drogenscreenings einverstanden. Und: Keine berauschenden Mittel während der Bewährungszeit.

In Müllrose (Oder-Spree) ereignet sich am 28. Februar 2017 ein schreckliches Verbrechen. Dort ersticht der 24-jährige Jan G. zunächst seine Großmutter. Dann flieht er und überfährt auf der Flucht zwei Polizisten an einer Straßensperre in Beeskow, Ortsteil Oegeln.

22. November 2016: Das Urteil wird rechtskräftig, die Staatsanwaltschaft legt kein Rechtsmittel gegen die Aussetzung der Unterbringung in der Geschlossenen ein. Rechtsmittel einzulegen sei angesichts der Begründung des Gerichts und angesichts des Ergebnisses des medizinischen Gutachtens nicht erfolgversprechend.

Die Staatsanwaltschaft Frankfurt (Oder) leitet ein weiteres Ermittlungsverfahren gegen Jan G. ein, weil er am 5. Dezember 2016 ohne Führerschein mit dem Auto seiner Großmutter nach Bayern gefahren sein soll. Dort hat er nach eigenen Angaben eine Freundin.

10. Januar 2017: Die Staatsanwaltschaft stellt das Verfahren wegen der psychischen Erkrankung von Jan G. ein. Er ist nicht schuldfähig.

22. Dezember 2016: Die Verkehrspolizei in Bayreuth teilt mit, dass Jan G. am 8. Dezember 2016 ohne Führerschein und unter Drogeneinfluss mit einem entwendeten Auto fahrend festgestellt wurde. Das Amtsgericht Bayreuth verfügt nach dem aggressiven Verhalten Jan G.‘s bei besagter Verkehrskontrolle die Unterbringung in der geschlossenen Psychiatrie in Hof. Dort bleibt Jan G. bis Anfang Februar. Die Führungsaufsicht beim OLG in Brandenburg hat am 4. Januar 2017 Mitteilung aus Bayreuth. Die Bewährungshilfe bestätigt, es bestehe Kontakt zur Großmutter und zum gesetzlichen Betreuer von Jan G.

10. Januar 2017: Das Landgericht Frankfurt (Oder), das von der Drogenfahrt nach Bayern in Kenntnis gesetzt wurde, setzt einen Anhörungstermin mit Jan G. zur Prüfung einer Zwangsunterbringung an – für den 13. Februar 2017.

13. Februar 2017: Anhörung von Jan G. Er gibt zu, ohne Fahrerlaubnis gefahren zu sein und drei Tage zuvor Amphetamine konsumiert zu haben. Er bedauert dies und verspricht, dergleichen nicht mehr zu tun. Er gibt an, eine Freundin zu haben, die Altenpflegerin sei. Von ihrer Familie sei er gut aufgenommen worden. Je einen halben Monat halte er sich in Bayern auf, die andere Hälfte in Brandenburg – bei seiner Oma. Jan G. gibt an, er wolle sich mit dem Verkauf von Honig selbstständig machen und sei bei einer Familie angestellt, die Honig verkaufe. Sein Betreuer erklärte, Jan G. bemühe sich um eine betreute Einzelwohnung.

Das Gericht weist Jan G. darauf hin, dass ein erneuter Bruch der Auflagen für ihn die Unterbringung in der Geschlossenen zur Folge haben würde. Die Staatsanwaltschaft erhält von der Anhörung das Protokoll und teilt am 20. Februar 2017 mit, sie stelle keinen Antrag auf Rechtsmittel. Um eine Zwangsunterbringung zu rechtfertigen, müssten die erneut begangenen Taten, so erläutert Justizminister Stefan Ludwig (Linke), symptomatisch für den Zustand Jan G.s sein. Das Gericht entscheidet: Die Drogen-Fahrt Jan G.‘s nach Bayern reiche für geschlossene Psychiatrie nicht aus.

Anfang Februar: Entlassung aus der Psychiatrie Hof, Wiedereinzug bei der Großmutter in Müllrose. Die Führungsaufsicht drängt aufs Erstgespräch. Am 14. Februar lädt die Bewährungshelferin Jan G. zu einem Gespräch am 20. Februar ein.

20. Februar 2017: Jan G. erscheint nicht zum Gespräch mit seiner Bewährungshelferin. Daraufhin lädt die Bewährungshelferin ihn zum 27. Februar ein. An diesem Tag entschuldigt sich Jan G. telefonisch, er sei bis zum 1. März krankgeschrieben. Deshalb vereinbaren die beiden einen Termin für den 2. März.

28. Februar: Jan G. ersticht mutmaßlich seine Großmutter und überfährt und tötet zwei Polizisten an einer Straßensperre in Beeskow, Ortsteil Oegeln.

Am 1. März 2017 ordnet das Amtsgericht Frankfurt Oder – auf Antrag der Staatsanwaltschaft – die vorläufige Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik an wegen Mordes, gefährlichen Diebstahls, Unfallflucht und Fahrens ohne Führerschein.

Von Ulrich Wangemann

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