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Kämpferin an der Heimatfront

Vier Monate war ihr Verlobter in Afghanistan stationiert: Anika Wehland erzählt, wie sie diese Zeit erlebt hat Kämpferin an der Heimatfront

Der innigste Dank passt auf ein kleines Stück Stoff. Anfang März am Flughafen Tegel: Vier Monate nach dem Abflug nach Afghanistan läuft Soldat Robert Lau auf seine Verlobte zu.

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Quelle: Bernd Gartenschläger

POTSDAM. An seine Uniform hat er auf Brusthöhe einen Aufnäher geheftet. „Danke Mausi“ steht darauf. Seine „Mausi“ hat Robert Lau endlich wieder. Sie haben es geschafft. Beide.

Stabsgefreiter Robert Lau vom Logistikbataillon 172 aus Beelitz (Potsdam-Mittelmark) war vier Monate lang in Mazar-i-Scharif stationiert. Mit dem heutigen Rückkehrerappell in der Hans-Joachim-von-Zieten-Kaserne endet nun auch offiziell sein Einsatz in Afghanistan.

Die Fronten, an denen der 26-Jährige und seine Verlobte Anika in den vergangenen Monaten gekämpft haben, sind aber nicht geografisch zu fassen. Am Hindukusch herrscht Krieg. Der Gegner, gegen den Anika Wehland zu Hause kämpfte, heißt Krebs.

Wer die 21-Jährige trifft, kann nur staunen über die Energie, die die junge Frau mit den großen grünen Augen und dem einnehmenden Lächeln versprüht. In Minirock, Ballerina-Schuhen und himmelblauer Bluse sitzt sie in der Beelitzer Kaserne. Sie ist gekommen, um zu erzählen, wie sie den Auslandseinsatz ihres Verlobten erlebt hat. Immer wieder wird sie im Gespräch sagen, dass beim zweiten Mal vieles einfacher war. Sie habe ja gewusst, wie es sich anfühlt, monatelang ohne ihren Robert zu sein. 2010 hatte er zum ersten Mal in Afghanistan gedient.

Sie haben lange geredet, als er ein Jahr später wieder zurück wollte. Am Ende hat Anika Wehland ihr Okay gegeben. Ihre Bedingung: „Ich wollte, dass er dieses Mal im Feldlager bleibt.“

Die beiden dachten, sie seien bestens vorbereitet. Da schlug das Schicksal zu. Es war im März, Anika Wehland büffelte für ihr Examen zur Sozialassistentin, da entdeckten Ärzte einen Tumor. Ein paar Wochen später Gewissheit: Lymphdrüsenkrebs. Wie gern hätten sie den Sommer vor dem Einsatz am See verbracht, ihre Räder geschnappt. Stattdessen: Chemotherapie und Bestrahlung.

Den Moment des Abschieds Ende Oktober wird Anika Wehland nie vergessen. Am Kasernentor, in den letzten Minuten, die ihnen blieben, hat ihr Robert ihr einen Heiratsantrag gemacht. Aus tiefstem Herzen hat sie „Ja“ gesagt. Den Rest des Tages aber flossen Tränen. Es hörte einfach nicht auf. Anika Wehland hatte Angst. Um das Leben ihres Verlobten. Um ihr eigenes. „In diesem Moment war es einfach zu viel“, sagt sie und ihre Finger krallen sich in ihrer schwarzen Lederjacke fest, die sie auf ihrem Schoß ausgebreitet hat.

Eine Zeit lang hat es gedauert, dann hat Anika Wehland ihre eigene „Einsatzroutine“ entwickelt. Sie hat den Fernseher ausgeschaltet, sobald der Gong zur „Tagesschau“ ertönte. In der Küche stand sie viel öfter als gewohnt. „Sonst kocht Robert. Bei mir gab’s jeden zweiten Tag süß-saure Eier oder Fischstäbchen“, sagt sie und lacht.

Bei allem Humor: Ihr Verlobter fehlte überall. Bei Tausend Dingen im Alltag. Zu Weihnachten. Zu Silvester. Auf Familienfeiern. „Manchmal will man einfach von seinem Partner in den Arm genommen werden. Da helfen auch Freunde nicht.“

Und dann diese Gratwanderung. Wie viele Abende allein zu Haus erträgt sie? Wie viele Partys, auf die sie ohne ihn geht, erträgt er? „Das war oft Thema“, erzählt Anika Wehland.

Telefoniert haben die beiden täglich – wenn nicht ein Schneesturm das afghanische Telefonnetz lahmlegte oder das Guthaben auf dem örtlichen Handy am Freitag – dem Sonntag der Muslime – zu Ende ging. Dazu zwei SMS am Tag, ab und zu E-Mails mit Fotos, hin und wieder Briefe. Regelmäßiger Kontakt schafft Nähe, doch er hat auch seine Tücken. Ließ der abendliche Anruf aus Mazar-i-Scharif ein paar Minuten auf sich warten, waren beiseite geschobene Sorgen schnell wieder zur Stelle.

Ein andermal stand die Verbindung, und doch fehlte der Draht zueinander. „Manchmal haben wir minutenlang geschwiegen, hatten uns nichts zu erzählen“, sagt Anika Wehland. Vielen Paaren geht das so. Kein Wunder: Über viele Dinge dürfen Soldaten gar nicht reden.

Und auch Anika Wehland hatte so ihre Geheimnisse. Im Herbst startete sie die Aktion „500 Päckchen“ – eine Weihnachtsüberraschung für die Soldaten in Mazar-i-Scharif. Die Resonanz war gewaltig. In ihrer Heimatstadt Wittstock (Ostprignitz-Ruppin) bastelten Kita-Kinder Hunderte Kerzenhalter. Prominente Sportvereine steuerten Trikots bei. Anika Wehland wollte ihrem Verlobten danken. „Dafür, dass er in der schwersten Zeit bei mir war“. Sie wollte ein kleines Zeichen setzen. Es wurde ein ganz Großes.

Robert Lau macht es bis heute sprachlos, was seine Verlobte auf die Beine gestellt hat. „Ob ich stolz bin? Das ist milde ausgedrückt. Wer macht so etwas schon für einen?“, sagt er nach einer längeren Pause. Einen ganzen Abend habe er gebraucht, um alle Presseberichte über die Aktion zu lesen. Erst Tage später sei ihm das ganze Ausmaß bewusst geworden.

Auch das Wiedereinleben nach der Rückkehr braucht nun seine Zeit. Aber es sei einfacher als beim ersten Mal, sagen Anika Wehland und Robert Lau.

Am 13. April werden sie noch einmal zurückblicken. Auf jenen Freitag vor einem Jahr, der die schreckliche Diagnose brachte. Den Kampf gegen den Krebs haben die 21-Jährige und ihr Verlobter gewonnen. Und auch den Auslandseinsatz haben beide gut überstanden. Jetzt ist Leben. (Von Viktoria Bittmann)

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