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Kein Land in Sicht

Die Flucht des Afrikaners Junus Saleh Kein Land in Sicht

Viele Flüchtlinge aus Afrika finden auf hoher See den Tod. Immer wieder kentern völlig überfüllte Boote. Junus Saleh hatte Glück. Er überlebte die Überfahrt in einer kleinen Nussschale, kam über Lampedusa nach Eisenhüttenstadt. Der Bürgerkrieg trieb ihn in die Fremde. Die Odyssee des 23-jährigen Flüchtlings ist damit aber noch nicht zu Ende.

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Ein Schiff der italienischen Küstenwache eskortiert ein Flüchtlingsboot zur Insel Lampedusa. Fast täglich kommen hier Afrikaner an, die auf ein besseres Leben in Europa hoffen.

Quelle: dpa

Eisenhüttenstadt. Junus Saleh wollte nicht sterben. Wer will das schon mit 21? Also stieg er im Hafen von Tripolis in die Nussschale, wohlwissend, dass auch das seinen Tod bedeuten könnte. Aber was ist schlimmer? Als Schwarzer in Libyen vom Anti-Gaddafi-Mob aufgeknüpft zu werden oder im Mittelmeer zu ertrinken? Junus entschied sich für die zweite Variante. Mit der vagen Hoffnung, vielleicht ja doch das rettende Land von Lampedusa zu erreichen.

Der 14. Mai 2011 ist ein guter Tag. „Nicht warm, nicht kalt, kein Regen“, sagt Junus Saleh. In Eisenhüttenstadt (Oder-Spree), wo er letztendlich gestrandet ist, regnet es öfter. 400 Libysche Dinar – rund 230 Euro, ein kleines Vermögen für einen Tagelöhner – gibt er dem Schlepper Balali. Einen Seesack mit einer Decke und Wechselkleidung nimmt ihm der Menschenschmuggler ab. Kein Platz. Dicht an dicht sitzen die Menschen auf dem maroden Holzboot. Es ist eines der größeren, mit einem stockbettähnlichen Aufbau, sodass über den Köpfen der anderen noch weitere Flüchtlinge kauern können. Wie viele an Bord waren? „Viele“, sagt Saleh nur.

Flüchtling Junus Saleh

Quelle: Marion Kaufmann

Viele Flüchtlinge aus Afrika finden auf dem Seeweg in die vermeintliche Sicherheit den Tod. Immer wieder kentern völlig überfüllte Boote. Erst Anfang Oktober ertranken 380 Afrikaner auf dem Weg nach Lampedusa, jener italienischen Insel zwischen Tunesien und Sizilien, die zum Synonym geworden ist für das Flüchtlingsdrama vor den Ufern Europas. „Wer sich darauf einlässt, kennt die Gefahr“, sagt Junus Saleh. „Aber was will man machen?“, fragt der heute 23-Jährige auf Arabisch.

Ein anderer Flüchtling, der mit ihm in der brandenburgischen Erstaufnahmestelle für Asylbewerber in Eisenhüttenstadt untergebracht ist, übersetzt ins Englische und Französische. Denn obwohl Junus Saleh aus der zentralafrikanischen Republik Tschad stammt, spricht er die zweite Amtssprache Französisch nicht. Sie ist einer gebildeten Minderheit vorbehalten – zu der er nicht gehört. Er hat fünf Geschwister und keinen Beruf. 2007 flieht er vor dem Bürgerkrieg in seinem Heimatland nach Libyen – um dort in den nächsten Bürgerkrieg zu geraten.

Asyl in Deutschland

  • 85.423 Asylanträge wurden von Januar bis September 2013 in Deutschland gestellt. Allein im September 2013 gingen 11461 Asyl-Erstanträge bei den deutschen Behörden ein.
  • 945 Anträge pro eine Million Einwohner wurden 2012 in Deutschland gestellt – Platz elf im europäischen Vergleich. Malta, Schweden und Luxemburg waren auf den ersten Positionen. Dennoch gibt es Streit: Deutschland nimmt – in absoluten Zahlen – die meisten Asylbewerber auf.
  • 1200 Anträge auf Rücknahme von Flüchtlingen hat Deutschland laut der Organisation Pro Asyl im ersten Halbjahr 2013 an Italien gestellt. 969 wurde stattgegeben.

Viele Arbeitsnomaden aus den ärmsten Staaten Afrikas zieht es seit Jahrzehnten nach Libyen. Anfeindungen waren sie schon immer ausgesetzt, doch mit Beginn des Bürgerkriegs im Februar 2011 baut sich eine neue Welle des Hasses auf: Schwarzafrikaner stehen nun unter Generalverdacht, mit Diktator Gaddafi zu paktieren. Als mutmaßliche Söldner des verhassten Machthabers werden sie von den Rebellen gejagt und gelyncht. „Ich konnte dort nicht bleiben“, sagt Junus Saleh und knetet nervös seine rauen Hände.

Lampedusa erreicht er nach drei Tagen. Er schläft nur zwei Stunden. Sobald das Boot ins Küstengebiet kommt, kreisen Hubschrauber der EU-Grenzschutzagentur Frontex über den Flüchtlingen, aber man lässt sie gewähren. Die Ankömmlinge kommen ins Aufnahmelager, dann weiter in andere Unterkünfte in Italien. Saleh zieht später weiter nach Paris, auch dort sind die Bedingungen schwierig. Anfang Oktober steigt er in den Zug nach Hamburg, meldet sich bei der Polizei, will seinen Status legalisieren – und landet in einer Turnhalle am Rande von Eisenhüttenstadt, die als Notlösung dient, weil das Heim überfüllt ist.

Zwischen Basketballkörben reihen sich Feldbetten. Es riecht nach Schweiß und unruhigem Schlaf. Die Halle auf Lampedusa sei doppelt so groß gewesen, mit viel mehr Menschen, sagt Saleh. Der durchdringende Blick aus seinen dunkelbraunen Augen ist rastlos. Mitten im Satz springt er auf und rennt zur Tür, als hätte er aus den Augenwinkeln eine Gefahr wahrgenommen. Dann setzt er sich wieder, dreht mit fahrigen Fingern eine Zigarette. Ans Leben will ihm hier keiner, aber in Sicherheit ist er nicht: Auch nach seiner Odyssee ist längst kein Land für ihn in Sicht.

„Ich brauche Papiere“, sagt der 23-Jährige. Er will den Stempel, der ihn zum rechtmäßig Bleibenden macht – so wie jene Flüchtlinge, die vor dem Brandenburger Tor in Berlin mit einem Hungerstreik erzwingen wollen, dass ihre Asylanträge anerkannt werden. Auch in Hamburg kämpft eine Lampedusa-Gruppe für ein Bleiberecht – doch das gibt es nicht so leicht. Wer bleiben will, muss belegen, dass er politisch verfolgt wurde. Und: Flüchtlinge wie Saleh dürften eigentlich gar nicht in Deutschland sein. Das EU-Recht sieht vor, dass ihr Asylverfahren im Einreiseland, also Italien, stattfindet – aber dorthin will keiner zurück. „Die Bedingungen für Flüchtlinge in Italien sind katastrophal“, erklärt Katrin Böhme, Flüchtlingsberaterin der Potsdamer Diakonie. Spätestens nach sechs Monaten, berichten Hilfsorganisationen, werden die Flüchtlinge aus den Heimen entlassen – in die Obdachlosigkeit.

Die wenigsten Asylbewerber geben deshalb zu, über Italien gekommen zu sein. Erst jetzt, mit den jüngsten Dramen auf See und den Debatten über eine neue EU-Flüchtlingspolitik, brechen manche ihr Schweigen. Eine Zahl, wie viele Lampedusa-Flüchtlinge sich in Brandenburg aufhalten, gibt es laut Innenministerium demzufolge nicht. Das Land sei zudem nur für die Unterbringung zuständig, die Asylverfahren sind Sache des Bundesamtes für Migration.

„Es sind Hunderte in den letzten Jahren“, schätzt Rabah Berkouk von der Diakonie-Flüchtlingsberatung in Eisenhüttenstadt. „Sie erzählen nicht viel“, sagt er. Sie fürchten Nachteile. Im Mai hat sich ein 20-Jähriger aus dem Tschad, der über Italien kam, in Eisenhüttenstadt erhängt. Aus Angst vor Abschiebung, vermuten einige.

Die toten Flüchtlinge im Mittelmeer, andere, die sich mitten in Deutschland fast zu Tode hungern, das Leben nehmen. Junus Saleh, der Sprachen studieren will, aber nicht einmal einen Schulabschluss hat. „Es ist traurig“, sagt Flüchtlingsberater Berkouk. „Aber was soll man machen?“

Von Marion Kaufmann

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