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Brandenburg „Jedes Gefängnis hat Schwachstellen“
Brandenburg „Jedes Gefängnis hat Schwachstellen“
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00:19 10.01.2018
Doch nicht unüberwindbar: Die Gefängnismauer der Justizvollzugsanstalt Plötzensee. Quelle: foto: dpa
Berlin

Sie baut Gebäude, aus denen keiner entkommen soll. Und trotzdem musste sie schon verzweifelte Anstaltsleiter trösten, denen die Insassen weggelaufen waren. Die Gefängnisarchitektin Andrea Seelich kennt sich mit Haftanstalten aus wie wenige andere in Europa. Für die MAZ analysiert sie den Fall Plötzensee.

Es war eine filmreife Flucht – tatsächlich lief eine Kamera mit. In Berlin sind vier Gefangene aus der JVA Plötzensee geflohen. Die Gefangenen wurden im Rahmen eines Sicherheitschecks überprüft. Drei wären 2018 freigekommen.

Frau Seelich, wenn insgesamt neun Insassen aus einem Knast abhauen können, wie jetzt in der JVA Plötzensee aus dem geschlossenen und aus dem offenen Vollzug, dann hat doch auch der Gefängnisarchitekt versagt, oder?

Andrea Seelich: Ich halte es für ein Zeichen von Gesundheit, wenn einer aus dem Knast heraus will. Ich mache mir mehr Sorgen, wenn ein Insasse keinen Fluchtimpuls mehr verspürt. Ein Gefängnis ist kein schöner Ort. Die Frage ist doch, was die Insassen zum Ausbruch motiviert hat. Für normale Gefängnisklientel ist es oft schwer, Strukturen einzuhalten. Man kann einen solchen Ausbruch als Herausforderung sehen, die Strukturen zu überdenken. Um diese Dinge aufzuarbeiten, braucht ein Gefängnisdirektor den Rückhalt der übergeordneten Behörden. Die dümmste Art der Reaktion wäre jetzt, einfach den Rücktritt eines Beamten zu fordern.

Wie baut man ein sicheres Gefängnis?

Wenn ein Knast von sich behauptet, zu 100 Prozent sicher zu sein, dann ist er tot. Natürlich könnte ich die Leute zubetonieren und niemals rauslassen. Nur dann wird ein Insasse auch nicht auf das spätere Leben in Freiheit vorbereitet und ein Rückfall nach der Entlassung ist viel wahrscheinlicher. Menschen sind nicht zur Käfighaltung geeignet. Ein Gefängnis ist dann sicher, wenn die Rückfallquote gering ist, wenn dort mit Menschen als lebendige Wesen und nicht als Nummern gearbeitet wird. Der Sinn der Haft besteht ja darin, dass man nach der Entlassung ein straffreies Leben führen kann.

Dr. Andrea Seelich Quelle: Privat

Die vier Insassen, die am 28. Dezember aus der JVA Plötzensee ausbrachen und seit dem vergangenen Wochenende alle wieder in Gefangenschaft sind, haben sich mit einem Hammer und einer Flex den Weg durch einen Lüftungsschacht freigearbeitet. Hätte ein guter Gefängnisarchitekt solche Szenarien beim Bau mitdenken müssen?

Ich frage mich eher, warum die Insassen unbeaufsichtigt mit einem Hammer und einer Flex so viel Krach machen konnten. Ein Ausbruch bedeutet menschliches Versagen. Wenn die Insassen einen Trennschleifer brauchten, dann hat der Architekt schon mal gute Arbeit geleistet. Ein Problem wäre es, wenn sie sich mit einem Löffel herausgegraben hätten. Hier ist nicht die Architektur schuld. Sondern Strukturen, die ermöglichen, dass Insassen die falschen Instrumente unbeaufsichtigt in der Hand hatten. Das alles deutet eher auf Personalmangel hin. Der Ausbruch wurde ja offenbar geplant. Vermutlich wurde also nicht intensiv genug therapeutisch mit den Insassen gearbeitet.

Aber es kann doch nicht normal sein, dass Gefangene einfach so entkommen?

Jedes Gefängnis hat Schwachstellen. Insassen machen den ganzen Tag nichts anderes, als nach Schwachstellen zu suchen. Und das Personal macht den ganzen Tag nichts anderes, als zu versuchen diese Schwachstellen zu schließen: Drogenschmuggel, Gewalt, Parallelstrukturen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis man wieder eine neue Schwachstelle aufdeckt. Ein Gefängnis ist ein lebendiger Organismus.

Hätte die Gefängnisleitung nicht nach dem Ausbruch sofort den offenen Vollzug aussetzen müssen?

Kollektivstrafen bringen überhaupt nichts. Das wissen wir aus Zeiten totalitärer Systeme. Nur weil einer abhaut, kann man nicht davon ausgehen, dass jetzt alle abhauen wollen. Offener und geschlossener Vollzug sind komplett unterschiedliche Systeme. Es macht keinen Sinn, aufgrund eines Ausbruchs den offenen Vollzug zu schließen. Das wäre so, als würde man in einem Restaurant ein Schnitzel beanstanden – und dann überall Schnitzel verbieten.

Wie schlimm muss das Leben in der JVA Plötzensee sein, wenn Insassen so kurz vor ihrer Haftentlassung noch ausbrechen?

Das müssen Sie die Insassen fragen. Ich habe in meinem Beruf mit einigen Ausbrechern zu tun gehabt. Oft sind es private Gründe, z. B. wenn die Freundin kurz vor Haftende Schluss macht. Gerade die Weihnachtszeit ist für viele schlimm, der Vollmond Anfang Januar war für manche auch nicht lustig.

Wie reagieren Gefängnisdirektoren, wenn ein Insasse abhaut?

Mich hat mal nachts um zwei ein Anstaltsleiter angerufen, weinend und betrunken, weil ihm zwei Insassen abgehauen sind. Ich fand das entsetzlich, dass er niemanden in seiner Behörde hatte, an den er sich wenden konnte, sondern mir seine Panik beichtete. Natürlich hat er die Verantwortung dafür, dass die Leute nicht abhauen. Natürlich hat er Angst, dass ein Ausbrecher draußen etwas Furchtbares anrichtet. Gefängnisdirektoren stehen unter enormem Druck.

Gab es in der Vergangenheit noch spektakulärere Ausbrüche?

Klar, wie in James-Bond-Filmen: Aus einem Helikopter wurde mal eine Strickleiter geworfen und der Insasse entschwebte aus dem Gefängnishof vor den Augen der anderen. Irre. Das würde heute nicht mehr gelingen. Spätestens seit es Google Earth gibt, wird auch der Luftraum über Gefängnissen überwacht. Früher haben manche auch versucht, sich in einem Auto raus zu mogeln. Heute gibt es in jeder Anstalt Herzschlagmesser, die überwachen, ob etwas Lebendiges die Pforte passiert. Egal, ob es ein Insasse ist oder eine Katze, da kommt kein Lebewesen vorbei. Die Sicherung der Anstalten ist insgesamt viel besser.

Von Jessica Schober

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