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Brandenburg Diese Schweinemast sorgt seit 14 Jahren für Streit
Brandenburg Diese Schweinemast sorgt seit 14 Jahren für Streit
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00:20 23.10.2017
Rostige Schranken: Wo zu DDR-Zeiten Schweine gehalten wurden, wächst jetzt kniehohes Gras. Quelle: Fotos: Ansgar Nehls
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Haßleben

Am Eingang zu Haßlebens größtem Ärgernis hat sich die Natur ihren Raum längst zurückerobert. Dort, wo vor über 25 Jahren zu Ostzeiten bis zu 148 000 Schweine in einer gigantischen Mastanlage gehalten wurden, nisten jetzt Vögel unter dem Flachdach des Wärterhäuschens. Wo die DDR-Industrielandwirtschaft einst hunderte Menschen beschäftigte, wächst jetzt kniehohes Gras vor rostigen Schranken und verfallenen Betonbauten.

Wie viel Ärger, Wut und Diskussionen rund um die über 17 Hektar große Ruine in den letzten 14 Jahren entstanden sind, kann man hier am Eingang der Anlage – in der Stille einer Nebenstraße des gut 500 Einwohner kleinen Dorfes in der Uckermark – nur erahnen. Auf einem vergammelten Briefkasten am Wärterhäuschen hat der neue Besitzer seinen Namen klein aufgedruckt. Van Gennip GmbH Tierzuchtanlagen, ein holländischer Investor, hat das Grundstück im Jahr 2003 gekauft – und versucht seither vergeblich die alte Mastanlage wieder in Betrieb zu nehmen.

Das Dorf streitet, ob die Arbeitsplätze es wert sind

So lange schon streitet auch das Dorf, ob es ein paar Dutzend Arbeitsplätze wert sind, dass die Gegend wieder nach Gülle stinkt. Die Fronten sind in endlosen Diskussionen über 14 Jahre mittlerweile verhärtet, alle Argumente ausgetauscht. Auf der einen Seite stehen die Bürgerinitiative „Kontra Industrieschwein“ und verschiedene Umweltverbände. Ihre Widerspruchsverfahren verhinderten seit 2013, dass die Genehmigung des zuständigen Landesumweltamt für eine neue Schweinemast umgesetzt wurde. Am Montag wurde diese Genehmigung vom Verwaltungsgericht in Potsdam gekippt – aus bauplanungsrechtlichen Gründen. Für die Umwelt- und Tierschutzaktivisten war das ein Sieg.

Für Frank Skomrock war es eine Niederlage nach 14 Jahren Kampf. Der Mitfünfziger mit dem energischen Händedruck steht auf der anderen Seite der Diskussionslinie, die das Dorf seit Jahren teilt. Er ist einer der Gründer der Bürgerinitiative „Aktion Pro Schwein“: „Natürlich waren wir damals Exoten. Es hat sich ja sonst keiner für eine Schweinemast eingesetzt“, sagt Skomrock . Er kann sich noch gut daran erinnern, wie es war, als er das erste Mal von dem Interesse hörte. „Da waberte so ein Gerücht von einem holländischen Investor durchs Dorf“, erzählt Skomrock. Als nächstes hörte er von Protestaktionen gegen die geplante Schweinemast und wurde hellhörig: „Die kamen von außerhalb, wollten protestieren und haben uns nicht mal gefragt. Da hat keiner Kontakt mit uns Anwohnern aufgenommen.“

Frank Skomrock gründete „Aktion Pro Schwein“

Also gründete Skomrock nach zahlreichen Bürgerdiskussionen in der Dorfgaststätte zusammen mit Mitstreitern die Initiative für die Schweinezucht. Die meisten der gut zwanzig Mitglieder hatten auch schon vor 25 Jahren in der Mastanlag gearbeitet, kannten die Abläufe vom Besamen über den Sauenaufzug bis zum Schlachtbetrieb noch aus der DDR. Auch Frank Skomrock selber war vor der Wende Diplom-Agrar-Ingenieur und Abteilungsleiter in der Schweinemast. Jetzt arbeitet er bei der Gemeinde und empfahl auch seinen Mitstreitern sich anders zu orientieren: „Viele waren um die 40 Jahre alt und hofften auf eine Anstellung. Aber ich habe ihnen schon damals gesagt: Wer weiß wie lange das dauert.“

Auch Thomas Volpers hatte zu Beginn der Gerichtsverfahren keine schnelle Entscheidung erwartet. „Dass es so lange dauert, hätte ich aber auch nicht gedacht“, sagt Volpers. Als stellvertretender Landesvorsitzender des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) steht er auf der anderen Seite. Für den Biologen gab es nie eine Alternative zur Verhinderung des Mastbetriebes.

Barfuß und von Wespen umschwirrt, erzählt Volpers auf der Holzterrasse seines Häuschens im Grünen von den fürchterlichen Zuständen, in denen sich die Böden und Seen rund um das Dorf kurz nach Schließung des DDR-Betriebes befunden haben. Die Gülle der über 100 000 Tiere war damals auf die wenigen Felder im Umkreis des Betriebes ausgebracht worden und hatte reihenweise Seen umkippen und Bäume absterben lassen. „Der Kuhzer See bei Haßleben war so versifft. Heute hat man schon wieder mehrere Meter Sichttiefe“, sagt Volpers.

Mit 1000 Demonstranten im knietiefen Schnee

Er redet mit ruhiger Stimme, nicht wie einer, der nach 14 Jahren gerade einen wichtigen Sieg errungen hat. Denn auch Volpers kämpft seit dem Anfang, seit 2003. Er war bei Protesten dabei, als man vor sieben Jahren mit fast 1000 Teilnehmern knietief im Schnee gegen die Mast protestierte und hatte zwischenzeitlich bis zu 15 Aktenordner aus den verschiedenen Streitfällen um Emissionsschutz, Baurecht und Nutzungsbedingungen in seinem Haus gelagert.

Das Engagement der Mast-Befürworter ist für ihn falsche Nostalgie: „Viele haben wohl auf neue Jobs gehofft. Denn es gibt ja hier kaum noch Alternativen“, sagt Volpers. Dass die Genehmigung für den Mastbetrieb gekippt wurde, war für ihn eine Erleichterung. Vorbei sei es aber immer noch nicht. Denn noch ist nicht sicher, ob der Prozess in der nächsten Instanz weitergeführt wird.

Für Skomrock ist der Kampf vorbei

Für Frank Skomrock und seine „Aktion Pro Schwein“ ist der Streit dagegen vorbei. „Irgendwann ist auch mal gut“, sagt Skomrock. Die meisten der Mitglieder seien sowieso nicht mehr aktiv dabei und die eigene Internetseite wolle man spätestens zum Ende des Jahres abschalten. Stattdessen will er heute dem Dorf etwas zurückgeben. In einem schmucklosen Flachbau, knapp 100 Meter von der ehemaligen Anlage entfernt, hat er als Vorsitzender des ansässigen Agrar-Vereins eine Ausstellung über die ehemalige DDR-Schweinemast zusammengetragen.

In dem Gebäude, in dem Skomrock vor fast 38 Jahren als erster Jahrgang für die Arbeit im Zucht-Betrieb ausgebildet wurde, stehen heute Relikte aus vergangenen Tagen. Für Frank Skomrock ist das die einzige Möglichkeit, die Überbleibsel zu retten. „Das muss ja irgendwie aufbewahrt werden.“ Wenn keine neue Schweinemast kommt, dann muss wenigstens die Erinnerung bleiben.

Die Chronik der Schweinemast in Haßleben

Vor 38 Jahren wurde das Schweinezucht- und Mastkombinat „Freundschaft“ der DDR im Jahr 1979 in Betrieb genommen. Bis zu 148 000 Tiere wurden dort von mehreren hundert Mitarbeitern aufgezogen, gemästet und geschlachtet.

Kurz nach der Wende, im Jahr 1991 wurde der Betrieb geschlossen. Maschinen verschwanden, Bahngleise wurden abgebaut und das Gelände sich selbst überlassen.

Zwölf Jahre später kaufte der niederländische Investor Harry van Gennip die ehemalige Mastanlage. Er wollte dort, wo einmal Scheine gezüchtet wurden, wieder Schweine züchten.

2013 genehmigte das Amt die Anlage. Doch Umwelt und Tierschutzverbände erhoben Einspruch – und verhinderten so die sofortige Inbetriebnahme.

Am Montag nun bekamen sie Recht – weil die Richter den Ort nicht als zulässiges Industriegebiet einstuften. Umwelt- oder Tierschutzfragen spielten bei dem Urteil keine Rolle.

Von Ansgar Nehls

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