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Schweinepest „kann jeden Tag passieren“

Interview mit Landestierarzt Brandenburg Schweinepest „kann jeden Tag passieren“

Bis nach Polen und Tschechien ist die Afrikanische Schweinepest schon vorgedrungen. Die deutschen Behörden rüsten sich für den Ernstfall. Der Brandenburger Landestierarzt Stephan Nickisch erklärt, welche Folgen ein Ausbruch der Seuche hätte. Für Schweinehalter wäre es eine Katastrophe.

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Schweine stehen in Tappendorf (Kreis Rendsburg-Eckernförde). ++

Quelle: dpa

Potsdam. Bis nach Polen und Tschechien ist die Afrikanische Schweinepest schon vorgedrungen. Die Deutschen Behörden rüsten sich für den Ernstfall. Der Brandenburger Landestierarzt Stephan Nickisch erklärt, welche Folgen ein Ausbruch der Seuche hätte.

Wann rechnen Sie mit dem Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest in Brandenburg?

Stephan Nickisch: Das kann man nicht sagen. Es kann jeden Tag passieren. Schon morgen. Es hängt von vielen Faktoren, auch vom Menschen und seinem Verhalten ab.

Inwiefern?

Die Schweinepest kann über weite Strecken durch Menschen verbreitet werden. 2014 ist sie im Baltikum ausgebrochen und hat sich dort rasant ausgebreitet. In Polen blieb sie noch recht eng an der Grenze zu Weißrussland. Was uns Sorgen bereitet, ist der plötzliche Sprung an die tschechische Grenze, der nach allem was wir wissen, vom Menschen verursacht wurde.

Stephan Nickisch ist als Landestierarzt zuständig für die Verhütung und Bekämpfung vno Tierseuchen

Stephan Nickisch ist als Landestierarzt zuständig für die Verhütung und Bekämpfung vno Tierseuchen.

Quelle: Gellner

Wie ist sie dort hingekommen?

Vermutlich haben Mitarbeiter eines Krankenhauses kontaminierte Wurst aus betroffenen Regionen mitgebracht und im Park bei der Mittagspause Essensreste weggeworfen. Ein Wildschwein hat die gefressen und ist an der Krankheit verendet. Glück im Unglück war, dass die Infektion sich nicht ausgebreitet hat und das Tier schnell gefunden wurde. Stellen Sie sich vor, jemand wirft ein kontaminiertes Mettbrötchen im Wald weg. Wenn der Kadaver nicht schnell gefunden wird, kann sich die Krankheit unerkannt ausbreiten.

Und das ist die größte Gefahr?

Es ist ein Hauptrisiko. Auch viele Arbeiter in der Landwirtschaft stammen aus Osteuropa. Sie bringen gerne heimische Lebensmittel mit. Das kann man ihnen auch nicht vorwerfen. Die Gefahr, dass unsachgemäß entsorgte Essensreste von Tieren aufgenommen werden, zum Beispiel an einer Raststätte, ist groß. Das heißt aber nicht, dass Brandenburg oder Mecklenburg-Vorpommern als erste Länder betroffen sein müssen. Ein Lkw-Fahrer kann sein Brötchen auch in Nordrhein-Westfalen oder einem anderen Bundesland wegwerfen.

Weshalb bleibt das Virus so lange infektiös?

Der Erreger hat eine hohe Widerstandsfähigkeit, er übersteht auch den Verwesungsprozess. Man hat in Studien herausgefunden, dass das Virus im Knochenmark noch circa ein Jahr nach dem Tod der Tiere aktiv sein kann. Deswegen ist es wichtig, alle toten Tiere aus dem Wald zu holen, auch wenn das keine schöne Arbeit ist. Andere Tiere interessieren sich sonst dafür, die schubsen die Kadaver beiseite und stürzen sich auf die Maden, die sich darunter gebildet haben. Das klingt unappetitlich, ist aber für Schweine eine Delikatesse. Deshalb muss der Boden auch desinfiziert werden, wenn tote Tiere entfernt werden.

Der Bundes-Bauernverband fordert, dass die Wildschweinbestände um 70 Prozent reduziert werden. Ist das realistisch?

Die Forderung ist wenig realistisch. Es gibt zwar ein mathematisches Modell, wonach man den Bestand so stark reduzieren müsste, damit die Infektionskette abbricht. Das gilt aber erst nach Ausbruch der Schweinepest in einem bestimmten Gebiet. Vorher zu versuchen, so viele Wildschweine bundesweit zu erlegen, ist kaum möglich. Wir wissen nicht genau, wie viele Tiere es gibt. Durch die Energiewende wird viel Mais und Raps angepflanzt. Die Futtergrundlage ist hervorragend, die Winter sind recht mild. Damit steigt die Schwarzwildpopulation. Es wäre schon ein Erfolg, wenn man den Bestand auf gleichem Niveau stabilisieren könnte.

Und wenn man ein klar definiertes Gebiet hat, in dem die Krankheit ausgebrochen ist?

Dann müssen wir es hinbekommen. Es wird ein Prämiensystem geben, um die Jäger zu mobilisieren. Momentan erhalten die Jäger eine Fallwildprämie von 30 Euro. Wenn sie tote Tiere finden, sollen sie eine Probe mit dem Tupfer entnehmen. Im Landeslabor wird dann untersucht, ob das Tier den Erreger in sich trägt. Je früher infizierte Tiere gefunden werden, desto eher kann man die Ausbreitung eindämmen.

Wie gefährlich ist das Virus für den Menschen oder für Haustiere?

Der Erreger betrifft ausschließlich Wild- und Hausschweine. Für Menschen besteht keine Gefahr. Auf Hunde oder andere Tiere wird er nicht übertragen.

Wird man sich darauf einstellen müssen, dass uns die Schweinepest lange erhalten bleibt?

Die Krankheit wird die betroffen Länder über Jahre begleiten. Wenn es uns nicht gelingt, sie nach einem Ausbruch schnell zu tilgen, wird sie wohl auf Jahre bleiben.

Welche Folgen hätte das für die Landwirtschaft?

Für Schweinehalter wäre es eine Katastrophe. In Estland ist die Produktion eingebrochen. Von 900 Betrieben sind 140 übrig geblieben, Privathaltung gibt es nicht mehr. Deutschland ist wichtiger Schweinefleischexporteur. 2016 wurden drei Millionen Tonnen exportiert. nterview: Torsten Gellner

Von Torsten Gellner

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