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Kein Scherz: BND sammelte DDR-Witze

Streng geheime Operation Kein Scherz: BND sammelte DDR-Witze

Es ist kein Witz: Der westdeutsche Auslands-Geheimdienst erkundete, wie DDR-Bürger über ihre Regierung lästerten. Die Witze sollten Auskunft über die Stimmung im Arbeiter-und-Bauern-Staat geben. Allein zwischen 1986 und 1990 trug der BND mehr als 400 politische Witze zusammen – und legte sie unter anderem Helmut Kohl auf den Schreibtisch.

Der Bundesnachrichtendienst sammelte Witze aus der DDR.

Quelle: dpa

Berlin. Warum haben Volkspolizisten stets einen Hund dabei? Damit wenigstens einer eine Ausbildung hat. Was ist besser, Sozialismus oder Sex? Sozialismus, da kann man länger stöhnen. Das sind zwei der Witze aus der DDR, die der Bundesnachrichtendienst (BND) in streng geheimer Mission über Jahre zusammentrug. Politische Witze seien auch als Stimmungsbarometer für die Lage im Arbeiter-und-Bauern-Staat angesehen worden, schreiben die Herausgeber Hans-Hermann Hertle und Hans-Wilhelm Saure in dem jetzt erschienenen Büchlein „Ausgelacht“.

Brief mit Witzen an Helmut Kohl

Erst 2009 habe der BND die Akten freigegeben, hieß es. Regelmäßig verfassten westdeutsche Geheimdienstler Sammlungen von Scherzen über DDR-Funktionäre, die SED-Spitze, die Zustände in Politik und Wirtschaft. Das „Konvolut der geballten Häme“ sei in den 80er Jahren direkt auf dem Schreibtisch des damaligen BND-Präsidenten Hans-Georg Wieck gelandet. Und der habe es auch ans Bonner Kanzleramt weitergereicht.

1986 habe Wieck Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) in einem Anschreiben erklärt: Zwar entspreche das Material nicht dem klassischen nachrichtendienstlichen Aufkommen. „Gleichwohl offenbart der politische Witz in totalitären Systemen mitunter Missstände und Gegenströmungen zur gelenkten öffentlichen Meinung drastischer und unmittelbarer, als ausgefeilte Analysen dies vermögen“, zitiert Historiker Hertle vom Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam aus dem Brief an den „sehr geehrten Herrn Bundeskanzler“.

Identität der Witz-Spione bis heute geheim

„Ich wünsche Ihnen bei der Lektüre viel Vergnügen“, schloss der BND-Chef seinen Brief. Doch Kohl soll nicht amüsiert gewesen sein. Erst 25 Jahre nach der Einheit sei für diese Akten aus dem Archiv des Bundeskanzleramtes im März dieses Jahres die Geheimhaltungsstufe aufgehoben worden, ist zu erfahren.

Nach Angaben der Autoren waren es vor allem BND-Agenten, die sich in der DDR nach neuesten politischen Witzen umhörten. Wer die Witz-Spione waren, dazu gebe der BND bis heute keine Auskunft und auch keine Akten heraus. Es sei noch immer streng geheim, heißt es im Essay von Hertle und Saure zu „Ausgelacht“. Auch in Notaufnahmelagern seien DDR-Flüchtlinge zum neuesten DDR-Ulk befragt worden.

10 Witze über die DDR

1) Warum gab es in der DDR fast keine Bankräuber? Weil sie 15 Jahre auf das Fluchtauto warten mussten.

2) Ein Betrunkener spricht in einer Kneipe einen Unbekannten an: „Kennst Du den Unterschied zwischen meinem Bier und Honecker?“ Der Unbekannte verneint. „Mein Bier ist flüssig und Honecker ist überflüssig.“ Sagt der Fremde: „Ich habe auch mal eine Frage. Kennen Sie den Unterschied zwischen Ihrem Bier und Ihnen selbst?“ „Nein.“ „Ihr Bier bleibt hier, und Sie kommen mit…“

3) Erich Mielke sucht den besten politischen Witz. Hauptpreis: 10 Jahre Bautzen

4) Drei Männer sitzen in einer Gefängniszelle in der DDR. Der eine fragt: „Warum sitzt ihr ein, Genossen?“ Antwortet der Erste: „Ich bin fünf Minuten zu spät zur Arbeit gekommen, das war Sabotage.“ Der Zweite sagt: „Ich bin fünf Minuten zu früh zur Arbeit, das war Spionage. Und Du?“ Sagt der Dritte: „Ich kam immer pünktlich, da haben sie gemerkt, das ich eine Uhr aus dem Westen hatte.“

5) Ein Autofahrer wird von der Volkspolizei angehalten: „Können Sie sich ausweisen?“ Staunt der Fahrer: „Kann man das jetzt selbst?“

6) Ein altes Mütterchen wendet sich in Ost-Berlin an einen Volkspolizisten. „Entschuldigen Sie bitte, wo ist denn das Kaufhaus ‚Prinzip‘?“ Der wundert sich und meint: „So ein Kaufhaus gibt es hier gar nicht.“ Darauf sie: „Das muss es aber geben. Unser Staatsratsvorsitzender Erich Honecker hat doch gesagt, dass es im Prinzip alles zu kaufen gibt.“

7) Wie war die Stimmung in der DDR? Sie hielt sich in Grenzen.

8) Die USA, die Sowjetunion und die DDR wollen gemeinsam die Titanic heben. Die USA interessieren sich für den Goldschatz und den Tresor mit den Brillanten. Die Sowjetunion interessiert sich für das technische Know-how. Und die DDR interessiert sich für die Band, die bis zum Untergang noch fröhliche Lieder gespielt hat.

9) Einem DDR-Bewohner wird das Telefon entzogen. Er beschwert sich und fragt nach den Gründen. „Sie haben den Staatssicherheitsdienst verleumdet.“ „Ich? Inwiefern?“ „Sie haben wiederholt am Telefon behauptet, er würde Ihr Telefon abhören!“

10) Ein Grenzsoldat an der Berliner Mauer zum anderen: „Was hältst du von der DDR ?“ „Dasselbe wie du...“ „Dann muss ich dich verhaften.“

Kurz vor dem Mauerfall wurden die Witze „schärfer“

Nach Angaben des Ch. Links Verlages, in dem das Buch erschien, trug der BND allein zwischen 1986 und 1990 mehr als 400 politische Witze zusammen. 1989 habe sich der Spott verdichtet und sei schärfer geworden. Der Sozialismus siecht, hieß es etwa. Oder: Was ist der Unterschied zwischen der DDR und einem Betrieb? Im Betrieb sind die Fluchtwege gekennzeichnet.

Hertle und Saure gehen auch auf Spekulationen ein, dass sich der BND selbst Witze ausgedacht haben könnte - zur Destabilisierung der DDR. Auf ihre entsprechende Frage sei aus der BND-Zentrale in Pullach nur eine sehr kurze Antwort gekommen - „Nein!“. Die Autoren plädieren nun dafür, politische Witze als zeitgeschichtliche Quelle ernst zu nehmen und als Teil der DDR-Alltagskultur zu betrachten.

Selbst SED-Genossen lästerten über ihre Führungsspitze

Die DDR-Staatsmacht habe gerade in den 50er und 60er Jahren nicht konforme Witze außerordentlich ernst genommen und deren Erzähler verfolgt, schreiben Hertle und Saure. Doch das sei nicht aufrechtzuerhalten gewesen. Denn zunehmend hätten selbst SED-Genossen über ihre Führungsspitze gelästert.

Von MAZonline

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