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Klima-Experte: „Verzweifelt optimistisch“

MAZ-Interview mit Hans Joachim Schellnhuber Klima-Experte: „Verzweifelt optimistisch“

Das Titelblatt des Buches „Selbstverbrennung“ lässt Schlimmstes ahnen. Man sieht einen Atlas mit brennender Weltkugel. Doch der Autor Hans Joachim Schellnhuber sagt im Interview, das Buch beschwöre keine Apokalypse der Erderwärmung. Vielmehr zeige es, wie wir doch noch die Kurve in eine lebenswerte Zukunft hinbekommen.

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Hans Joachim Schellnhuber

Quelle: dpa-Zentralbild

Potsdam. Hans Joachim Schellnhuber ist Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (Pik).

MAZ: Herr Schellnhuber, sind Sie Optimist?

Hans Joachim Schellnhuber: (lacht) Ja, ich bin verzweifelt optimistisch. Was bleibt mir anderes übrig? Tatsächlich kommt es auf die Tagesform an. Manchmal denke ich, wir werden die Kurve zur Klimastabilisierung nicht mehr kriegen. Es gibt aber auch Momente, wo ich sicher bin, dass wir es schaffen können. Dann denke ich, dass die Vernunft in Verbindung mit unserer Fähigkeit zur Empathie und zur Begeisterungsfähigkeit es doch hinkriegen wird. Insofern bin ich dann tendenziell doch auf der optimistischen Seite.

Das Titelbild Ihres Buches „Selbstverbrennung“ mit der lodernden Weltkugel sieht aber nicht so optimistisch aus. Ist der Inhalt genauso apokalyptisch?

Schellnhuber: Keineswegs. Das Buch schlägt einen wirklich großen Bogen. Es erzählt nichts Geringeres als die Geschichte der menschlichen Zivilisation, die im wesentlichen von der Suche nach Energiequellen geprägt war – wozu übrigens auch die Suche nach Lebensmitteln gehört, denn sie enthalten ja die Energie, die wir brauchen, um unseren Körper zu betreiben. Diese Geschichte hat irrsinnige Erfolge aufzuweisen, wie die Erfindung der Landwirtschaft, die industrielle Revolution, die digitale Moderne. Aber sie birgt auch die Gefahr der Selbstzerstörung, eben der Selbstzerstörung auf dem Scheiterhaufen der fossilen Energieträger. Das zeichnet sich inzwischen ab. Wenn Sie aber das Buch ganz lesen, werden Sie sehen, dass ein Happy End sehr wohl möglich ist. Ich beschwöre gewissermaßen in den letzten Kapiteln den Geist, das Empfinden und die Solidarität, die dafür notwendig sind. Dieses letzte Kapitel vom gelungenen Happy End ist im Buch selbst nicht zu finden, weil die Menschheit es noch schreiben muss. Aber im Buch sind viele Wegweiser aufgestellt, damit wir den Weg der Selbstverbrennung nicht gehen müssen.

Sie verbinden die Klimaforschung mit Ihren ganz privaten Lebenserinnerungen. Warum?

Schellnhuber: Ursprünglich wollte ich ein Buch nur über den Klimawandel schreiben – gewissermaßen die Summe meiner wissenschaftlichen und politischen Einsichten. Ich habe dann aber bald festgestellt, dass die Beschäftigung mit dem Klimawandel eben auch meinen Lebensweg geprägt hat. Im Grunde ist mir die Auseinandersetzung mit der Natur schon in die Wiege gelegt. Das beschreibe ich auch im Buch. Insofern ist meine Lebensgeschichte auch eine Möglichkeit, in einem anderen Format und möglicherweise viel direkter und ansprechender eine Geschichte des Klimawandels zu erzählen. Ich führe gewissermaßen das Drama Klimawandel als einen Lebensroman auf und hoffe, die Menschen damit besser zu erreichen.

Ist dieses Drama Klimawandel wirklich die größte Geschichte aller bisheriger Zeiten, wie es in Ihrem Vorwort heißt?

Schellnhuber: Ich habe mir sehr lange überlegt, ob ich diesen Satz so hinschreiben sollte. Aber wenn man das Buch liest, dann hat es in erster Linie mit jenem geologischen Schatz zu tun, auf den wir Menschen gestoßen sind, nämlich die unendlich verdichtete Sonnenenergie in Form von Öl, Kohle und Gas. Die Nutzung dieses Schatzes, die zur industriellen Revolution führte, und die Überwindung seiner Nebenfolgen, die tatsächlich fatal sein könnten - ist das nicht tatsächlich die größte Geschichte, die bisher erzählt wurde und mit der die Gattung Mensch bisher zu tun hatte? In Zukunft mag es noch größere Geschichten geben. Aber der Klimawandel ist eine Geschichte, die in diesen Jahrhunderten alles andere beherrscht.

Was ist für Sie die wichtigste persönliche Erinnerung an sichtbare Folgen des Klimawandels.

Schellnhuber: Ich habe dies im Buch nur ganz am Rande beschrieben, aber ich beschloss vor ein paar Jahren – was ich sonst so nicht mache – zur Erholung von einer Krankheit in den Süden zu fliegen, auf die Seychellen. Es sind wunderschöne Inseln, wo man auch sehr nachhaltig  mit den Naturschätzen umgeht. Wir hatten ein Hotel auf der Insel Praslin. Dort unterhielt ich mich mit dem Hotelmanager. Der sagte, wussten Sie, dass dort, wo jetzt der Strand ist, vor zehn Jahren noch eine breite Uferstraße entlangführte? Das Hotel lag also ursprünglich gar nicht am Strand. Innerhalb von zehn Jahren hatte das Meer die Straße weggewaschen. Die Bewohner der Seychellen sind sich der Tatsache völlig bewusst, dass sich das Klima ändert, dass der Meeresspiegel steigt und die Stürme heftiger werden. Ihr Alltag ist bereits heute bestimmt durch die relativ geringen Veränderungen des Ozeans, die wir bisher erleben. Diese sind ja nur die Ouvertüre für etwas viel Gewaltigeres. Es sei denn, wir können den Klimawandel noch abbremsen.

Ist der pathetische Ton des Buches – in den Kapiteln ist von der „Haut“, dem „Fleisch“ und dem „Mark“ die Rede – dem Gewaltigen geschuldet, was da auf uns zukommt? Sie klingen da manchmal wie ein Prediger.

Schellnhuber: Nein, die Begriffe Haut, Fleisch und Mark ergeben sich aus der Metapher der Verbrennung, für jeden Verbrennungsgrad eine tiefere Schicht. Nicht das Buch ist dramatisch, die Realität ist es. Hitzerekorde nehmen zu, 2015 wird das wahrscheinlich weltweit wärmste Jahr seit Beginn der Messungen, und mit unserem Ausstoß von Treibhausgasen programmieren wir eine Zunahme der Klimarisiken ins Erdsystem ein. Das Kapitel „Flucht und Gewalt“ entstand zum Beispiel zeitlich deutlich vor der aktuellen Flüchtlingskrise. Es skizziert, was künftig auf uns zukommt. Derzeit droht das europäische System beinahe zusammenzubrechen, weil Menschen in einer erheblichen, aber durchaus noch überschaubaren Anzahl zu uns kommen. Wenn der Klimawandel nicht gebremst wird, müssen wir aber über Hunderte und Aberhunderte Millionen Menschen nachdenken, die nicht mehr in ihren angestammten Regionen leben könnten. Wie wollen wir das bewältigen? Insofern: Nein, ich bin kein Prediger; ich bin einfach jemand, der die Stimme erhebt, wenn er glaubt, dass eine Entwicklung ins Desaster treibt. Dann muss man die Dinge so beschreiben, wie sie tatsächlich sind, auch wenn es möglicherweise nervt.

Muss ihr idealer Leser akademisch vorgebildet sein?

Schellnhuber: Das Buch ist über fünf Jahre entstanden und wirklich kunstvoll durchkomponiert soweit ich das vermochte. Man kann drei Dinge finden: das Buch hat starke autobiografische Züge, es erzählt die politische Philosophie des Klimawandels mit seinen wichtigen Akteuren und es erklärt die Wissenschaft vom Klimawandel so verständlich wie nur irgend möglich. Ich denke, dass eigentlich jeder Mensch, der Spaß hat am Lesen, etwas finden wird in diesem Buch.

Was können diese Leser dann gegen den Klimawandel tun?

Schellnhuber: Eine Frau, die in der Literaturszene eine wichtige Rolle spielt, rief mich an und sagte: Ich habe beschlossen mein Leben zu ändern, ich werde jetzt Vegetarierin. Tatsächlich ergeben sich die schnellsten Veränderungen, wenn man sein Konsumverhalten ändert. Es gibt zum Beispiel inzwischen Hunderte von Autos, die deutlich weniger Kohlendioxid ausstoßen. Ein Braunkohlekraftwerk läuft Jahrzehnte, aber das Verhalten des Einzelnen lässt sich über Nacht ändern. Das Buch soll hier auch ein Angebot sein, sich damit auseinanderzusetzen und dann die eigenen Schlüsse daraus zu ziehen.

Zurück zu unserer Ausgangsfrage vom Optimismus. Am 30. November beginnt die Weltklimakonferenz in Paris. Wird sich dieses Mal etwas ändern?

Schellnhuber: Es hat sich schon etwas geändert. Diesmal ist die Stimmung anders als etwa vor Kopenhagen 2009. Man ist einerseits viel vorsichtiger, aber man ist auch sehr viel entschlossener mit konkreten Beschlüssen nach Hause zu kommen. Die freiwilligen Beiträge, die von den verschiedenen Ländern gemeldet wurden, zeigen etwa in den Analysen des PIK zum ersten Mal, dass wir langsam die Zwei vor dem Komma sehen.  Wenn nämlich alle jetzigen Zusagen implementiert werden, wird die Erderwärmung weniger als drei Grad Celsius ausmachen. Das reicht natürlich noch nicht, es müsste unter zwei Grad gehen. Die Konferenz muss vor allem dafür sorgen, dass die Versprechungen umgesetzt werden und dass man laufend nachbessert. Aber eigentlich glaube ich, dass in diesem Jahr die Weichen gestellt werden, dass wir vom Weg in die Selbstverbrennung abbiegen. So gesehen bin ich milde optimistisch, was die Konferenz und die Zukunft angeht.

Buch: Hans Joachim Schellnhuber: Selbstverbrennung. Die fatale Dreiecksbeziehung zwischen Klima, Mensch und Kohlenstoff, Verlag C. Bertelsmann 2015, 784 Seiten, 29,99 Euro

Von Rüdiger Braun

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