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Kampf um saubere Spree und gegen Bürokratie

Raffinierte Erfindung von Ralf Steeg Kampf um saubere Spree und gegen Bürokratie

Der Lausitzer Ingenieur Ralf Steeg hat eine einfache wie raffinierte Erfindung, mit der die Spree wieder sauber werden könnte. Obwohl er internationales Ansehen genießt, kämpft er seit Jahren vergeblich gegen die Politik und Bürokratie.

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Ralf Steeg lässt nicht locker. Er glaubt an eine saubere Spree.

Quelle: Rümmler

Frankfurt (Oder). Kinder toben auf Uferwiesen. Junge Leute schwimmen eine Runde oder aalen sich am Strand. In Metropolen wie München oder Kopenhagen ist es ganz normal, dass sich Einwohner im Stadt-Fluss baden. In Berlins Spree scheint das undenkbar. 1925 vergnügten sich hier das letzte Mal Menschen mit behördlicher Genehmigung im Gewässer. Seitdem schreckt die trübe Brühe selbst hartgesottene Schwimmer ab.

Das könnte ganz anders sein – zumindest wenn es nach Ralf Steeg geht. Der Diplom-Ingenieur, der in Lauchhammer aufwuchs und Chef der Firma Luri Watersystem GmbH ist, will quasi den Schlüssel für eine saubere Spree in der Hand halten. Das jedenfalls bescheinigte man ihm schon auf der Expo in Shanghai, im Umweltministerium von Vietnam oder bei Experten-Treffen in Washington (USA).

Rund 30-mal im Jahr regnet es in Berlin so stark, dass alles in die Spree geleitet wird, was die Kanalisation nicht mehr fassen kann: Müll, Dreck, Haushaltsabwässer. „Oft kommt es dann zu massenhaftem Fischsterben. Die Wassergüte sinkt auf Klasse 3, ab Klasse 4 ist ein Fluss ökologisch tot“, erklärt Steeg. Seine Erfindung: ein Rückhaltesystem aus großen Glasfaserrohren unter der Oberfläche. Sie nehmen Abwässer bei Starkregen auf, pumpen sie danach in die Kanalisation. Die Spree bleibt weitgehend sauber.

Wasserbetriebe sind nicht überzeugt

Eine Pilotanlage an der Stralauer Allee in Berlin-Friedrichshain funktioniert laut Senat für Stadtentwicklung tadellos. Doch die Berliner Wasserbetriebe, die die Pilotanlage noch vor drei Jahren selbst mit 30 000 Euro förderten, sind nicht überzeugt. Für die Vision vom Baden in der Spree seien Großinvestitionen in mindestens 13 weitere Reinigungsvorrichtungen nötig. Die Kosten dafür gehen in die Millionen, sagt der Sprecher der Wasserbetriebe, Stephan Natz. Das durch Steegs Anlage geklärte Wasser müsse nochmals gefiltert werden, was zusätzliche Kosten verursache. „Ich finde das Projekt grundsätzlich gut. Es kann aber nur Teil der Lösung sein“, so Natz.

Steeg winkt ab. Er hat zusammen mit der Viadrina in Frankfurt (Oder) ein Finanzierungsmodell erstellt. „Danach ist unser System rund 30 Prozent kostengünstiger als die Anlagen, die die Berliner Wasserbetriebe im Auge haben.“ Auch Viadrina-Professor Jens Lowitsch bescheinigt dem Vorhaben eine absolute Funktionstüchtigkeit. Ähnlich äußert sich Daniel Buchholz, umweltpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus: „Die Pilot-Anlage hat sich in der Praxis bewährt.“ Die alleinige Lösung für eine Bade-Spree bringe sie allerdings nicht.

Weltweit gibt es Interesse

Ralf Steeg, der seinen Traum von einer sauberen Spree seit nunmehr 15 Jahren verfolgt, hat einen langen Atem. „Für meine Idee gibt es mittlerweile weltweit Interesse“, erklärt der 54-Jährige stolz. Er spricht über Anfragen aus Kolumbien und Tunesien, berichtet von erfolgreichen Gesprächen in Vietnam. Ein Projekt zur Reinigung mehrerer Seen in der Hauptstadt Hanoi stehe in den Startlöchern. Dort habe er binnen einer Woche alle Entscheidungsträger aus Politik und Verwaltung getroffen. Am Ende stand ein Okay der kommunalen Wasserbetriebe. Für ihn fast ein Wunder, wenn er daran denkt, dass Berlin für einfachste Genehmigungen manchmal Jahre braucht.

An träge Behörden habe er sich mittlerweile gewöhnt, sagt Steeg. Zur Kämpfernatur sei er vielleicht durch seine nicht ganz alltägliche Vita geworden. „Ich wuchs in Lauchhammer auf einem Bauernhof auf, umgeben von herrlichen Obstgärten“, erinnert sich Steeg. Seine Eltern stellen in den 70er- Jahren einen Ausreiseantrag, der abgelehnt wird. Die Mutter verlor ihren Job, Sohn Ralf will sich mit 15 über die damals tschechoslowakisch-bundesdeutsche Grenze absetzen und wird im letzten Moment geschnappt. „Ich saß zehn Monate im Jugendgefängnis Halle (Saale) ein, wurde 1979 als einer der jüngsten politischen Häftlinge überhaupt von der Bundesrepublik freigekauft.“

Steeg: „Ich sehe einen langsamen Sinneswandel“

Für die Zukunft gibt sich der Ingenieur optimistisch. 2015 habe das Berliner Abgeordnetenhaus die saubere Spree erneut zum mittelfristigen Ziel erklärt. Das entspricht allerdings auch einer EU-Vorgabe. Die Gelder für die Reinigung der Berliner Spree sind laut Senat von 80 auf 157 Millionen Euro aufgestockt worden. Mittel für Steegs Spezialtanks sind darin nicht enthalten. „Dennoch sehe ich bei den Entscheidungsträgern einen langsamen Sinneswandel.“

Von Jens Rümmler

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