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In Brandenburg boomt die Auto-Oberklasse

Kaufkraft In Brandenburg boomt die Auto-Oberklasse

So hat sich der Porsche-Bestand seit dem Jahr 2008 verdreifacht. Die Gesellschaft für Konsumforschung bescheinigt den Brandenburgern von allen Ostdeutschen die größte Kaufkraft. Ist also alles super im märkischen Autofahrerland? Eine Analyse.

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In Kleinmachnow gibt es für Porsche-Fans ein Anlaufzentrum.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Potsdam. Im Porsche Zentrum Berlin-Potsdam gibt es alles außer billig. Selbst das Paar Porsche-Flip-Flops kostet 49 Euro. Günstigstes Fahrzeug in der verglasten Halle ist ein Cayenne-Geländewagen für gut 92.000 Euro – ein weißes 911er-Cabrio (420 PS) soll rund 150.000 Euro kosten. In einer Vitrine ist Liebhaber-Zubehör ausgestellt. Türhaltegriffe in „Olivenholz natur“ kann ein Porsche-Käufer wählen – oder einen Schaltknüppel aus Mahagoni. Bauzäune sperren Teile des Außengeländes, denn der von der A115 gut sichtbare Bau mit dem zehn Meter breiten Porsche-Schriftzug überm Eingang wird erweitert. Aus gegebenem Anlass: Werkstatt- und Servicebereich sind zu klein geworden. Der Erfolg der Marke sprengt die Dimension des erst 2009 eröffneten Stützpunkts im Kleinmachnower (Potsdam-Mittelmark) Gewerbegebiet Europarc. Damit ist das Porsche-Zentrum sinnfälligstes Symbol für den erstaunlichen Boom des Luxuswagen-Segments in Brandenburg.

Verdreifacht hat sich der Porsche-Bestand seit 2008 in der Mark – aber alle anderen Edel-Anbieter haben ebenfalls mächtig zugelegt. Was sagt diese Entwicklung über Wirtschaft und Gesellschaft? Ist wirklich alles super im Autofahrerland Brandenburg?

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In Brandenburg boomen die Luxusautos. Die Zahl der angemeldeten Oberklasse-Wagen steigt stetig. Einige von ihnen kosten soviel wie eine Eigentumswohnung. Wir zeigen, welche Autos besonders beliebt sind.

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Die Mittelbrandenburgische Sparkasse (MBS) wartet mit einem interessanten Vergleichswert auf: Seit 2008 ist der Gesamtbetrag aller Einlagen auf den MBS-Kundenkonten um ein Drittel angewachsen und liegen jetzt bei 9,5 Milliarden Euro (2008: 6,8 Milliarden Euro). Deshalb sagt MBS-Sprecher Robert Heiduck: „Die Zuwächse auf dem Automobilmarkt überraschen uns nicht. Wir verzeichnen eine Zunahme von Einkommen und Vermögen bei vielen Kundengruppen.“ Das betreffe insbesondere „selbstständige Unternehmer“, so Heiduck. Die „Strahlkraft Berlins“ mache sich beim Zuzug Begüterter bemerkbar und hebe die „Prosperität der Region“. Was sich auf dem Automarkt zeige, lasse sich parallel bei den Immobilienpreisen ablesen. „Es gibt in Potsdam Wohnlagen, die teurer sind als in Berlin-Dahlem oder im Grunewald“, sagt der MBS-Sprecher. Heiduck weist aber trotz allen Booms ein bisschen augenzwinkernd darauf hin, dass – hochgerechnet auf den Bevölkerungsdurchschnitt – der Bestand an Ferraris in Brandenburg immer noch zwei Drittel niedriger liegt als deutschlandweit.

Robert Heiduck, Sprecher der MBS in Potsdam

Robert Heiduck, Sprecher der MBS in Potsdam.

Quelle: MAZ

Bildet der Automarkt die berühmte „soziale Schere“ ab?

„Brandenburg geht es besser als 2008“, sagt Carsten Brönstrup, Sprecher der Vereinigung der Unternehmerverbände in Berlin und Brandenburg (UVB), und verweist auf die Entwicklung der wirtschaftlichen Eckdaten seit 2008: Das Bruttoinlandsprodukt – also der Gesamtwert aller Waren und Dienstleistungen – schoss um 19 Prozent nach oben, die Löhne kletterten laut UVB um 24 Prozent, während die Arbeitslosenquote um 34 Prozent absackte. Nach Brandenburg seien viele Menschen mit guten Jobs gezogen, die der Metropole Berlin den Rücken kehrten und sich dies finanziell auch leisten könnten. Entsprechend habe sich der Fahrzeugbestand verändert. Gleichzeitig habe die Niedrigzinsphase etliche Menschen dazu verleitet, „sich einen schönen Wagen zu kaufen“. Gehe es den Unternehmen gut, seien diese freigiebiger mit Firmenfahrzeugen, so Brönstrup. Im Boomen der Nobelmarken und dem parallel verlaufenden Trend hin zu günstigen Fahrzeugen sieht Brönstrup „keinen Beleg für die These von der sozialen Schere“. Bis 2005 habe es ein Auseinanderstreben von unten und oben gegeben, seither treibe es die Gesellschaft in materieller Hinsicht nicht mehr auseinander. „Kia und Hyundai sind im selben Markt unterwegs wie Opel und Ford – sie sind einfach Wettbewerber“, so der UVB-Sprecher. Ob Geschmack, Design, Verbrauch oder Langlebigkeit – sehr verschieden seien die Kaufgründe.

Rollende Statussymbole

Die Mittelbrandenburgische Sparkasse in Potsdam schreibt den Boom bei den Nobelwagen insbesondere der Strahlkraft des Berliner Speckgürtels zu.

27 Bentleys sind im Land Brandenburg zugelassen (2013, im Jahr der ersten statistischen Einzelnennung, waren es 17). Jedes einzelne dieser Fahrzeuge kostet neu mehr als 200 000 Euro. Aston-Martin, die Lieblingsmarke von James Bond, hat in Brandenburg etliche Liebhaber. Laut Zulassungsstatistik des Kraftfahrtbundesamt sind 30 der Fahrzeuge in der Mark zugelassen.

Ländervergleich: Die meisten Porsches fahren in Nordrhein-Westfalen herum (62 000). Allerdings ist Baden-Württemberg das Land mit der höchsten Porsche-Dichte: Ein Fahrzeug kommt im Schnitt auf 200 Ländle-Bewohner. In Hamburg beträgt das Verhältnis 1:225, in Hessen 1:245, in Berlin 1: 567 und in Brandenburg 1:1060. Schlusslicht ist Mecklenburg-Vorpommern mit einem Porsche auf 1770 Einwohner.

Etwas anders interpretiert der Soziologe Lars Distelhorst von der Fachhochschule Clara Hoffbauer Potsdam den Boom bei den Marken „von Ferrari bis zu Volkswagen“. Nehme man den Trend zu günstigen Fahrzeugen (Kia, Hyundai, Dacia) hinzu, könne man den Eindruck gewinnen, die „soziale Schere geht weiter auf“. Es sei „doch kein Gerücht, dass die Reichen reicher und die Armen ärmer“ würden, sagt Distelhorst. Offensichtlich sei der steile Anstieg im Premiumsegment. Der Sozialwissenschaftler führt Gründe ins Feld, die mit der reinen Fortbewegung kaum noch etwas zu tun haben: „In Deutschland ist der Autobezug sehr speziell und mit Symbolik überladen. Man kommuniziert in der Wahl des Fahrzeugs etwas nach außen – Geschmack und Stil etwa – und macht kenntlich, wo man steht.“ Es gehe beim Kauf von teuren Autos um das „Markieren von Abständigkeit zu anderen Leuten“. Das gelte in vergleichbarer Weise für den Kauf von Apple-Rechnern.

Märkische Kaufkraft ist die höchste in Ostdeutschland

Das Sinken der Arbeitslosigkeit könne als Teil der Erklärung herhalten, sagt Distelhorst. „Die Leute haben vielleicht keinen toll bezahlten Job, sie brauchen aber ein Auto, um da irgendwie hinzukommen.“ Immerhin nehme der Autobestand ja insgesamt zu. Ein Grund für den märkischen Automobilboom könnte auch die steigende Kaufkraft der Erbengeneration sein, in der sich die größer werdende soziale Schere ebenfalls zeige, so Distelhorst.

Die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) bescheinigt den Brandenburgern von allen Ostdeutschen die größte Kaufkraft. Innerhalb Brandenburgs liegen laut dem Statistik-Unternehmen Cima Potsdam, Potsdam-Mittelmark und der Kreis Barnim vorn. Am meisten frei verfügbares Geld haben Kleinmachnower in der Tasche.

Regionale Unterschiede beim Automobilbestand

Der Vergleich des Automobilbestands macht regionale Unterschiede sichtbar. In Cottbus ist die Zahl der Autos seit 2008 um gut 4000 zurückgegangen, in Brandenburg/Havel um fast 2000, während sie in der Boom-Stadt Potsdam von 55 663 auf 64 050 gestiegen ist – 5668 davon sind Firmenwagen. Landesweit ist der Gesamtbestand an Personenwagen seit 2008 um knapp sechs Prozent gewachsen.

Im kaufkraftschwächsten Landkreis Elbe-Elster sind immerhin zwei Ferraris registriert und vier Maseratis, auffällig hoch ist der Kia-Bestand mit 895 Exemplaren. Frankfurt (Oder) bringt es auf fünf Ferraris, zwei Maseratis und 27 Porsches. Brandenburg/Havel meldet 35 Porsches und einen Ferrari, die Landeshauptstadt Potsdam neun Ferraris und acht Maseratis.

Porsche jedenfalls will seinen Siegeszug fortsetzen. Es gibt viel zu tun, in Brandenburg liegt die Porsche-Dichte nur bei einem Fahrzeug pro 1141 Einwohnern – in Baden-Württemberg bei 1:200. In Berlin-Adlershof – nicht weit vom Flughafen BER – entsteht gerade das laut Internetseite „modernste Porsche Zentrum Europas“. Der Mast mit dem Firmenwappen ragt schon 25 Meter in den Himmel. Ein Ausrufezeichen aus Stahl – es kratzt an Sphären, die für die meisten Märker wohl unerreichbar bleiben.

Von Ulrich Wangemann

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