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Brandenburg In Alwine geht das Theater von vorne los
Brandenburg In Alwine geht das Theater von vorne los
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14:51 22.03.2018
Wohnhaus in Alwine: Im Ort ist seit Jahren nichts gemacht worden, die Gebäude sind sanierungsbedürftig. Quelle: Detlev Scheerbarth

Der Putz bröckelt, die Fenster sind undicht, auf dem Dach sind die Ziegel lose. „Es wurde kaum investiert, manches kaputt saniert“, sagt Andreas Claus und deutet auf ein altes Haus. Es ist wieder einer dieser Tage, an denen Claus, Bürgermeister von Uebigau-Wahrenbrück (Elbe-Elster), den Fremdenführer spielt. Er führt Kaufinteressenten durch Alwine. Diesmal einen Vater, Mitte 50, und seinen Sohn. Sie machen Fotos mit einer Kompaktkamera. „Erstmal vielversprechend“, sagt der Vater. Dann steigen sie in ihren roten Transporter mit Spree-Neiße-Kennzeichen und schleichen über den von Schlaglöchern übersäten Sandbodenweg. Sie sind nicht die ersten, die sich für die kleine Siedlung interessieren – und sie werden nicht die Letzten sein.

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Willkommen in Alwine. Die kleine Siedlung liegt rund 75 Kilometer von Dresden, 90 Kilometer von Leipzig und 120 Kilometer von Berlin entfernt. Eine Straße führt als Schleife durch den Ort. Die Einfahrt von der L65 aus verpassen aber ziemlich sicher all jene, die den Ort nicht gut kennen.

Im vergangenen Dezember hatte die kleine Siedlung im Süden Brandenburgs bundesweit für Schlagzeilen gesorgt, als sie versteigert wurde. Doch der Käufer, ein Berliner Geschäftsmann, zog vor wenigen Tagen sein Angebot über 140 000 Euro zurück. Und nun sucht Alwine wieder einen Investor. Neugierige biegen fast täglich in die kurze, zur Schleife geformte Straße ein, die durch den Ort führt. Erika Kühne (79) hat genug von dem Wirbel. „Oberkante“ stehe ihr alles, sagt sie. „Und jetzt fängt das Theater wieder an.“

Hoffnungslosigkeit, weil Investoren fehlen, die anpacken

Dabei könnte Alwine kaum ruhiger liegen. Wer den Ort zwischen Töbitz und Domsdorf nicht kennt, verpasst die Einfahrt. Alwine ist kein Dorf. Es ist eine kleine Siedlung. Bürgermeister Claus nennt es „Gemeindesplitter“. 16 000 Quadratmeter, neun Wohnhäuser, einige Nebengebäude, Schuppen und Garagen – und zwölf Einwohner.

„Hier gibt es keine Hoffnung mehr“, sagt Manfred Kern. Der Rentner steht auf seinem eingezäunten Hof, den er mit seiner Frau bewohnt. Hoffnungslos ist der 74-Jährige, weil sich im Ort seit Jahren nichts bewegt. Die Häuser sind sich selbst überlassen. Zwei Brüder hatten die Siedlung nach der Wende von der Treuhand für 95 000 Euro mit großen Visionen erworben und sich dann nicht mehr darum gekümmert.

„In unserem Haus ist der Salpeter, das Dach muss gemacht werden, und wenn es regnet, läuft das Wasser durch die Wand in den Keller“, zählt der Rentner auf. 300 Euro Miete zahlen die Kerns jeden Monat. Einstellen oder mindern wollen sie die Zahlungen nicht. Dafür sind sie zu bescheiden. Nun ist auch noch der Kachelofen kaputt; er fiel er einfach in sich zusammen. Die Steine hat Manfred Kern fein säuberlich im Garten neben seinem Brennholz gestapelt.

Sie bleiben, obwohl sie längst weg könnten

Wanda Kern war nach dem zweiten Weltkrieg als Baby mit ihren Eltern in der kleinen Siedlung gelandet. Hier wuchs sie auf. Hier zog sie mit Mann Manfred die Kinder groß. „Wir machen es uns gemütlich, so weit wir das können“, sagt sie. Heimat ist für sie ein Ort der Erinnerung. Zum Beispiel an die Wintertage, als sie mit einem Schlitten den Tagebau am Rande der Siedlung herunterfuhr. Dort, wo ihre Kinder spielten und heute Bäume dicht an dicht stehen. „Die Zeiten kommen nicht wieder“, sagt Manfred Kern.

Obwohl sie noch ein Haus unweit von Cottbus haben, bleiben sie. Wanda will nicht weg. Und Manfred will nicht getrennt von seiner Frau leben. Also heizen sie mit Gas statt Holz, und in der Küche sorgt die uralte, kohlebefeuerte Kochmaschine mit ihren quietschenden Türen für Wärme. Die Kohlen dafür bekommt Manfred Kern umsonst vom Braunkohletagebau. Dort hat er Jahrzehnte als Kraftfahrer gearbeitet.

Wanda Kern ist in Alwine aufgewachsen. Damit verbindet sie Heimat. Quelle: Detlev Scheerbarth

Abwanderung, Überalterung, Wegfall der Industrie und damit der Arbeitsplätze – die Wende hat ihre typischen Spuren in Alwine hinterlassen. Früher lebte der Ort von der Braunkohle. Schuppen, Werkstätten, Büros wurden vor gut 100 Jahren zu Wohnhäusern für die Arbeiter umgebaut. Die nahegelegene Brikettfabrik Louise verwertete die Kohle und blies den Staub hinaus – 16 Tonnen am Tag. Anfang der 90er Jahre wurde ein Schlussstrich gezogen. Heute tutet die Louise noch gelegentlich. Doch das ist nicht mehr als Nostalgie, die Brikettfabrik ist heute ein Museum. „Durch die Wende ist in den Orten ein Stück Leben weggebrochen“, sagt Bürgermeister Andreas Claus. Allerdings dürfe man den aktiven Mittelstand in der Region nicht unterschätzen, außerdem würde die Bevölkerungszahl nicht mehr sinken. Deshalb sieht er für Alwine eine Zukunft als lebendigen Ort, nicht als Museum.

Es besteht dringend Handlungsbedarf, sonst verfallen die Häuser

In besseren Zeiten hätten 50 Menschen hier gelebt. Jeder Einwohner der ging, hinterließ ein bisschen mehr Stille. „Es gibt viel zu stemmen, aber mir wäre wichtig, dass alles, was zu retten ist, auch gerettet wird – dringend“, sagt er. Claus stellt sich ein Mehrgenerationenprojekt in der Siedlung vor. Dabei hofft er auf Investoren, die mit Bedacht vorgehen und nicht spekulieren. Neu gebaut werden darf nicht, das was steht, hat Bestandsschutz. Jedenfalls so lange es noch steht.

Alwine liegt am äußersten Rand des Landes Brandenburg im Landkreis Elbe-Elster. Von dort aus ist es deutlich näher nach Dresden, als etwa nach Potsdam oder Berlin. Quelle: Detlev Scheerbarth

„Ich ziehe hier nicht aus, egal was kommt“, bemerkt Erika Kühne. Den Großteil ihrer 79 Jahre hat sie in Alwine verbracht. Ihr Tür-an-Tür-Nachbar Paul Urbanek glaubt erst an Veränderung, wenn er Taten sieht. Ein neuer Käufer, das bedeute vorerst gar nichts, sagt er. Sie wohnen in einem großen Mehrparteienhaus, aber es stehen nur noch ihre beiden Namen am Klingelschild. Alle anderen sind verschwunden. Von Außen dringt Feuchtigkeit ein, und wenns richtig hart kommt, regnet es bald durchs Dach. Sturm Friedericke hat Ziegel abgeräumt und die Lage verschärft.

Paul Urbanek nennen alle nur Paulchen. Wenn er spricht, dann auch gerne mit den Händen. Quelle: Detlev Scheerbarth

Im Ort nennen Urbanek alle nur „Paulchen“. Er ist ein echter „Fischkopp“. 2001, nach seiner Scheidung, zog der ehemalige Gärtner aus Schleswig-Holstein nach Alwine. Seither ist er geblieben. Warum? Er möchte es zeigen und geht mit seinen Gartenschlappen an den alten Schuppen vorbei über die feuchte Wiese. Sein junger Hund Benz zerrt übermütig an der Leine. Als Urbanek auf dem vom Winter gezeichneten Rasen stehenbleibt, zeigt er auf ein kleines, umzäuntes Stück Grün. Dort stehen ein noch kleineres Gewächshaus, ein Gartenstuhl und Werkzeug. „Das ist mein Garten. Hier kann ich mich lang machen, grillen, wann ich will, Musik hören, so laut ich will“, sagt er etwas ruppig und doch herzlich mit Küstendialekt und weißem Vollbart. Um seinen Garten liegt der Wald. Morgens und abends geht er dort stundenlang mit Benz spazieren. Gegen nichts möchte er diese Ruhe tauschen.

Wenn er in die Stadt möchte, nehmen ihn die Nachbarn mit. Die Bewohner helfen einander. Eigentlich könnte man sie als eingeschworene Dorfgemeinschaft bezeichnen. Nur eben ohne richtiges Dorf.

Von Christin Iffert

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