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Kurt Tucholsky: Satire darf alles

Journalist und Autor Kurt Tucholsky vor 125 Jahren geboren Kurt Tucholsky: Satire darf alles

Kurt Tucholsky, der in Rheinsberg seine glücklichste Zeit verlebte, war Pazifist und Verfechter der Meinungsfreiheit. 125 Jahre ist es her, dass der Berliner Journalist und Schriftsteller in Berlin geboren wurde. Tucholskys Aussage "Was darf Satire? Alles!" ist nach dem Terroranschlag in Paris aktueller denn je.

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Kurt Tucholsky.

Quelle: dpa

Berlin. Das Timing ist tragisch. Am heutigen Tag jährt sich Kurt Tucholskys (1890–1935) Geburtstag zum 125. Mal. Nur zwei Tage sind vergangen, seit vermummte, schwer bewaffnete Täter die Redaktion des renommierten Satire-Magazins „Charlie Hebdo“ stürmten, zwölf Menschen hinrichteten – und nicht nur die französische Nation in Entsetzen versetzten. Es wird mit Kalaschnikows gegen Karikaturen geschossen und „Allah ist mit uns“ gerufen, weil klar als Satire erkennbare Comics angeblich etwas Heiliges verletzen.

Verfechter der Meinungsfreiheit

„Gute Leute! Nicht schießen“ und „Die Würde muss es sich gefallen lassen, dass sie manchmal am Bart gezupft wird“, sind Aussagen von Tucholsky. Und natürlich: „Was darf Satire? Alles!“ Der Satz ist jetzt in aller Munde. Auch der Internet-Kurznachrichten-Dienst Twitter läuft damit heiß: „Heute wahr wie vor Jahrzehnten“, heißt es in einem Eintrag zu der Tucholsky-Aussage. „Aktueller denn je“, findet ein anderer Kommentator.

Wenn die Meinungsfreiheit in Gefahr ist, wird geradezu reflexhaft Tucholsky zitiert. Auch von Politikern. Der Berliner Journalist Friedhelm Greis, der im Internet den Tucholsky-Blog sudelblog.de unterhält, warnt allerdings vor mangelnder Differenzierung. Tucholskys Satire-Verständnis sei keineswegs auf das „sie darf alles“ reduzierbar. „Vor allem in religiösen Fragen unterschied er klar zwischen den geistigen Inhalten und den daraus entspringenden gesellschaftlichen Ansprüchen der Religionen“, sagt Greis.

Juden, Buddha und die Nazis

Juden nahm Tucholsky, Sohn eines leitenden jüdischen Bankangestellten, scharf in die Kritik. Bis in die jüngste Zeit hat das die Rezeption seiner Schriften in Israel gelähmt. Kurt Tucholsky kritisierte die deutschnationale Gesinnung mancher Juden, er karikierte aber nicht den jüdischen Gott. „Tucholsky hat sich immer genau überlegt, was er erreichen will“, sagt Greis. „Buddha entzog sich seiner Ansicht nach gänzlich der Satire. Hier bestand für Tucholsky eine Grenze der Satire nach oben. Daneben gab es für den scharfzüngigen Schriftsteller auch eine Grenze nach unten. Zu den Nazis sagte er: ,So tief kann man nicht schießen’“.

Auch wenn „Was darf Satire? Alles“ zugespitzt ist, eignet sich Tucholsky wie kaum ein Zweiter als Anwalt für eine freie Welt. Als einer der scharfkantigsten Autoren der Weimarer Zeit nahm er sich die Freiheit der Rede. Tucholsky hat für seine Überzeugungen persönliche Nachteile in Kauf genommen.

Tod im Exil

Tucholsky starb im Exil. Auf der Flucht vor den Nationalsozialisten versteckte sich der Autor, dem die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen worden war und dessen Bücher auf NS-Scheiterhaufen brannten, in Schweden. Er wickelte seine Post über Zwischenadressen ab. Gleichwohl kannten die Nationalsozialisten seinen Aufenthaltsort, wie man heute weiß. Als kranker und desillusionierter Mann starb der Autor mit nur 45 Jahren an einer Überdosis Veronal mit Alkohol. Ob aus Absicht oder Versehen, ist ungeklärt.

Glücklich in Rheinsberg

Als 1912 die Reise-Idylle „Rheinsberg. Ein Bilderbuch für Verliebte“ erscheint, ist die Welt für ihn noch in Ordnung gewesen. Tucholsky war Anfang 20 und verliebt. Er schilderte in dem Buch eine Landpartie samt Schlossbesichtigung und Bootsfahrt. Zwei Liebende necken einander, sie nennt ihn „Affgen“. Drei Tage entrinnen die beiden der Großstadt. In dem leichtfüßigen Büchlein erkennt sich die bürgerliche Großstadtjugend in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg wieder, die unbekümmert und frei von Zwängen leben will.

"Soldaten sind Mörder"

Den Krieg erlebte der junge Literat als Soldat. Die idyllische Stimmung verfliegt, der Humor bleibt. Tucholsky wird zum Gesellschaftssatiriker. Je nach Stimmung und Inhalt schlüpft er in Pseudonyme wie Peter Panter, Theobald Tiger, Ignaz Wrobel oder Kaspar Hauser. Seine Bühne ist „Die Weltbühne“, eine kritische Zeitschrift für Politik, Kunst und Wirtschaft. Dort erscheint Tucholskys Satz: „Soldaten sind Mörder“.

In der Weimarer Republik bewegte sich der Autor in einem Umfeld von Whistleblowern. So entlarvte „Die Weltbühne“ die heimliche Aufrüstung der Reichswehr. Die Kurt-Tucholsky-Gesellschaft sieht ihren Namensgeber in einer geistigen Nähe zu Edward Snowden oder dem Journalisten Glenn Greenwald. Der Vorsitzende der Gesellschaft, Ian King, erinnert an die Tucholsky-Aussage: „Im Übrigen gilt ja hier derjenige, der auf den Schmutz hinweist, für viel gefährlicher als der, der den Schmutz macht.“

Viele Feinde von allen Seiten

Tucholsky machte sich Feinde in unterschiedlichen politischen Lagern und bei beiden christlichen Konfessionen. Von der Nazipresse wurde er als „galizischer Jude und Bolschewist“ beschimpft. Die katholische Rheinische Volkszeitung zeterte: „Tucholsky ist Unkraut“. Auch ein Teil der Juden hasste den Freidenker. Der jüdische Religionsphilosoph Gershom Scholem nannte Tucholsky einen der „begabtesten und widerwärtigsten jüdischen Antisemiten“. Er beließ es aber freilich bei der Wortattacke.

Von Johanna Di Blasi

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