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Klimawandel auf der Langen Nacht der Wissenschaften

Wissenschaft in Potsdam Klimawandel auf der Langen Nacht der Wissenschaften

Im Modell am Sonnabend auf dem Telegrafenberg mag das putzig aussehen: Sobald die Eis-Sand-Masse in dem Kasten zu schmelzen beginnt, kippen Figuren und kleine Häuschen um. In Sibirien oder in Alaska finden die Bewohner das Tauen der Permafrostböden weniger lustig. Das alles und noch ganz andere drastische Folgen des Klimawandels können die Besucher erleben.

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Forscher des Alfred-Wegener-Instituts betrachten tauende Permafrostböden in Sibirien.

Quelle: Alfred-Wegener-Institut/Jan Pauls

Potsdam. Wie riesige erstarrte Wellen sehen die Permafrosthügel aus, die der Potsdamer Geowissenschaftler Guido Grosse an der Küste der Laptew-See in Nordsibirien fotografiert hat. „Es ist sehr beeindruckend“, sagt Grosse über die Mischung aus Eis und gefrorenem Sedimentgestein. Der Permafrostboden bedeckt etwa ein Viertel der Landmasse der nördlichen Erdhalbkugel. Seit mehreren Millionen Jahren sind diese Böden bis in einen Kilometer Tiefe gefroren. Mit der Erderwärmung tauen sie langsam auf. Grosse selbst konnte als mehrjähriger Bewohner Alaskas diese Prozesse praktisch mit eigenem Auge verfolgen.

Alaskas Küste versinkt im Meer

„An der Küste verschwinden pro Jahr an die 30 Meter Permafrostboden“, sagt Grosse. „Manchmal brechen ganze riesige Blöcke weg, die dann im Meer auftauen.“ Dies sei nicht nur ein ästhetischer Verlust. Die Permafrostböden enthalten viel gefrorenes Material mit Kohlenstoff. Wird das erst frei, zersetzt es sich und entlässt Kohlendioxid und Methan in die Atmosphäre. Dadurch verstärkt sich der Treibhauseffekt noch einmal.

Tour durch die Wissenschaftslandschaft

70 Einrichtungen sind zur „Langen Nacht der Wissenschaften“ am Sonnabend, 24. Juni, von 17 bis 24 Uhr in Berlin und auf dem Potsdamer Telegrafenberg geöffnet. Es gibt Experimente und Vorträge. Erwachsene zahlen 14 Euro, Familien-Tickets kosten 27 Euro.

Die Ausstellung „Fokus: Erde – Von der Vermessung unserer Welt“

Ein Shuttlebus verkehrt zwischen Telegrafenberg und der westlichsten Berliner Wissenschaftseinrichtung, dem Helmholtz-Zentrum Berlin für Materialien und Energie. Online kann man sich seine Tour zusammenstellen. www.langenachtderwissenschaften.de

 

Das Alfred-Wegener-Institut für Meeres und Polarforschung (AWI) in Bremerhaven und Potsdam erforscht unter anderem das Schicksal der Permafrostregionen im Zeitalter des Klimawandels. Bei der Langen Nacht der Wissenschaften am 24. Juni in Berlin und Potsdam werden die Besucher des Telegrafenwerks recht eindrücklich mit Ergebnissen dieser Forschung konfrontiert. Sie sehen nicht nur anhand eines aufgebauten Forschercamps, welche Strapazen die Wissenschaftler für ihre Studien vor Ort in Kauf nehmen, ein Sandkastenmodell der Permafrostregionen führt auch vor Augen, was das Abschmelzen des Bodeneises für die Infrastruktur bedeutet.

Löcher tun sich auf, Häuser hängen durch

„Wir bauen ein Modell von etwa einem mal einem Meter auf“, sagt Grosser. Auf die Sand-Eis-Mischung werden Figuren, kleine Häuschen und sogar eine Mini-Eisenbahnstrecke aufgebaut. Die Besucher der Langen Nacht können im Laufe des Abends verfolgen, was passiert, wenn das feste Material auftaut. In den wirklichen Permafrostregionen sind die Folgen für die Infrastruktur nicht so putzig, wie umkippende Figuren. Dort verbiegen sich Eisenbahngleise, riesige Löcher tun sich plötzlich in den Straßen auf, Häuser hängen in der Mitte durch als wären sie aus Gummi. Grosse weiß, dass in Alaska wegen solcher Schäden derzeit bis zu 15 Dörfer umgesiedelt werden müssen. Geschätzte Kosten pro Dorf: 100 Millionen Dollar. Was der Klimawandel sonst noch mit den Permafrostböden anstellt, wird Grosses AWI-Kollege Frank Günther in einem Vortrag darlegen. Günther spricht um 2015 Uhr im Haus A43 und dann noch einmal um 23.15 Uhr.

Mit dem Klimawandel und seinen Folgen beschäftigen sich natürlich auf dem Telegrafenberg vor allem die Wissenschaftler des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (Pik). Dass das Publikum anhand der vom Pik entwickelten Klima-Zeitmaschine einschlägige Erkenntnisse über die Klimageschichte des Planeten macht, hofft der Physiker Georg Feulner. Der Pik-Forscher beschäftigt sich schon sehr lange mit der Klimagesichte und versucht zusammen mit seinen Kollegen die Modelle über das Zusammenspiel der verschiedensten Faktoren immerweiter zu verbessern. Einen Einblick in solche Modell liefert das interaktive Computer-Programm „Klima-Zeitmaschine“, das die Besucher zur Langen Nacht selbst bedienen können.

Mit der Klima-Zeitmaschine zu den Dinos

„Man kann da besonders spannende Epochen anklicken“, sagt Feulner. Zum Beispiel die Kreidezeit vor über 66 Millionen Jahren. Auf dem Videoschirm sieht man dann einen Weltatlas, bei dem Europa noch etwas anders aussieht und der südamerikanische Kontinent noch etwas näher an Afrika gerückt war. Vor allem sieht man aber beim jahreszeitlichen Schnelldurchlauf der Temperaturen, dass es die Dinosaurier bei einer globalen Durchschnittstemperatur von 19 Grad Celsius überall auf dem Planeten mit einem ziemlich heißen Klima zu tun hatten. Entsprechende Regionen sind rot eingefärbt. Das ändert sich schlagartig mit dem Einschlag des großen Asteroiden, der verdunkelnden Staub aufwirbelte und zu einem drastischen Kälteeinbruch führte – in der „Klima-Zeitmaschine“ durch einen plötzlichen Umschlag der roten Farbtöne in kühles Blau deutlich gemacht.

„Die Idee ist, dass wir die aktuelle Erwärmung in Beziehung zur Vergangenheit setzen“, sagt Feulners Pik-Kollege Thomas Nocke. Er ist am Pik für die Visualisierung von Klimadaten verantwortlich. Natürlich kennt Nocke die Argumente der Klimaskeptiker, die sagen, Klimawandel habe es schon immer gegeben. Das werde mit der „Klimazeit-Maschine“ ja auch bestätigt. Allerdings zeige die auch, dass Klimaveränderungen oft zu Massenaussterben führten – so erlebt von den Dinosauriern, die sich im Gegensatz zu uns allerdings mit einem plötzlichen Kälteeinbruch konfrontiert sahen.

Eine unkontrollierbare Wärmewelle

Doch keineswegs sei die Wärme, die wir durch nun durch die Treibhausgase künstlich erhöhten, viel besser. Selbst wenn sich vielleicht Winzer über Weinanbau im Norden freuten, „man muss auch an das Einwandern neuer Schädlinge denken“. Weit gravierendere und bekanntere Folgen seien aber der Anstieg des Meeresspiegels und die Häufung von Wetterextremen wie Stürme, Starkregen und Dürren. Diese werden befeuert, weil mehr Energie im System ist. Die menschliche Zivilisation habe sich vor allem im der relativ ausgeglichenen Epoche des Holozäns entwickelt. Niemand wisse, wie die heutigen Menschenmassen und die verletzbare Landwirtschaft mit einem so drastischen und so schnellen Wandel des Klimas wie derzeit umgehen könnten. Welche Folgen der aktuelle Klimawandel für uns haben könnte, erläutert nicht nur AWI-Wissenschaftler Boris Biskaborn in einem Vortrag, auf das konkrete Thema der Hochwasserrisiken geht auch Heidi Kreibich vom Geoforschungszentrum in einem Vortrag ein.

Dass es bei klug eingesetzter Technologie auch anders gehen könnte, deutet GFZ-Doktorandin Jessica Freymark an. Sie lässt Besucher mit der 3-D-Brille den oberrheinischen Tiefgraben dreidimensional erkunden. Mit dieser Methode versuchen sie und ihre Kollegen zum Beispiel die besten Bohrstellen für künftige Geothermieanlagen herauszufinden. Diese Technologie, die die Energie natürlicher geothermischer Quellen anzapft, ist klimaneutral und könnte helfen, das von der Welt gefasste Zwei-Grad-Ziel bei der Erderwärmung zu halten, ohne dass wir auf Energie und Technologie verzichten müssen.

 

Von Rüdiger Braun

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