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Klaus Ness war noch lange nicht am Ende

Nachruf Klaus Ness war noch lange nicht am Ende

Klaus Ness prägte Brandenburgs SPD wie kein anderer. Er managte die Wahlkämpfe für Manfred Stolpe und Matthias Platzeck. Er galt als gewiefter Strippenzieher und fädelte 2009 den Wechsel der SPD zur Koalition mit den Linken ein. Nun ist er überraschend gestorben. Ein Nachruf.

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Klaus Ness war fasziniert von Politik und sprach auch gern darüber.

Quelle: MAZ

Potsdam. Klaus Ness wich einer Begegnung nie aus. Traf man ihn, blieb er stehen, lächelte meist oder blieb ernst, je nach Frage des Journalisten, und schon war man mittendrin. Er liebte die Politik und das Gespräch darüber.

So wie am Donnerstag Nachmittag im Landtag. Der lange Sitzungstag schleppte sich hin. Klaus Ness gönnte sich eine Pause und schlenderte die Treppen nach unten, zur Raucherecke vor die Tür. Es ging um zwei, drei aktuelle Kontroversen zur Bildungs- und Justizpolitik im Parlament. Er war hellwach, meinungsstark wie immer, stets für einen interessanten Dreh gut. Anzumerken war ihm in dieser Situation nichts.

Wer konnte ahnen, dass es das letzte Gespräch mit ihm war?

Am Abend nahm Klaus Ness an einem Unternehmerempfang von Rolls Royce im Landtag teil. Später werden Vertraute sagen, er habe sich da schon nicht wohl gefühlt und wollte eher nach Hause. Als er längere Zeit nicht zu sehen war, schaute einer nach ihm und sah ihn auf einem der roten Sofas vor der Teeküche der SPD-Fraktion zusammengesunken sitzen. Sogleich wurden die Ärzte unter den Abgeordneten alarmiert, die auch am Empfang teilnahmen. Michael Schierack von der CDU und Ursula Nonnemacher von den Grünen leisteten sofort Erste Hilfe, Daniel Kurth von der SPD kam dazu. Ness hatte offenbar einen Herzinfarkt erlitten. Mit vereinten Kräften konnten die drei ihn zumindest wieder beleben. Ein herbeigerufener Rettungswagen brachte den 53-Jährigen dann ins Potsdamer Klinikum „Ernst von Bergmann“. Dort verstarb er nur wenige Stunden später.

Das politische Potsdam hält inne

Die Nachricht von seinem plötzlichen Tod sprach sich am Freitagmorgen schnell herum. Engste Weggefährten hatten noch in der Nacht im Krankenhaus Abschied genommen. Dass einer wie Ness, der die Brandenburger SPD seit 1990 als Chef-Parteimanager wie kein anderer geprägt hat, nicht mehr ist, löste Entsetzen aus. Das politische Potsdam hielt inmitten von Parteiengezänk für einen Moment inne. Auch in der CDU, die in Ness seit vielen Jahren ihren Lieblingsgegner sah, herrschte große Betroffenheit. Man war sich zuletzt wieder näher gekommen. Die jetzige Parteiführung um Ingo Senftleben schätzte den neuen Draht in das wichtige Machtzentrum der SPD, in Ness‘ Landtagsfraktion.

Zum Tod von Klaus Ness

Am Donnerstagabend, 17. Dezember, bricht Klaus Ness im Landtag zusammen. Zwei Abgeordnete beleben den SPD-Poltiker wieder. Ness wird ins Krankenhaus gebracht.

In der Nacht zu Freitag stirbt Klaus Ness, die Ärzte konnten sein Leben nicht mehr retten.

Parteiübergreifend reagieren Politiker geschockt und erschüttert von der Nachricht, dass Ness gestorben ist. Er wird als prinzipientreuer Politiker gelobt, der sich vor allem im Kampf gegen den Rechtsextremismus engagiert habe. Außerdem habe er die gute Entwicklung Brandenburgs in den vergangenen Jahren maßgeblich geprägt.

Zwei Tage vor Ness’ Tod hat er MAZ-Volontäre zum Gespräch im Brandenburger Landtag empfangen. Eine Volontärin erinnert sich an das Gespräch.

Diesen Job hatte er im August 2013 übernommen, eine Folge des gesundheitsbedingten Rückzugs von Matthias Platzeck. Der Posten wurde frei und Ness sah seine Chance, den Partei-Job nach fast 23 Jahren und fünf Landtagswahlen abzugeben. Es war für ihn eine Zäsur. Bis zuletzt fiel es Ness schwer, die Rolle des umtriebigen, eloquenten Generalsekretärs abzustreifen. Zugleich zog er die Zügel in der Fraktion an und es schien, als hätte Ness in diesem Amt, wo er als „Generalist“ auftrumpfen konnte, wo es ihm gefällt, seine Bestimmung gefunden. Einen solchen starken Fraktionschef hatte die SPD seit Wolfgang Birthler in den 90er Jahren nicht. Ness war nicht unumstritten, genoss aber hohe Autorität. Das erinnerte manche in der SPD an einen wie Herbert Wehner. Auch Ness konnte kantig und kauzig sein. Er wirkte dabei oft, als wäre er unter Strom. Ness, der Rastlose. Legendär sind seine harten Dispute im Landtag mit der AfD. Die Schlacht seiner Partei gegen Alexander Gauland und dessen Rechtspopulismus führte er fast im Alleingang.

Sein Lebensthema: „sozialer Aufstieg für alle“

Der Einsatz für eine freie und offene Gesellschaft, die den Kampf gegen deren Feinde und rechtsextreme Umtriebe einschließt, war Ness besonders wichtig. Sein großes Lebensthema aber war der „soziale Aufstieg für alle“. Dafür setzte sich Ness, der im niedersächsischen Peine geboren wurde und schon mit 15 in die SPD eintrat, stets ein. Seine Botschaft: Wer sich anstrengt, dem sollen alle Türen offen stehen. Ness war auch der Erfinder des „Schüler-Bafögs“ in Brandenburg. Einkommensschwache Familien erhalten seit 2009 einen monatlichen Zuschuss.

Seinen Mythos als genialer Wahlkämpfer holte er sich bei der Landtagswahl 2004. In fast aussichtsloser Lage riss die SPD mit Spitzenkandidat Matthias Platzeck das Ruder noch herum – es war Hartz-IV-Wahlkampf. Seither wich er, der eigentlich ein Steffen-Reiche-Mann war, Platzecks Vorgänger als SPD-Landeschef, diesem nicht mehr von der Seite. Als Platzeck 2005 SPD-Bundesvorsitzender wurde, ging Ness mit ins Willy-Brandt-Haus – und nach fünf Monaten wegen Platzecks Gesundheit auch wieder zurück nach Potsdam. Dort durfte Ness dann endlich den Namen „Generalsekretär“ tragen. Sein Stern stieg weiter auf. Er hielt Platzeck in der Partei den Rücken frei – ohne Ness lief auch in den jeweiligen Koalitionen nichts. Er war derjenige, der den Koalitionswechsel zu den Linken 2009 mit einfädelte. Auch 2014 hatte er großen Anteil daran, dass die SPD Rot-Rot fortsetzte.

2007 heiratete er die SPD-Landtagabgeordnete Martina Gregor und zog zu ihr nach Senftenberg. Klaus Ness wird nicht nur der SPD fehlen.

Von Peine nach Brandenburg

Brandenburgs SPD-Fraktionschef Klaus Ness gehörte nach Jahrzehnten im Regierungslager zu den wichtigsten Führungskräften der Sozialdemokraten im Land. Als Fraktionschef der SPD im Landtag scheute sich der Kettenraucher auch nicht vor Seitenhieben. Dabei verschonte er weder die Opposition noch den SPD-Regierungspartner von der Linken.

Der 53-Jährige galt als Stratege und Mitgestalter vieler SPD-Wahlerfolge in Brandenburg. Er war lange Landesgeschäftsführer und Generalsekretär. Als der damalige Ministerpräsident Matthias Platzeck 2005 für wenige Monate SPD-Bundesvorsitzender war, begleitete Ness ihn als Abteilungsleiter ins Berliner Willy-Brandt-Haus.

Nachdem Dietmar Woidke als Platzecks Nachfolger Ministerpräsident wurde, wurde Ness 2013 Fraktionsvorsitzender der SPD im Landtag. Seine Wiederwahl 2014 war problemlos.

Schon mit 15 Jahren trat der spätere Diplom-Pädagoge den Sozialdemokraten bei. Er wurde 1962 in Peine geboren, fühlte sich aber längst als „echter Brandenburger“. Er war mit der Diplomingenieurin Martina Gregor-Ness aus Senftenberg verheiratet, die für die SPD im Kreistag Oberspreewald-Lausitz sitzt.

Von Igor Göldner

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