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Ist Parkinson heilbar?

Moderne Medizin Ist Parkinson heilbar?

Bis zu 400.000 Menschen in Deutschland leiden unter Parkinson. Da die Menschen immer älter werden, wird auch die Zahl der Kranken vermutlich noch zunehmen. Im MAZ-Interview erklärt der Parkinson-Experte Martin Südmeyer, welche Therapiemöglichkeiten es schon heute gibt und woran die Medizin für eine zukünftige Heilung forscht.

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Quelle: dpa-Zentralbild

Potsdam. Martin Südmeyer ist Chefarzt an der Klinik für Neurologie des Ernst-von-Bergmann-Klinikums und Experte für Parkinson-Erkrankungen.

Parkinson-Experte Martin Südmeyer

Parkinson-Experte Martin Südmeyer

Quelle: EvB

Herr Professor Südmeyer, wenn ich mich jetzt sofort am Klinikum Ernst von Bergmann nach allen Regeln medizinischer Kunst untersuchen lassen würde, könnte man dann bei mir eine zukünftige Parkinson-Erkrankung prognostizieren?

Martin Südmeyer: In der Regel nicht. Wenn Sie aber bestimmte Konstellationen aufweisen würden wie mehrere Familienmitglieder ersten Grades, die betroffen sind und die zudem einen frühen Erkrankungsbeginn aufweisen, könnte man möglicherweise durch eine genetische Testung zumindest ein erhöhtes Risiko einer künftigen Erkrankung feststellen.

Ab wann kann man die Krankheit sicher diagnostizieren?

Südmeyer: Hier gibt es eine klare Antwort. Die Diagnose Parkinson wird weiterhin anhand klinischer Untersuchungen gestellt. Es gibt bestimmte Symptomkonstellationen. Dazu gehört eine Bewegungsverlangsamung, eine Muskelsteifigkeit, der sogenannte Rigor, dazu gehört Zittern, der sogenannte Tremor, und dazu kann eine Haltungsinstabilität gehören, also ein vermehrtes Risiko der Person zu stürzen. Die Kombination aus diesen Symptomen lässt letztendlich den Schluss auf eine Parkinson-Erkrankung zu. Dann muss man aber sehen, welche Form der Parkinson-Erkrankung vorliegt, weil es da Unterschiede gibt.

Nehmen wir den klassischen Fall, den Morbus Parkinson. Woran zeigt sich der?

Südmeyer: Der Morbus Parkinson manifestiert sich immer asymmetrisch, das heißt: Eine Körperseite ist stärker betroffen als die andere. Diese Erkrankung ist gut durch Medikamente, insbesondere L-Dopa, zu behandeln.

Symptome können gut behandelt werden

Habe ich größere Chancen bei der Behandlung, wenn ich die Erkrankung früh erkenne?

Südmeyer: Auf eine Symptommilderung auf jeden Fall. Darum empfehlen wir auch eine frühe Therapie. Wir können die Symptome gut lindern, manchmal sogar ganz aufheben. Eine frühzeitige Behandlung verhindert möglicherweise auch Komplikationen wie beispielsweise Veränderung im Zusammenspiel der Muskulatur oder des Skelettsystems. Auch Stürze mit entsprechenden Verletzungen können durch eine gute Behandlung vermieden werden. Patienten erfahren hierdurch eine deutlich höhere Lebensqualität und bleiben aktiv im Berufsleben oder im sozialen Umfeld. Was man aber derzeit noch nicht kann – und das muss man den Patienten auch ganz offen kommunizieren – ist das Stoppen der Erkrankung selbst oder gar die Wiederherstellung schon verlorenen Nervengewebes. Die Behandlung ist bei Parkinson derzeit immer noch rein symptombezogen und nicht heilend im eigentlichen Sinne.

Welche alarmierenden Symptome für die Erkrankung merke ich persönlich zuerst?

Südmeyer: Neben den Bewegungsstörungen gibt es auch Symptome wie depressive Stimmungszustände oder Störungen der Konzentration und des Gedächtnisses. In der Regel gehen die Patienten aber wegen Störungen ihrer Motorik zum Arzt. Häufig ist es übrigens so, dass Außenstehende die Symptome zuerst bemerken. Familienmitglieder oder Freunde sagen den Betroffenen beispielsweise, dass sie ihre Arme beim Laufen nicht mitbewegen oder dass sie zittern. Solche Hinweise führen die Menschen sehr oft zum Arzt.

Medikamente ersetzen fehlendes Dopamin

Was sind die besten Behandlungsmethoden bei Morbus Parkinson?

Südmeyer: Die Leitlinien empfehlen eine dopaminerge Substitutionsbehandlung. Man versucht also, in den veränderten Dopaminhaushalt einzugreifen. Das kann man durch L-Dopa erreichen. Hierdurch wird der durch das Absterben von Nervenzellen entstandene Dopaminmangel im Gehirn ausgeglichen. Es gibt aber auch weitere Medikamente, wie zum Beispiel Dopaminagonisten, die die Auswirkungen des Dopaminmangels lindern können. Bei weiter fortgeschrittenen Parkinson-Erkrankungen werden auch Medikamentenpumpen eingesetzt. Andererseits gibt es auch die Möglichkeit eines operativen Eingriffs, der tiefen Hirnstimulation, zum Beispiel bei Formen mit starkem Zittern.

Aber es gibt doch auch Bewegungstherapien, oder?

Südmeyer: Das ist ein ganz wichtiger Aspekt, den ich Patienten immer mit Nachdruck empfehle. Hier hat die Krankengymnastik oder auch Logopädie einen hohen Stellenwert, wenn Patienten über Gangschwierigkeiten oder eine leisere Sprache klagen. Wichtig ist natürlich auch, dass man im Alltag aktiv bleibt. Wer rastet, der rostet. Das ist ein Motto, das bei Parkinsonerkrankten besonders gilt, weil man wegen der verminderten Beweglichkeit dahingehend vermehrt Einschränkungen erfährt. Wenn man sich dem hingibt und weniger aktiv ist, dann kommt es häufig auch zur Einschränkungen im Alltag.

Irgendwann wird Heilung möglich sein

Gegen das Erkranken selbst kann ich eigentlich nichts tun?

Südmeyer: In der Tat ist Parkinson schicksalhaft. Man kann das krank werden nicht verhindern. Man hat beispielsweise schon mit bestimmten Ernährungsweisen versucht vorzubeugen, aber entsprechend belastbare Studien dazu gibt es nicht. Behandlungsversuche, die darauf abzielen die Erkrankung bereits im Vorfeld zu verhindern, sollten daher aus meiner Sicht im Rahmen von wissenschaftlichen Untersuchungen begleitet werden.

Wird es jemals heilende Therapien bei degenerativen Erkrankungen wie Parkinson oder auch Alzheimer geben?

Südmeyer: Dies wird an breiter Front von der Wissenschaft bearbeitet, weil Parkinson auf dem Weg zu einer Volkskrankheit ist, von der übrigens auch sehr junge Patienten betroffen sein können. Mein jüngster Parkinson-Patient ist zum Beispiel erst Anfang 20. Circa zehn Prozent der Parkinson-Erkrankten sind unter 40 Jahren. Erforscht werden Ansätze der Neuroregeneration oder der Prophylaxe. Bei Alzheimer gab es den Versuch einer Impfung, um eine krankhafte Proteinablagerung in den Nervenzellen zu verhindern. Bislang stehen aber noch keine so gearteten Therapieformen in der klinischen Versorgung zur Verfügung. Aber ich bin der festen Überzeugung, dass die Entwicklung in den nächsten Jahrzehnten in die Richtung gehen wird, dass man solche Erkrankungen wirklich heilend oder sogar prophylaktisch behandeln kann.

Angehörige brauchen viel Geduld

Und wie soll die Gesellschaft bis dahin mit diesen Krankheiten umgehen?

Südmeyer: Die neurodegenerativen Erkrankungen sind gesundheitsökonomisch von enormer Relevanz. Allein die Parkinson-Behandlung in Europa kostet jedes Jahr Milliarden. Die Gesundheitskosten werden sicherlich insgesamt steigen, da wir immer älter werden. Aber wie die Gesellschaft diese Kosten stemmen wird, da muss die Politik Lösungsansätze entwickeln.

Was können Angehörige tun?

Südmeyer: Die Betroffenen brauchen einen guten Arzt, der vernünftig und sachlich informiert und verlässlich bei der Behandlung zur Seite steht. Angehörige sollten die Betroffenen bei den Arztgesprächen begleiten und unterstützen. Wichtig sind gute Informationen. Nicht raten kann ich zu ungefilterten Informationen aus dem Internet, dort steht auch sehr viel Unsinn. Gutes Informationsmaterial kann man beispielsweise bei Selbsthilfegruppen erhalten.

Gefordert ist aber auch sicher Geduld und Einfühlungsvermögen.

Südmeyer: Absolut. Wir Ärzte sehen jedoch immer wieder, dass nicht nur die Betroffenen selbst stark belastet sind, sondern auch die Angehörigen. Es ist bekannt, dass Angehörige wegen der oft langjährigen Betreuung und Pflege eher dazu neigen, selbst chronische Erkrankungen oder Depressionen zu entwickeln. Aber man muss auch sagen: Der eigentliche Morbus Parkinson ist aufgrund der fortgeschrittenen Therapien wirklich sehr gut zu behandeln. Patienten können häufig über einen langen Zeitraum ein relativ normales Leben führen, wenn man die Krankheit vernünftig therapiert.

Von Rüdiger Braun

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