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Brandenburg „Kein Arzt nimmt gerne einen Schwangerschaftsabbruch vor“
Brandenburg „Kein Arzt nimmt gerne einen Schwangerschaftsabbruch vor“
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00:32 19.04.2018
Schwangere beim Frauenarzt. Quelle: dpa-tmn
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Potsdam

Der Paragraf 219a verbietet Werbung für den Schwangerschaftsabbruch. Warum die bisherige gesetzliche Regelung für viele nicht mehr zeitgemäß ist, erklärt Thomas Döbler, Vorsitzender des Berufsverbands der Frauenärzte in Brandenburg.

In den siebziger Jahren haben in der Bundesrepublik die ersten Frauen für ihr Selbstbestimmungsrecht auf einen Schwangerschaftsabbruch demonstriert. Im „Stern“ gaben 374 von ihnen, darunter Prominente wie Senta Berger oder Romy Schneider, zu: „Ich habe abgetrieben.“ Wie erklären Sie es sich, dass derzeit wieder heftig über die gesetzliche Grundlage von Schwangerschaftsabbrüchen diskutiert wird?

Ich denke, dass ein Großteil der betroffenen Frauen die Diskussion gar nicht interessiert, weil sie mit dem Paragrafen 219a nicht in Berührung kommen. Schwangere, die über einen Abbruch nachdenken, sind gut informiert und versorgt durch Ärzte und Konfliktberatungsstellen. Im wiedervereinigten Deutschland muss keine Frau mehr für ihr Recht auf Abtreibung auf die Straße gehen, weil das System längst funktioniert. Vielmehr ist hier ein Thema politisch hochgekocht, mit dem sich die SPD während der Koalitionsverhandlungen profilieren wollte. Dass über den veralteten Paragrafen 219a wieder gesprochen wird, ist jedoch für uns Mediziner wichtig.

Der Paragraf verbietet „Werbung“ für Abtreibungen. Warum halten Sie ihn für nicht mehr zeitgemäß?

Der Paragraf unterstellt uns Ärzten, dass wir „des Vermögensvorteils wegen“ Schwangerschaftsabbrüche anbieten. Das ist Blödsinn. Es wird suggeriert, Ärzte seien raffgierig und würden mit Schwangerschaftsabbrüchen Geld machen. Als Mediziner darf ich zwar auf meiner Website darauf aufmerksam machen, dass ich ambulant-operativ tätig bin, Bauchspiegelungen und Ausschabungen vornehme. Das Wort „Schwangerschaftsabbrüche“ ist tabu. Dabei geht es in allen Fällen ausschließlich um die schlichte Information, nicht um Werbung.

Der Landesvorsitzende des Berufsverbands der Frauenärzte in Brandenburg Quelle: ADRIANBEDOY

Wo liegt die Grenze zwischen sachlicher Information und Werbung?

Um Werbung handelt es sich, wenn jemand anpreist, dass er 20 Schwangerschaftsabbrüche in der Woche vornimmt und Abbrüche angeblich besser durchführt als andere Ärzte. Ein Satz wie „Ich mache Schwangerschaftsabbrüche“ ist hingegen sachlich.

Wer nach Informationen zu Abtreibungen in Brandenburg googelt, bekommt vom Gesundheitsministerium eine Liste von Beratungsstellen. Dort können Frauen erfahren, welche Ärzte einen Eingriff vornehmen. Warum ist das aus Ihrer Sicht unzureichend?

Wenn Frauen merken, dass sie ungewollt schwanger geworden sind, suchen sie den Arzt ihres Vertrauens auf. Dort bekommen sie medizinische Informationen, selbst wenn der Arzt diesen Eingriff nicht selber vornimmt. Nehmen wir mal an, eine Patientin ist neu in der Stadt und auf der Suche nach einem Gynäkologen. Die Frau ist in einer Notsituation und möchte sich schnell und ohne Umwege medizinisch beraten lassen. Ihr könnte es helfen, wenn sie auf der Internetseite eines Arztes sieht, ob er solche Eingriffe durchführt oder nicht. Wir dürfen nicht vergessen, dass es in der Abtreibungsdebatte oft um Scham und Schuld geht. Die Patientinnen kommen mit einem schlechten Gewissen in die Praxis.

„Meistens sind finanzielle Gründe ausschlaggebend“

Alle reden darüber, dass Frauen nicht genug unterstützt werden. Aber sollte es nicht darum gehen, ein ungeborenes Leben zu schützen?

Keine Frau macht sich die Entscheidung leicht, ein Kind abzutreiben. Welcher Mensch redet schon gern darüber, einen Fehler gemacht zu haben? Es geht um einen persönlichen Konflikt. Der Schritt, ein Kind auszutragen oder nicht, ist die ganz persönliche Entscheidung einer Frau und einer Familie. Jeder muss für sich selbst sein Leben planen dürfen. Der Staat darf hier nicht eingreifen.

Was sind die Hauptgründe, warum sich Frauen für eine Abtreibung entscheiden?

Meistens sind finanzielle Gründe ausschlaggebend. Es kommt selten vor, dass eine Frau in der ersten Schwangerschaft abtreibt. Häufig haben die Schwangeren bereits drei oder vier Kinder und können sich die Verhütung nicht leisten.

Ich bin deshalb dafür, dass Schwangerschaftsverhütung für bestimmte Gruppen wie etwa Hartz-IV-Empfänger kostenlos ist.

In der DDR war es üblich, dass Frauen die Spirale oder die Pille bekommen haben, ohne dafür zahlen zu müssen.

Warum haben Sie sich als Mediziner dazu entschlossen, Schwangerschaftsabbrüche als Leistung in Ihrer Praxis anzubieten?

Mein Gedanke ist: Wenn ich es nicht anbiete, macht es ein anderer. Kein Arzt nimmt gerne einen Schwangerschaftsabbruch vor, aber ich sehe als Mediziner auch eine Verantwortung, die Frauen zu motivieren, ihr Kind auszutragen. Ich nutze die Gespräche auch als Möglichkeit, mit den Frauen darüber zu sprechen, dass es nicht noch einmal dazu kommt.

Wie gehen Frauen nach Jahren damit um, sich an einem Punkt in ihrem Leben für einen Schwangerschaftsabbruch entschieden zu haben?

Ich erlebe es selten, dass Brandenburgerinnen diesen Schritt bereuen, wenn sie sich dazu einmal entschlossen haben. Umgekehrt kenne ich aber auch keine Patientin, die es bereut hat, ihr Kind bekommen zu haben.

Von Diana Bade

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