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Kuchen-Fans kämpfen im Internet um Lieblingsbäcker

Drohende Schließung von Traditionsbäcker Kuchen-Fans kämpfen im Internet um Lieblingsbäcker

In Caputh droht einem 80 Jahre alten Traditionsbäcker mit bestem Ruf das Aus – dabei geht es dem Betrieb wirtschaftlich gut. Es findet sich einfach kein Nachfolger. Ein Problem, das in Brandenburg immer wieder auftritt. Um den Caputher Bäcker zu retten, haben sich Käsekuchen-Fans jetzt über Twitter und Facebook aufgemacht, ihren Lieferanten zu retten.

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Brunhild Karus und ihre Tochter suchen vergeblich einen Nachfolger für die beliebte Bäckerei.

Quelle: Julian Stähle

Caputh. „Brot für Caputh“ heißt die Hilfsaktion, die seit einigen Wochen im Internet läuft. Natürlich geht es nicht um hungernde Menschen im Potsdamer Speckgürtel, aber den Verlust einer wichtigen Bezugsquelle für gute Nahrung, den fürchten viele Genießer in der Region: Traditionsbäcker Karus hat per Facebok-Aushang mitgeteilt, er werde an Heiligabend für immer seinen Firmensitz in Caputh und die Potsdamer Filiale schließen. Der Betrieb ist eine Institution: 1934 pachtet Willi Karus die Bäckerei. Sein Enkel Knut Karus wurde 2011 Käsekuchenmeister Berlin/Brandenburg – gegen eine Auswahl der 600 backenden Betriebe in der Hauptstadtregion. Im September 2015 starb der Bäckermeister, sein Sohn kann den Chef- und Backstubenposten aus gesundheitlichen Gründen nicht übernehmen.

Verzweifelte Suche nach einem Nachfolger

Seither sucht man in Caputh verzweifelt einen neuen Betriebsleiter – vergebens. Die Bevölkerung nimmt regen Anteil. „Das darf doch nicht wahr sein. Es muss sich doch irgendwo in Deutschland ein Bäckermeister finden, der sich diese Gelegenheit nicht entgehen lässt: Vor den Toren Potsdams, 30 Minuten vom Ku‘Damm, drei Seen vor der Tür, jede Menge Touristen und 5000 Caputher, die weiterhin tolles Brot essen wollen. Und kein Backshop-Dingens“, postet ein Karus-Fan auf Facebook. Auf Twitter hat die Nachfolgersuche (#brotfürcaputh) mittlerweile 348 Retweets und 127 Herzchen.

Personal-, aber auch geschmacksintensiv: Brot vom Bäcker

Mit 40 bis 50 Prozent Personalkostenquote sind kleine Bäckereien im Vergleich zu Supermarkt-Theken weniger rentabel. Dafür aber können sie mehr Geld pro Brötchen nehmen.

Traditionell handwerklich produzierte Backwaren haben deutschlandweit heute nach Angaben der Bäckerinnung noch einen Marktanteil von 40 Prozent. Die Konkurrenz sind vor allem die Supermärkte mit ihrem Brot in Tüten, die Discounter mit ihren Backwaren-Terminals, Brötchen-Billiganbieter-Ketten und Backshops.

Bäckerei Karus ist seit 1934 in Caputh (Potsdam-Mittelmark) ansässig. Der Betrieb hat eine Filiale im Potsdamer Havel-Nuthe-Center und beschäftigt zwölf Menschen, darunter vier Bäcker, zwei Konditoren, sechs Verkäufer und einen Kraftfahrer.

Wer einen möglichen Nachfolger für den Traditionsbetrieb kennt oder selbst Interesse hat, erreicht die Betriebsleitung unter 033209/70372

Die Situation ist paradox: Das alte Bäckereihandwerk findet in Brandenburg, Berlin und deutschlandweit keinen Nachwuchs mehr – dabei steigen die Umsätze seit Jahren. „Die Chancen für kleine Bäcker sind eigentlich so gut wie nie“, sagt Johannes Kamm, Geschäftsführer des Landesverbands des Bäcker- und Konditorenhandwerks Berlin und Brandenburg. „Die Menschen besinnen sich zurück auf alte Werte – sie wollen wissen, woher ihre Lebensmittel kommen.“ Danach suchten die Kunden an der Brötchenboxbatterie aus Plexiglas beim Discounter vergebens. Allein: Junge Menschen wollen den altehrwürdigen Beruf kaum noch ergreifen. Um fast 70 Prozent ist laut Landesverband die Zahl der Auszubildenden im Bäckerhandwerk binnen zehn Jahren gesunken. In Berlin allein sank seit 2007 die Zahl der backenden Betriebe von 200 auf 150, in Brandenburg im selben Zeitraum von 530 auf 450.

Bürokratie lähmt die Kreativität der Meister

Die Bäckerei ist beliebt

Die Bäckerei ist beliebt. Im Internet hat sich eine Unterstützergruppe gebildet.

Quelle: Stähle

Schlagseite habe die Wettbewerbspolitik in Deutschland, sagt Bäcker-Funktionär Kamm. So würden die industriellen Großhersteller von tiefgefrorenen Teigrohlingen, wie sie später bei Lidl, Aldi und anderen aufgebacken im Regal liegen, in Sachen Erneuerbare-Energien-Gesetz verschont. Die Bäcker mit ihren stromgeheizten Öfen hingegen, würden zur Kasse gebeten. Bürokratie mache den Job zudem unattraktiv. Manche Meister kämen vor lauter Papierkrieg kaum noch in die Backstube. Und: „Der Begriff Bäckerei wird von der Handwerksordnung kaum geschützt“, so Kamm. Mit anderen Worten: Was nach Handwerk aussieht, ist oft nur Auftau-Tristesse.

Zwölf Mitarbeiter haben die Kündigung erhalten

Schmerzhaft für die Caputher Belegschaft: Allen zwölf Mitarbeitern hat Cornelia Ehrt – Tochter der verstorbenen Meisters – gekündigt. Wirtschaftlich wäre das völlig unnötig: „Die Zahlen sagen: super. Der Wirtschaftsprüfer hat das bestätigt“, berichtet Ehrt, die eigentlich einen Friseursalon leitet und das väterliche Geschäft seit dem Tod des Vaters notgedrungen leitet. Doch eine solche Doppelfunktion sei auf Dauer „zu nervenaufreibend“, sagt sie. Einen soliden Stammkunden-Bestand hat die Bäckerei, beliefert das Potsdamer Klinikum, das Steigenberger- und Altstadthotel in der Landeshauptstadt, Altersheime und Kitas. Die Geräte in der Backstube sind auf aktuellem Stand und die Kundschaft ist treu. Dennoch: nur Absagen, falls sich überhaupt jemand für den Traditionsbetrieb interessiert. Den Großkunden hat die Betriebsleitung mitteilen müssen, dass sie sich bald einen anderen Lieferanten suchen müssen.

„Mein Vater ging um 20 Uhr in die Backstube – bis morgens“

„Es ist die Nachtarbeit, die vielen schwerfällt“, sagt Ines Weitermann von der Handwerkskammer Potsdam. Die passe vielen jungen Leuten nicht mehr ins Konzept. Waren 2010 noch 33 Lehrlinge im Kammerbezirk Potsdam angestellt erreichte die Popularität des mehligen Handwerks 2015 mit elf ihren Tiefpunkt. Aktuell sind 15 Lehrlinge gemeldet. Cornelia Ehrt kann die besondere Härte der ungewöhnlichen Arbeitszeiten nur bestätigen: „Mein Vater ist nachmittags um fünf Uhr aufgestanden, ist nach dem Abendessen gegen acht Uhr in die Backstube gegangen und dort bis morgens um zehn Uhr geblieben. Dann hat er tagsüber geschlafen.“ So ging das Montag bis Sonntag. Weil auch Verkaufspersonal vor Sonnenaufgang aufstehen muss, mangelt es an fähigen Tresenkräften, die Kunden über Inhaltsstoffe und Allergene aufklären können. Binnen zehn Jahren schnurrte die Zahl der Fachverkäufer-Azubis im Kammerbezirk Potsdam von 147 auf 45 zusammen.

Ein kleiner Junge, so berichtet Bäckerei-Geschäftsführerin Cornelia Ehrt, habe angesichts der drohenden Schließung darum gebeten, man möge ihm vorher das Rezept für die Weihnachtskekse geben. Dann könne er sie wenigstens zu Hause nachbacken.

Von Ulrich Wangemann

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