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Kleine Orte in Brandenburg schrumpfen weiter

Demografie-Experte im Interview Kleine Orte in Brandenburg schrumpfen weiter

Nach der von Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) abgesagten Kreisreform stellt sich die Frage, wie das Land vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung zukunftsfest gestaltet werden kann. Im Interview spricht der Bevölkerungsstatistiker Reiner Klingholz über die Entwicklung in Brandenburg.

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Vor allem im Speckgürtel um Berlin gibt es wieder mehr Kinder.

Quelle: dpa-Zentralbild

Potsdam. Bevölkerungsstatistiker Reiner Klingholz berichtet über die Entwicklung in Brandenburg und warnt, dass die kleinen Orte nicht weiter verlieren dürfen.

Kreisreformkritiker haben immer wieder behauptet, die demografische Lage in Brandenburg sei viel besser als erwartet. Gibt es eine Trendwende, Herr Klingholz?

Reiner Klingholz : Ja und Nein. Ja, weil seit 2013 die Abwanderung aus dem Osten Deutschland Richtung Westen generell zu Ende ist. Zudem strahlt die Attraktivität von Berlin mittlerweile weit ins Umland aus. Nein, weil auch künftig in Brandenburg mehr Menschen sterben werden als neu auf die Welt kommen. Auch der regionale Trend bleibt der gleiche – Berlins Umland gewinnt, die Peripherie verliert.

Reiner Klingholz

Reiner Klingholz

Quelle: dpa

Nach der von Brandenburgs Ministerpräsident abgesagten Kreisreform stellt sich für viele die Frage: Wie verlässlich sind die Voraussagen der Demografieforscher tatsächlich?

Das sind grundsätzlich keine „Voraussagen“, sondern Projektionen, also Wenn-dann-Annahmen. Diese Annahmen beruhen im Wesentlichen auf der Erfahrung der Vergangenheit, also, wie viele Kinder die Menschen bekommen, wie lange sie leben und wohin sie gegebenenfalls umziehen. Wenn sich dann etwas Unerwartetes ergibt, etwa der Boom von Berlin nach langer Durststrecke oder die hohen Flüchtlingszahlen nach 2015, dann muss man die Projektionen anpassen. Wenn das geschieht, sind sie deutlich verlässlicher als andere längerfristige Vorhersagen etwa über die Wirtschaftsentwicklung oder das Wetter.

„Der Hauptstadtboom spült Bewohner über die Landesgrenzen“

Oppositionspolitiker, die das Kreisreformvorhaben kategorisch abgelehnt haben, werfen Landesstatistikern vor, sie hätten die „theoretischen Grundlagen“ für die Reform geschaffen. Zudem sei die Schwarzmalerei in Sachen Demografie politisch motiviert. Ist diese Kritik gerechtfertigt?

Die Reformidee basierte auf konkreten Daten. Seinerzeit war die Bevölkerung vor allem in den berlinfernen Landesteilen stark zurückgegangen. Dort waren zudem die Nachwuchszahlen niedrig, der Altersdurchschnitt der Bevölkerung hoch und es gab eine massive Abwanderung junger Menschen. Das alles hat auf weitere Bevölkerungsverluste hingedeutet. Eine verantwortungsvolle Politik muss unter solchen Bedingungen ihre Planung anpassen, sonst laufen die Verwaltungs- und Infrastrukturkosten aus dem Ruder.

Das Argument der Kritiker ist, dass in Prognosen zum Beispiel nicht die Bevölkerungsexplosion Berlins, die Migrationsbewegungen und die derzeit steigende Geburtenrate berücksichtigt worden ist. Bestimmte Regionen hätten deutlich mehr Einwohner als vor Jahren vorausgesagt. Können solche Faktoren den Bevölkerungsschwund in Brandenburg aufhalten?

Das sind die neuen Effekte, die vor einigen Jahren so nicht absehbar waren. Berlin ist derzeit beliebt und wächst stark. Der Boom spült einige Bewohner über die Landesgrenzen, vor allem ins direkte Berliner Umland. Dort sind die Mieten billiger, die Menschen finden mehr Platz. Vor allem für junge Familien ist das attraktiv. Die Kinderzahlen je Frau sind nicht sonderlich gestiegen, aber weil mehr junge Menschen nach Brandenburg gezogen sind, gibt es auch mehr Kinder. Brandenburg war ohnehin das einzige ostdeutsche Flächenland, das seit der Wende seine Bevölkerungszahl einigermaßen halten konnte. Daran wird sich über die nächsten Jahre wenig ändern.

„Raus aus der Peripherie, rein in die urbanen Zentren“

Durch die Flüchtlingswelle sind viele neue Bürger mit kinderreichen Familien ins Land gekommen. Welche Rolle spielen solche Migrationsbewegungen und wie vorhersehbar sind sie?

Wie wenig vorhersehbar so etwas ist, haben wir 2015 gesehen. Entsprechend wissen wir auch nicht, wie es weitergeht. Derzeit kommen weniger Schutzsuchende und die, die da sind, könnten irgendwann wieder wegziehen, entweder in ihre alte Heimat oder dorthin, wo sie Arbeit finden. Sie folgen den gleichen Wanderungsmustern wie die Einheimischen: Raus aus der Peripherie, rein in die urbanen Zentren. Das ist Teil eines Strukturwandels, den neue Jobs entstehen tendenziell in größeren Städten.

Laut Prognosen wird die Bevölkerung in Brandenburg bis 2030 von derzeit 2,5 um rund 10 Prozent auf 2,25 Millionen Einwohner schrumpfen – vor allem die Randgebiete werden sich leeren. Trifft diese Aussage noch zu?

Vor allem kleinere Orte mit weniger als 1.000 Einwohnern in den Randgebieten dürften tendenziell weiter verlieren – auch wenn es immer einzelne Ausnahmen gibt, etwa in landschaftlich reizvollen Gebieten. Dort ist die Bevölkerung bereits stark gealtert, das heißt künftig nehmen die Sterbeüberschüsse zu. Wo es Kinder gibt, ziehen die meisten nach der Schule weg, auf der Suche nach einem Ausbildungs- oder Studienplatz. Daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern.

„Die Politik reagiert auf die veränderte Entwicklung“

Welche Regionen wachsen stärker als ursprünglich gedacht?

Alles, was in Pendeldistanz zu Berlin liegt, besonders wenn die Anschlüsse mit der Bahn gut sind, wie etwa in Brandenburg an der Havel oder Bernau. Und auch einige entlegene Orte, die mehr als 10.000 Einwohner haben und wichtige Versorgungsangebote vorhalten - Ärzte, Apotheken, Einkaufsmöglichkeiten. Dorthin ziehen vermehrt auch älteren Menschen aus den kleinen Dörfern des Umlandes hin, weil sie die kurzen Wege suchen oder barrierefreie Wohnungen.

Bedeutet die abgesagte Kreisreform, dass die Politik Prognosen von Demografieexperten nicht ernst genug nimmt?

Eher im Gegenteil. Die Politik reagiert zum einen auf die veränderte Entwicklung und die sagt, „es sieht nicht überall so problematisch aus, wie gedacht“. Auch die Finanzlage der Kommunen ist besser als vor einigen Jahren. Zum anderen spielen auch auf die Erfolge der AfD eine Rolle. Diese Partei hat davon profitiert, dass sie in den demografisch angeschlagenen Regionen sagen konnte, „die da oben entscheiden über Eure Köpfe hinweg“.

Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung

Reiner Klingholz (64) ist seit 2003 Direktor und seit 2009 zusätzlich Vorstand des Berlin- Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. Vorher war der promovierte Chemiker vor allem als Journalist und Sachbuchautor tätig.

Das Buch „Sklaven des Wachstums“ (2014) befasst sich auch mit der Entwicklung der Weltbevölkerung. Langfristig sei eine geringere Weltbevölkerung zu erwarten, doch zuvor würde die Menschheit durch große Krisen gehen.

Von Diana Bade

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