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Lebensgefährliche Odyssee eines Jungen

Behandlungsqualität in Berlin-Brandenburg Lebensgefährliche Odyssee eines Jungen

Dass die Schere nach einer Operation im Bauch eingenäht wird, ist nicht immer ein schaler Witz. Fehler passieren auch Ärzten – doch die Kontrolleure schlafen nicht. So wurde beispielsweise ein Fall bekannt, bei dem ein kleiner Junge eine Batterie verschluckte. Doch statt höchster Alarmbereitschaft vergingen Stunden – samt großer Schwierigkeiten.

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Die meisten nachgewiesenen Ärztefehler passieren bei Operationen.

Quelle: dpa

Potsdam. Mangelnde Kommunikation, Fehldiagnosen oder Missgeschicke im OP: 614 Patienten haben in Berlin und Brandenburg im vergangenen Jahr nachweislich unter Ärztefehlern gelitten. Das geht aus den Gutachten hervor, die der Medizinische Dienst der Krankenversicherung (MDK) 2015 für die Region verfasst hat. Danach warfen 1682 Patienten Ärzten Behandlungsfehler vor. In gut einem Drittel der Fälle (36,5 Prozent) habe sich dieser Verdacht bestätigt, teilte der Medizinische Dienst am Donnerstag mit.

Junge verschluckt Knopfzelle – Probleme mit Röntgenbild

Typisch für solche Fehler war der Fall eines kleinen Jungen, der früh am Morgen eine Mini-Batterie verschluckte. In einer Klinik orteten Röntgenärzte die Knopfzelle in der Nähe des Magens. Da es im Haus keine Kinderchirurgie gab, baten Ärzte die Eltern, in ein rund 30 Kilometer entferntes Krankenhaus zu fahren – mitten im Berufsverkehr. Wegen eines technischen Defekts konnte das Röntgenbild nicht nachgeschickt werden.

In der nächsten Klinik bat die Mutter um eine Ultraschall-Untersuchung, um das Kleinkind nicht noch einmal der Röntgenstrahlung auszusetzen. Die Bilder ergaben keinen Nachweis der Batterie in Magen und Dünndarm. Erst eine zweite Röntgenaufnahme zeigte die Knopfzelle schließlich in der unteren Speiseröhre. Erst rund acht Stunden nach dem Verschlucken entfernten Ärzte die Batterie schließlich mit Hilfe eines Kinderendoskops.

Kind hätte nach vier Stunden behandelt sein müssen

„Das ist eine fast unglaubliche Kettenreaktion, die kaum ein Arzt so für möglich hält“, sagte Schmuck. Das Risiko für den kleinen Patienten sei dabei nicht klein gewesen: Ein großer Fremdkörper in der Speiseröhre kann Ersticken, Herzstillstand oder Gewebezerstörung durch Verätzungen auslösen. „Das sollte in maximal vier Stunden behandelt sein“, sagte Schmuck. Die Klinik hätte den Jungen deshalb mit einem Notarztwagen ins nächste Krankenhaus schicken müssen. „Und ein Handyfoto des ersten Röntgenbildes wäre besser gewesen als gar keines.“

Hier passieren die meisten Fehler

Die meisten nachgewiesenen Fehler passierten nach der MDK-Bilanz bei Operationen, vor allem in der Unfallchirurgie und der Orthopädie (171), aber auch in der Chirurgie (134). Deutlich weniger waren es zum Beispiel in der Pflege (62) und bei Zahnärzten (60). MDK-Geschäftsführer Axel Meeßen sieht unter dem Strich weniger ärztliche Missgeschicke im Vordergrund, sondern vor allem Fehler bei der Organisation der Behandlungen – zum Beispiel Kettenreaktionen wie bei dem Kleinkind.

Um aus Fehlern zu lernen, diskutiert der MDK die Fälle mit Kliniken und Ärzten. Er bietet auch regelmäßig Schulungen an. Die Fehlerquote liege seit dem Start der Bilanzen vor drei Jahren auf einem ähnlichen Niveau, sagt Experte Schmuck. 2013 waren es rund 630 und 2014 rund 669 nachgewiesene Fehler.

Medizinischer Dienst wird nur bei Anzeige tätig

Der MDK wird allerdings nur tätig, wenn sich ein Patient bei seiner Kasse beschwert – und diese die Akte zur Überprüfung weitergibt. Für möglichen Schadenersatz muss sich in der Regel der Patient mit der Haftpflichtversicherung der Klinik oder des Arztes auseinandersetzen. Solche Verfahren können Jahre dauern.

Doch bundesweit melden sich immer mehr Patienten wegen eines Verdachts auf Behandlungsfehler bei ihrer Krankenkasse. So gingen die Medizinischen Dienste der Kassen im vergangenen Jahr bundesweit 14 828 Beschwerden nach. In fast jedem vierten Fall, 4064 Mal, bestätigten die Gutachter den Verdacht der Patienten, wie aus der MDK-Jahresstatistik hervorgeht. Im Vorjahr waren es 165 Verdachtsfälle und 268 Bestätigungen weniger.

Von Ulrike von Leszczynski

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