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Kritik an Neonazi mit dem Leben bezahlt

Neue Zahlen zu Brandenburgs Todesopfer durch rechte Gewalt Kritik an Neonazi mit dem Leben bezahlt

Vor 15 Jahren musste Falko Lüdtke sterben, weil er einen Neonazi für ein Hakenkreuz-Tattoo kritisierte. Lange ignorierten Brandenburgs Behörden das politische Motiv der Tat – kein Einzelfall. Jetzt haben Wissenschaftler die Akten strittiger Todesfälle neu aufgearbeitet. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass die Opferzahlen rechter Gewalt nach oben korrigiert werden müssen.

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Rechte Gewaltstraftaten häuften sich in Brandenburg besonders in den 90er Jahren.

Quelle: Pete Geisler

Potsdam. Aus seiner politischen Gesinnung machte Mike B. keinen Hehl. Wer mit offenen Augen durch die Straßen von Eberswalde (Barnim) ging, erkannte ihn als strammen Neonazi. Sein Hinterkopf zierte ein Hakenkreuz-Tattoo – es war der Grund, warum Falko Lüdtke sterben musste.

Die beiden trafen an einer Bushaltestelle im Brandenburgischen Viertel aufeinander, es war der 31. Mai 2000. Hier Falko Lüdtke, 22 Jahre, ein Punker mit roten Rastalocken, und da der fünf Jahre ältere Mike B., der sich zuvor mit zwei Begleitern in der Gaststätte „Alibaba“ Mut angetrunken hatte. Auch Falko Lüdtke war alkoholisiert, als er sein Gegenüber auf die Tätowierung ansprach. Der Punker fragte, ob in Mike B.s ­Jugend etwas falsch gelaufen sei.

Später wird die Polizei im Protokoll notieren, Falko Lüdtke hätte B. und seinen Begleitern ein Gespräch „aufgedrängelt“. Und zwischen den Zeilen war herauszulesen: Selbst Schuld, wer sich mit so einem anlegt. Denn weil sein Kritiker nicht von ihm abließ, schlug der Neonazi zu und stieß sein Opfer auf die Straße. Falko Lüdtke kam unter die Räder eines Taxis und starb noch am selben Abend.

Sein Schicksal ist einer von 24 umstrittenen Fällen, die das Land Brandenburg in Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen Organisationen und Medien in den vergangenen beiden Jahren neu aufgearbeitet hat. Im Auftrag des Innenministeriums hat das Potsdamer Moses-Mendelssohn-Zentrum zeitgenössische Medienberichte und Polizei- und Gerichtsakten studiert, um die Fälle neu zu bewerten. Wie aus dem am Montag vorgestellten Abschlussbericht der Politologen Christoph Kopke und Gebhard Schultz hervorgeht, waren neun der 24 Fälle zweifelsfrei auf rechtsextreme beziehungsweise rassistische Gewalttaten zurückzuführen. Aggressiven Neonazis fielen damit nicht neun, sondern 18 Menschen zum Opfer.

Nicht immer konnten die Forscher den Tatmotiven gänzlich auf den Grund gehen. Hinweise auf rechtsextreme Einflüsse gab es aber auch bei weiteren elf Fällen. „In fast allen Fällen sind Täter, Mittäter oder Tatbeteiligte unmittelbar dem rechen Milieu oder einer rechten Clique zuzuordnen“, sagte Kopke. Weder ein rechtsextremes Motiv noch die Beteiligung eines Neonazis gab es lediglich in vier Fällen.

Wenn es im Fall Falko Lüdtke Grund zum Zweifeln gab, dann allein an der behördlichen Beurteilung. Vor Gericht kam Mike B. mit einer milden Strafe davon. In zweiter Instanz sprach die 2. Große Strafkammer des Landgerichts Cottbus im Oktober 2002 eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und acht Monaten aus – schuldig wegen fahrlässiger Tötung in Tateinheit mit fahrlässigem Eingriff in den Straßenverkehr und unerlaubtem Entfernen vom Unfallort. Die Argumentation der Urteilsbegründung bezeichnen Kopke und Schultz als „widersprüchlich“. Zwar fanden die Richter anerkennende Worte für Falko Lüdtkes Zivilcourage, um aber auch Mike B. für dessen anfängliche Besonnenheit zu loben. Der Angeklagte habe selbst dann „keine Sofortmaßnahmen“ ergriffen, als er und seine Begleitung Beleidigungen wie „Süßer“ und „Teddybärgesicht“ über sich ergehen lassen mussten. Immerhin habe Maik B. seinem späteren Opfer sogar eine Zigarette angeboten und auf ein Bier in seiner angeblichen Wohnung eingeladen.

Doch als der Punker sich nicht auf einen Hinterhof locken ließ, weil er wohl ahnte, dort verprügelt zu werden, ging Maik B. in Angriffstellung. Es setzte Schläge und Stöße. Bevor er auf die Straße stürzte, hatte sich Falko Lüdtke noch vergeblich versucht zu wehren. Die Kritik an dem eintätowierten Hakenkreuz musste er mit dem Leben bezahlen.

Von Bastian Pauly

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