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Im tiefsten See Brandenburgs

Brandenburger Superlative: Der Große Stechlin Im tiefsten See Brandenburgs

Der Stechlinsee ist mit 69,5 Metern der tiefste See Brandenburgs, die Artenvielfalt lässt sich aber bereits in den flachen Bereichen entdecken. In dem See leben auch Rotauge, Rotfeder, Aale und einige andere Fische. Mit dem Projekt „Tauchen für den Naturschutz“ sollen Sporttaucher für den Erhalt der Umwelt sensibilisieren werden.

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Entdeckungen beim Tauchgang im Großen Stechlin .

Quelle: Klaus-Dietmar Gabbert

Neuglobsow. Von Janine Jachtner ist nur noch ein Blubbern zu hören. Ein paar Minuten später taucht sie auf, sie überliefert, was dort unten im Großen Stechlinsee (Oberhavel) vor sich geht. Hunderte von kleinen Barschen schwimmen in Schwärmen nahe der Oberfläche durchs Wasser, weiter unten ein paar Hechte, die zwischen den Wasserpflanzen stehen. Mit der Unterwasserkamera habe sie sich den Schwimmflossen-großen Raubfischen genähert, die blieben fast regungslos. „Als wollten sie mir sagen: Fotografier mich, und dann zieh weiter!“ Auf dem Grund liege ein Teppich voller Armleuchteralgen, wer die Luft anhält und eine vom Boden holt, hat sofort ein Bündel in der Hand, es fühlt sich an wie Heu.

Frei nach Goethe flüstert man vor sich hin, warum in die Ferne tauchen, sieh, das Gute liegt so nah. Der Stechlinsee ist mit 69,5 Metern der tiefste See Brandenburgs, die Artenvielfalt lässt sich aber bereits in den flachen Bereichen entdecken. In dem See leben auch Rotauge, Rotfeder, Aale und einige andere Fische. „Ab zehn bis zwölf Metern ist es nicht mehr spannend, da wird es dunkel und kalt, dann kommt nicht mehr viel“, sagt Janine Jachtner, die für den Naturschutzbund Deutschland das Projekt „Tauchen für den Naturschutz“ betreut und Sporttaucher für den Erhalt der Umwelt sensibilisieren will. Der freigegebene Bereich des Naturschutzgebietes ist bis zu 37,5 Meter tief.

Die Meeresbiologin hat im Studium ein Projekt auf der indonesischen Insel Sumatra betreut. Für ihre Diplomarbeit untersuchte sie das Siedlungsverhalten von Korallenlarven vor Curaçao, über den Stechlinsee an der nördlichen Landesgrenze Brandenburgs sagt die 32-Jährige: „Wenn man die Karibik kennt, ist es Wahnsinn zu sehen, was auch hier für eine Vielfalt herrscht – obwohl der See nicht so bunt wirkt.“

Das Ufer, von dem Jachtner aus lostaucht, liegt wenige Meter von der Tauchbasis Stechlinsee in Neuglobsow entfernt. Dort befindet sich ihr Projektbüro, außerdem können Hobbytaucher in der Anlage übernachten, Sauerstoffflaschen und sonstige Tauch-Utensilien ausleihen. Zwei Männer kommen an, setzen sich auf einen Baumstamm, der am Ufer liegt und ins Wasser ragt. Einer der beiden ist ein bärtiger Tourist, der unüberhörbar aus Bayern stammt und im Fernsehen einen Bericht über den See gesehen hat. „Ich habe gehört, dass der Stechlinsee das neue Taucherparadies in Deutschland sein soll“, sagt er.

Neben ihm sitzt Frank Börner, 53, ein selbstständiger Malermeister, der ab und zu Besucher in den See begleitet. Er ist schon vor den Malediven getaucht, hat Haie gefilmt, Rochen über sich hinweggleiten sehen und 60 bis 70 Tauchgänge im Stechlinsee absolviert, eines aber fehlt ihm genauso wie Janine Jachtner in der Taucher-Biografie: Beide haben beim Tauchen noch nie eine Stechlin-Maräne entdeckt. Die kleinen, auch „Süßwasserhering“ genannten Fische ernähren sich von kleinen Krebsen, sie leben nur im Großen Stechlinsee und scheinen es einsam zu mögen. Sie leben unterhalb von 20 Metern, dort wo der tiefste See Brandenburgs kalt und artenarm ist.

Buchtenreich, geheimnisvoll und still

Unentwegt wanderte Theodor Fontane (1796 – 1867) durch die Mark. Dabei kam er auch am Großen Stechlin vorbei. Er schwärmte: „Da lag er vor uns, der buchtenreiche See, geheimnisvoll, einem Stummen gleich, den es zu sprechen drängt. Aber die ungelöste Zunge weigert ihm den Dienst, und was er sagen will, bleibt ungesagt. Und nun setzten wir uns an den Rand eines Vorsprungs und horchten auf die Stille. Die blieb, wie sie war: kein Boot, kein Vogel; auch kein Gewölk. Nur Grün und Blau und Sonne.“

„Am anderen Ende vom Ende soll es die Maräne geben“, sagt Frank Börner. Bislang sei das Ungewöhnlichste, dem er begegnet sei, der mit Kugeln geschmückte Christbaum gewesen, der beim jährlichen Weihnachtstauchen hinabgelassen wird, sagt er. Ob sich das beim Tauchgang mit bajuwarischem Anhang ändern wird? „Ich bin kein Apnoetaucher“, sagt der von Durchschnittspreußen kaum zu verstehende Besucher und meint damit rekordsüchtige Kollegen, die versuchen, mit einem Atemzug möglichst weit in die Tiefe vorzudringen. „Die Weltrekordhalterin liegt im Koma, oder?“, sagt einer, beide schütteln verständnislos den Kopf, setzen sich die Maske auf und schreiten konzentriert zur Tat. Eine Maräne werden sie wohl kaum zu Gesicht bekommen.Tauch-Touristen lockt der Ruf des Stechlinsees, nicht nur tief, sondern auch besonders klar zu sein. Auch einen offiziellen Titel trägt der vor mehr als 12 000 Jahren in der Weichseleiszeit entstandene See. Die internationale Umweltstiftung Global Nature Fund kürte ihn 2012 zum „Lebendigen See des Jahres“. Bis zu elf Meter tief konnte man vor wenigen Jahren noch durch den Stechlinsee blicken, an diesem Sommertag liegt die Sichttiefe bei drei Metern. Das hänge unter anderem mit dem kalten Frühling zusammen, sagt Janine Jachtner. Anderen Ursachen, etwa den Nährstoffeinträgen, geht sie auch auf den Grund. Außerdem dokumentiert und untersucht sie die Verbreitung verschiedener Pflanzenarten.

Nach einer Stunde kommen die beiden Taucher an die Oberfläche. Gerade mal drei bis vier Meter tief sind sie getaucht, der Gast hatte Probleme seiner Tauchbegleitung in Sichtweite zu folgen. Keine Maräne also. „Die findet man kaum“, sagt Janine Jachtner, außer 100 Meter weiter, „beim Fischer auf dem Teller“.

Als nächsten brandenburgischen Superlativ stellen wir den Turm der St. Moritz-Kirche in Mittenwalde vor.

Alle Beiträge der Serie unter www.MAZ-online.de/superlative

Von Maurice Wojach

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