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Brandenburg Kein Lebenszeichen
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18:57 03.01.2013
Jörn Bourry
EBERSWALDE

Vor dem Haus wurde er von spielenden Kindern gesehen – wohl zum letzten Mal.

Holger Nigrin blättert die Seiten der Akte vorsichtig um. Am Papier, das schon durch viele Hände ging, nagt der Zahn der Zeit. Nigrin ist im Landeskriminalamt (LKA) Eberswalde (Barnim) zuständig für Vermisste, unbekannte Tote und hilflose Personen mit unklarer Identität. Der 53-jährige Kriminalhauptkommissar hat ein kleines Büro am Ende des Flurs. In einer Ecke steht ein grauer Aktenschrank mit zwei Schubladen. Darin liegen die DDR-Altfälle – abgeheftet in schlichte Ordner, auf der ersten Seite ein Passbild, dann folgen Protokolle vergeblicher Suchaktionen. Das Drama der Fahndung nach einem Kind ist in schnörkellosen Hauptsätzen nachzulesen.

„Jörn wurde sogar in Polen vermutet. Irgendwann waren alle Möglichkeiten ausgeschöpft“, sagt Nigrin. Bis heute fehlt jede Spur von dem Jungen. Nur einmal spielte der Fall noch eine Rolle – nach der Wende, als der genetische Fingerabdruck von der Mutter des Jungen in der DNA-Datenbank gespeichert wurde. „Zu Vergleichszwecken, falls ein unbekannter Toter gefunden wird“, erläutert Nigrin. Der letzte Eintrag in der Akte stammt von 2008: „Die Vermisstensache besteht nach wie vor, keine Erfolg versprechenden Folgemaßnahmen“, heißt es in Beamtendeutsch.

Unter den männlichen Verschollenen ist Jörn Bourry der älteste Brandenburger Fall. Bei den Frauen ist es die Vermisstensache Vera Tiemann aus Groß Köris (Dahme-Spreewald). Ihre Spur verliert sich am 11. April 1973 in einem Personenzug.

Es sei unwahrscheinlich, dass Menschen, die so lange verschwunden sind, noch leben, sagt Nigrin. „Das würde an ein Wunder grenzen.“ Aber die Akten werden nicht geschlossen – selbst nach 30 Jahren nicht, obwohl das üblich wäre. Der Fall der Österreicherin Natascha Kampusch, die von ihrem Peiniger acht Jahre in einem Kellerverlies eingesperrt worden war, zeige, was alles möglich sei. „Meine Unterlagen kommen nicht ins Archiv“, sagt der Hauptkommissar. Das sei er den Vermissten schuldig. So bleiben auch Jörn Bourry und Vera Tiemann in der Fahndungsdatei.

Überdies beschäftigt sich beim LKA seit einem Jahr eine sechsköpfige Mordkommission mit ungeklärten Verbrechen. Deren Chef, Axel Hetke, sichtet dafür auch Nigrins Akten und in der Asservatenkammer das, was Verschollene zurückgelassen haben. Etwa 100 ungeklärte Tötungsverbrechen gibt es in Brandenburg.

Die Landeskriminalämter der neuen Länder hatten die Unterlagen über Personen, die bereits zu DDR-Zeit verschwunden waren und womöglich einem Verbrechen zum Opfer fielen, nach der Wende aus dem Bestand der Volkspolizei übernommen.

Wie wichtig es sein kann, Vermisstensachen über lange Zeit offen zu halten, zeigt der Fahndungserfolg im Fall der vor mehr als 15 Jahren verschwundenen Maike Thiel aus Leegebruch (Oberhavel). Vor sechs Wochen nahm die Polizei den mutmaßlichen Mörder der 17-Jährigen fest. Der heute 33-jährige Ex-Freund und vermutliche Vater des Kindes sowie ein zweiter Mann sind dringend verdächtig, die hochschwangere Maike am 3. Juli 1997 getötet zu haben. Ihre Leiche ist noch nicht gefunden. Die Staatsanwaltschaft lobte die Hartnäckigkeit der Mordkommission. Maikes Eltern zeigten sich nach dem späten Erfolg der Polizei erleichtert: „Wir haben 15 Jahre lang auf diesen Tag gewartet.“

Auch wenn es Holger Nigrin nie sagen würde, ist das wohl auch Anerkennung für ihn. Der Mann, der bereits in der DDR bei der Kripo war, ist heute kein Ermittler mehr, aber er bereitet deren Arbeit vor. Sein Platz ist am Computer. Er füttert Datenbanken mit neuen Informationen, forscht im Umfeld Verschwundener, vervollständigt Angaben zu Personen und hält Kontakt zu den Kriminalämtern von Bund und Ländern. Alle 24 Stunden gibt es in der europaweiten Vermisstendatei von Inpol einen Abgleich. „Gibt es neue Spuren, klingelt’s auch bei mir“, erklärt Nigrin. Aber das Ganze ist Puzzlearbeit, Treffer sind selten und brauchen Zeit. Manchmal hilft die ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY . . . ungelöst“. Nach Vermissten, deren Fälle dort nachgestellt werden, muss es aber zuvor eine bundesweite Fahndung gegeben haben.

Aber nicht nur Altfälle beschäftigen Holger Nigrin. Unter den gegenwärtig 214 Vermissten in Brandenburg befinden sich auch jugendliche Ausreißer. „Die tauchen zumeist wieder auf“, so Nigrin. Auch hilflose alte Leute verschwinden gelegentlich über Tage. Zu den Fällen, die den Familienvater Nigrin stark berührt haben, gehören die der Opfer des Tsunami vor acht Jahren in Thailand. Ihre Identität musste erst ermittelt werden. „Solche Bilder wird man nicht mehr los“, sagt der Kommissar.

Wenn Brandenburger im Ausland verschwinden, Unfälle erleiden oder einem Verbrechen zum Opfer fallen, ist immer auch Holger Nigrin gefragt. So half er bei der Identifizierung von Moritz Kock. Zahnstatus und DNA gaben, wie in vielen Fällen vorher, zweifelsfrei Auskunft. Der Potsdamer Architekt gehörte zu den 228 Opfern einer Flugzeugkatastrophe über dem Atlantik. Der Airbus war am 31. Mai 2009 auf dem Flug von Rio de Janeiro nach Paris in ein schweres Unwetter geraten und ins Meer gestürzt.

Noch offen ist hingegen das Schicksal des Brandenburger Austauschstudenten Martin Schwinzer, der im Dezember 2008 im mittelamerikanischen Costa Rica verschwand. Es wird vermutet, dass der 26-Jährige ertrunken und ins Meer gespült worden ist. „Er verbleibt wohl bis in alle Ewigkeit in der Vermisstendatei“, sagt Holger Nigrin. (Von Volkmar Krause)

Verschwundene oder Ausreißer In Brandenburg gibt es derzeit 214 Vermisste – 131 Männer und 83 Frauen. Verschwunden sind auch 26 Kinder unter 14 Jahren (16 Mädchen und zehn Jungen). Bundesweit werden fast 10 000 Personen vermisst.

Laut Lars Bruhns von der Initiative „Vermisste Kinder“ in Schleswig-Holstein gelten bundesweit täglich 200 bis 300 Kinder als vermisst. Die meisten sind aber Ausreißer.

Von den Kindern, die im Fürstenwalder Heim für minderjährige Flüchtlinge ungebracht sind, verschwinden einige ebenfalls – meist nach Berlin zu Verwandten.

Eine Person gilt als vermisst, wenn sie ihren gewohnten Lebenskreis verlassen hat, ihr Aufenthaltsort unbekannt ist und Lebensgefahr besteht. Allerdings haben Erwachsene im Vollbesitz ihrer geistigen und körperlichen Kräfte das Recht, ihren Aufenthaltsort frei zu wählen. MAZ

 

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