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Kippschalter soll Verhütung revolutionieren

Brandenburger entwickelt Samen-Ventil Kippschalter soll Verhütung revolutionieren

Gruseliger Eingriff in den Körper oder die Zukunft der Verhütung? Der gebürtige Brandenburger Clemens Bimek hat ein Ventil entwickelt, mit dem Männer ihre Zeugungsfähigkeit kontrollieren können. Das „Bimek SLV“ wird bislang aber nur von einem getragen – vom Erfinder selbst. Experten sind skeptisch.

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Dieser Kippschalter könnte die Verhütung revolutionieren.

Rüdersdorf. Seine Hoden könnten die Verhütung revolutionieren. 1998 sieht Clemens Bimek eine Dokumentation über Vasoresektionen im Fernsehen. Bei diesem umgangssprachlich oft als Vasektomie bezeichneten Eingriff wird mit einem Schnitt durch den Samenleiter die männliche Unfruchtbarkeit herbeigeführt. Der in Rüdersdorf (Märkisch-Oderland) geborene und aufgewachsene Bimek stellt sich spontan die Frage: „Warum baut man da nicht einfach ein Ventil ein?“

Clemens Bimek

Clemens Bimek.

Quelle: MAZ

Die Idee lässt ihn nicht mehr los. Aus dem Tischlermeister Bimek wird der Erfinder Bimek; im Jahr 2000 meldet er das erste Patent an, er stürzt sich ein halbes Jahr lang ins Selbststudium der Andrologie und Urologie, er sucht Experten auf und spricht mit Fachärzten und Wissenschaftlern – und trifft vor allem auf Skepsis. Schließlich baut Bimek, der mittlerweile in die Schweiz gezogen ist, im Alleingang das, was er als „Revolution der Verhütung“ bezeichnet.

„Der Träger merkt nichts“

Das Bimek SLV – die Abkürzung steht für Samenleiterventil – funktioniert tatsächlich so, wie sein Erfinder es sich einst vor dem Fernseher überlegt hatte. „Durch zwei kleine Schnitte in den Hodensack wird der Samenleiter freigelegt und durchtrennt“, erläutert Bimeks Sprecher Dirk Baranek. „Anschließend wird ein Ventil in jeden Samenleiter eingebaut.“ Das Ventil wird mit Hilfe eines Kippschalters geöffnet oder geschlossen. „Diesen Schalter können die Träger durch die Haut im Hodensack ertasten“, so Baranek.

Ein Sicherheitsstift soll das versehentliche Umlegen des Schalters verhindern: Will der Mann das Ventil betätigen, braucht er beide Hände dafür. Im Alltag ist das Implantat angeblich nicht spürbar. „Es wiegt nur zwei Gramm und hat die Größe eines Gummibärchens, außerdem besteht es aus jahrzehntelang in der Implantationsmedizin erprobten Materialien“, sagt der Pressesprecher. „Der Träger merkt nichts.“

Einbau unter örtlicher Betäubung

Der Träger – Dirk Baranek nutzt nicht umsonst den Singular – ist Clemens Bimek selbst. Es dauert, bis er einen Urologen findet, der ihm das Implantat einsetzen will und darf. 2009 ist es schließlich so weit. Unter örtlicher Betäubung werden Clemens Bimek zwei von ihm konstruierte Ventile in die Samenleiter eingesetzt. Bis alles wie vorgesehen funktioniert, muss Bimek mehrere Eingriffe über sich ergehen lassen. Nach vier Jahren hat er die Technik so weit vereinfacht, dass sie in einer einfachen ambulanten Operation eingesetzt werden kann.

Urologe ist skeptisch

Gralf Popken (63) ist Chefarzt der Urologie am Klinikum Ernst von Bergmann in Potsdam. Im MAZ-Kurzinterview sagt er, warum er die Erfindung skeptisch betrachtet.

Was halten Sie vom Bimek SLV?

Ich bin da ausgesprochen skeptisch. Als Mediziner beschäftige ich mich seit 20 Jahren auf wissenschaftlicher Basis mit den Samenwegen im Körper. Ich sehe bei diesem Projekt zu viele Unklarheiten und offene Fragen.

Welche Unklarheiten sind das?

Zunächst ist die medizinische Wirksamkeit dieses Implantats nicht erwiesen. Die Zertifizierung ist fraglich, es ist unklar, ob dieses Produkt überhaupt in eine klinische Studie darf. Es sind viele Nebenwirkungen denkbar, auf die der Entwickler bei seiner Präsentation nicht eingeht. Ich sehe die Gefahr der Vernarbung des Gewebes, die ein Öffnen des Ventils unmöglich macht. Auch eine Verstopfung ist möglich. Zudem ist der Kollege, der die Entwicklung medizinisch begleitet, in Fachkreisen nicht als führender Experte auf diesem Gebiet bekannt.

Sie raten also von diesem Implantat ab?

Ja. Ich empfehle keinem Patienten, das zu testen. Ich rate zu äußerster Skepsis bei Methoden wie dieser, die ein medizinischer Laie im Selbststudium erdacht hat.

800 Interessenten sollen Schlange stehen

Bis zur Marktreife des Bimek SLV wird es dauern. „Wir stehen jetzt vor der klinischen Studie, die wird noch einmal zwei Jahre in Anspruch nehmen“, sagt Baranek. Mehr als 800 Interessenten soll es bereits geben. Auch auf Seiten der Investoren ist die Neugier groß. „Wir haben potenzielle Geldgeber auf der ganzen Welt“, so der Sprecher. Die Kosten für die klinische Studie belaufen sich auf rund 600.000 Euro.

Für jeden ist die Verhütungsmethode freilich nicht geeignet, Bimek selbst spricht auf seiner Homepage vor allem Männer an, deren Familienplanung abgeschlossen ist oder die erst in einiger Zeit Kinder zeugen wollen. „Es ist nicht so, dass man da jeden Tag neu den Schalter betätigt“, sagt sein Sprecher Baranek. „Nach dem Schließen des Ventils ist der Mann noch etwa 30 Ejakulationen lang zeugungsfähig, da Spermien sozusagen vorproduziert werden.“ Er kann sich einen Einsatz etwa vorstellen, wenn ein Paar ein Kind bekommt und die Frau danach die Verantwortung für die Verhütung in die Hände des Mannes legen will.

So sieht das Ventil mit Kippschalter in der Großaufnahme aus

So sieht das Ventil mit Kippschalter in der Großaufnahme aus.

Quelle: MAZ

Die Kosten für ein Implantat schätzt das Unternehmen auf 5000 Euro. Ebenso wie eine Vasektomie – die um die 500 Euro kostet – würde der Eingriff nicht von den Krankenkassen bezahlt werden. „Wenn aber irgendwann Millionen von Männern ein solches Ventil wollen, wird der Preis natürlich sinken“, verspricht Dirk Baranek.

Von Saskia Popp

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