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Kindesmissbrauch in Kitas nimmt zu

Sozialpädagogen warnen vor subtilen Tätern Kindesmissbrauch in Kitas nimmt zu

Für Kleinkinder wächst die Gefahr, Opfer von Missbrauch zu werden. In Brandenburg verzeichnen Sozialpädagogen immer mehr Fälle. Dabei suchen sich die Täter offenbar gezielt jüngere Opfer – und sie gehen immer subtiler vor. Viel zu tun für das Sozialtherapeutische Institut Berlin-Brandenburg. Doch die finanzielle Förderung für die Opferhilfe läuft im Sommer aus.

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Für Kita-Kinder ist die Gefahr Experten zufolge besonders groß, Opfer von Missbrauch zu werden.

Quelle: Imago

Kleinmachnow. Paula wippt auf dem Spielplatz. Ein Wolf schleicht sich heran, will dem Mädchen ein Armband schenken und es in den Wald locken. So beginnt ein Schattentheater-Stück, mit dem Mitarbeiter des Sozialtherapeutischen Instituts Berlin-Brandenburg (Stibb) in diesen Tagen Kitas im Land Brandenburg besuchen. Paula und der Wolf sind Handpuppen, die Geschichte „Wir sagen Bescheid!“ hat sich das Stibb-Team ausgedacht.

Etwa 60 Einrichtungen haben schon an der Aktion teilgenommen, bei den Kindern kommt das Stück an, erklärt Sozialarbeiterin Nina Frank. Es wirft die Frage auf, wie man sich vor Fremden schützt, wann man Hilfe holen sollte und von wem. „Ein Mädchen hat nach der Geschichte erzählt, dass sie mal geschrien hat, als ein Fremder ihr Süßigkeiten geben wollte“, sagt die 35-Jährige. Genau darauf komme es an. Die Kinder, sagt Frank, müssten über das Thema sprechen, damit sie im Ernstfall richtig reagieren können.

Stibb-Leiterin Annelie Dunand

Stibb-Leiterin Annelie Dunand.

Quelle: Christel Köster

Das Stück hat einen ernsten Hintergrund: Immer mehr Kinder werden Opfer von sexuellem Missbrauch, erklärt Annelie Dunand, Leiterin des Stibb in Kleinmachnow (Potsdam-Mittelmark). Die Zahl steigt kontinuierlich: Gab es in den Jahren 2010/11 noch 38 Fälle von missbrauchten Kindern bis fünf Jahre, waren es 2014/15 schon 86, um die sich die Stibb-Mitarbeiter kümmerten. Ein wachsender Anteil davon passiere in Kitas. Doch längst nicht alle Übergriffe werden bekannt:„Die meisten Fälle von sexuellem Missbrauch werden nicht angezeigt, wir gehen von einer Dunkelziffer von etwa 90 Prozent aus.“ Erzieher, Hausmeister, Praktikanten – die Gefahr droht von vielen Seiten, sagt Annelie Dunand.

Die eigenen Kinder verstehen lernen

Einen Grund für die Missbräuche in Kitas sieht sie darin, dass vor allem in Schulen mittlerweile viel über sexuellen Missbrauch aufgeklärt werde, was den Druck auf potenzielle Täter erhöhe. „Also gehen diese Leute in die Kitas und suchen sich Kinder, die besonders hilflos sind und sich noch nicht richtig ausdrücken können“, sagt Dunand. Es sei deshalb wichtig, dass Eltern ihren Kindern genau zuhören, bestimmte Aussagen nicht einfach abtun. „Wenn Kinder Angst haben, auf die Toilette zu gehen oder sagen, dass sie jemand immer kitzeln will, sollte man hellhörig werden.“ Kindersprache sei sehr bildhaft, Erwachsene müssten darauf eingehen.

Zudem gehen die Täter immer raffinierter vor, der Missbrauch wird subtiler. „Wenn mir eine Dreijährige sagt, dass sie selbst schuld ist, sieht man, wie sehr die Täter beeinflussen können“, sagt Dunand. Sie fordert mehr Wachsamkeit von Eltern und Personal in der Kita, aber auch finanzielle Unterstützung für Präventionsmaßnahmen. „Ich würde mir wünschen, dass wir ein Sponsoring mit Unternehmern und Menschen aus der Bevölkerung aufbauen können, das diesen Kindern zugute kommt.“

Sozialpädagogen sollen Missbrauchsopfer unterstützen

Für die Opferhilfe des Vereins indessen gab es am vergangenen Freitag Unterstützung. Justiz-Staatssekretär Ronald Pienkny (Die Linke) besuchte die Einrichtung und sicherte rund 23.000 Euro zu. Damit sollen Sozialpädagogen des Vereins bezahlt werden, die missbrauchten Kindern und ihren Familien in Gerichtsverhandlungen zur Seite stehen. Wenn Kinder in Prozessen über den Missbrauch sprechen sollten, sei das mit oft mit Scham und eigenen Schuldgefühlen verbunden. Zudem sei die Angst groß, dass den Kindern nicht geglaubt werde. „Die Kinder brauchen emotionale Unterstützung dafür, dass sie ihre Wahrheit im Prozess vertreten können“, sagt Annelie Dunand. Die Unterstützung vom Ministerium läuft bis Juli, eine Folgefinanzierung ist noch unklar. „Wir brauchen aber auch hier jede Unterstützung.“

700 Opfer pro Jahr

Mehr als 10 000 Menschen hat das Institut in Kleinmachnow seit der Gründung 1993 geholfen. Hierher kommen jeden Tag Mädchen und Jungen mit ihren Eltern. Viele finden den Weg allein; andere werden von Schule, Hort oder Kita geschickt, wenn der Verdacht besteht, dass sie Opfer von Missbrauch oder Gewalt geworden sein könnten.


Kamen 1993 nur 50 Jugendliche, sind es seit 2010 jährlich immer etwa 700. Die Dunkelziffer ist laut Stibb-Leiterin Annelie Dunand allerdings hoch. Wichtig sei es, dass Eltern ihren Kindern glaubten, auch wenn diese von Unvorstellbarem berichteten, bekräftigt die Expertin.

Das Stibb bietet Einzel- und Familienberatungen sowie Kinderschutz- und Opferhilfen, diese können sich über mehrere Monate oder Jahre erstrecken. Auch Eltern werden beraten, etwa bei Erziehungsfragen, beim Erstatten von Anzeigen und während Strafverfahren.

Finanziert wird das Stibb aus öffentlicher Hand und durch Spenden. Zum Team zählen 14 Menschen – sie sind Soziologen, Psychologen, Pädagogen, Sozialpädagogen oder Sozialarbeiter.


Neben dem Hauptsitz in Kleinmachnow unterhält das Institut auch den „Kindertreff am Stern“ und das „Haus der Prävention“ in Potsdam.

Von Marco Paetzel

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