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Denkmale: Experten fürchten Kulturverlust

Reform der Brandenburgischen Verwaltung Denkmale: Experten fürchten Kulturverlust

Kein geringerer als der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger, rät der Landesregierung in Potsdam: Fasst die Denkmalpflege nicht an! Sie funktioniert gut! So äußern sich die meisten Experten, denn sie fürchten Laien-Herrschaft, sollten die Landkreise die Schutz-Liste führen.

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Schiffshebewerk Niederfinow – ein Denkmal der Technik.

Quelle: dpa

Potsdam. Das alte Schiffshebewerk Niederfinow (Barnim) abreißen – auf diese Idee käme wohl kein vernünftiger Mensch. Ein Ingenieurtraum aus Stahlstreben, ein Touristenmagnet. Wie aber sieht es mit jenem unscheinbaren Klinkerbau ganz in der Nähe aus, einem Kasten mit Fensterschlitzen, wie er scheinbar hundertfach in brandenburgischen Industriegebieten zu finden ist? Das Dieselkraftwerk von 1926/27, Notstromaggregat für den gigantischen Schiffsaufzug, musste weg, als die Bagger anrollten für das neue, viel größere Hebewerk. Ein Stück Industriegeschichte wäre unwiederbringlich verloren gegangen – hätten Denkmalschützer und andere Technikfreunde nicht Alarm geschlagen. Sie erreichten schließlich, dass die imposanten Generatoren und Schaltkästen gegenüber im neuen Besucherzentrum in Originalanordnung eingebaut wurden.

Den Wert einer solchen Anlage erkennen, den „alten Plunder“ mit dem Auge des Fachmanns taxieren – dafür gibt es beim Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege einen Experten. Ob Elstermühle in Plessow (Elbe-Elster) oder Großfunkstation Nauen, der Technik-Sachverständige ist im ganzen Land unterwegs. Nun will das Land im Zuge der Verwaltungsreform, eines Großprojekts der Regierung Woidke, die Aufgaben, die bisher das Land wahrnimmt, an die Kommunen abgeben. Doch Experten für Denkmalpflege sprechen sich einhellig gegen die von der Regierung geplante Dezentralisierung aus – sie äußerten sich kürzlich in einer Anhörung des Landtags.

Franz Schopper, Chef des Brandenburgischen Landesamts für Denkmalpflege, vertritt die Auffassung, Denkmalbehörden, die beim Kreis angebunden seien, könnten nicht genügend Experten bereithalten. So habe jeder Teilbereich derzeit eigene Fachleute – für Technikdenkmale à la Schiffshebewerk ebenso wie für Gartenbaudenkmale oder Wandmalerei. Solch eine Expertise könnte in Kreisämtern nicht geleistet werden. 1992 bis 2004 hatten die Landkreise die Denkmalliste geführt. Dann übertrug das Land die Aufgaben der Zentralbehörde. Jetzt soll es nach dem Willen der Landesregierung retour gehen – im Interesse schlankerer Strukturen, das heißt: Kostenersparnis.

Der Vorsitzende der Vereinigung der Landesdenkmalpfleger, Markus Harzenetter, im Hauptberuf Chef der hessischen Zentralbehörde, bezeichnet den Denkmalschutz in Brandenburg als vorbildlich in Deutschland. Der Ruf des Amtes sei „hervorragend, die Arbeit höchst effizient“. Die obere Aufsicht über sensible historische Bausubstanz auf die Kreise und kreisfreien Städte zu übertragen, fördere „Willkür im Vollzug“. Gerade eine starke zentrale Behörde sei eine wichtige Kontrollinstanz für Fälle, in denen etwa ein Bürgermeister in einer Stadt Schindluder mit Baudenkmalen treiben wolle. Das Führen der Denkmalliste werde komplizierter, wenn die Kommunen sich untereinander ständig abstimmen müssten. Und: Eine zentrale Bibliothek sei nötig – schwer zu machen, wenn die Aufgaben übers Land verteilt werden.

Die föderale Struktur mache in Deutschland jetzt schon die Abstimmung zwischen 17 Behörden notwendig, sagt Leo Schmidt, Professor für Denkmalpflege an der Cottbusser Uni. Eine weitere Zersplitterung sei schädlich. Für die Stiftung Denkmalschutz sagt Heidi Gerber, Leiterin der Außenstelle Potsdam: „Man soll nichts reparieren, was nicht kaputt ist.“

Skeptisch ist auch der Deutsche Verband für Archäologie. Hermann Parzinger – als Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz ein kulturpolitisches Schwergewicht – befürchtet, dass „bei der Führung der Denkmalliste auf die Ebene der neuen Landkreise die Gefahr von Fehlentscheidungen sehr groß ist, zumal die denkmalrechtliche Erlaubnis in vielen Fällen von den Landräten ohne Beteiligung des Fachamtes getroffen werden soll“. Die Unteren Denkmalbehörden, die die Landräte dann beraten sollen, seien „in der Regel nicht ausreichend fachlich qualifiziert besetzt und werden dies auch aus Kostengründen zukünftig nicht sein“, so Parzinger. Er fordert, dass die bisherige Regelung „unverändert beibehalten“ werden möge.

Welchen Fachmann die Landesregierung auch anhört: Als Anhänger der Reform hat sich noch kein einziger geoutet.

Von Ulrich Wangemann

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