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Lesen im märkischen Sand

Archälogen graben nach der Vorgeschichte Brandenburgs Lesen im märkischen Sand

In der nördlichen Prignitz liegt eines der größten archäologischen Grabungsgebiete Brandenburgs. Dort, wo demnächst die A14 gebaut wird, bergen Archäologen Relikte aus der märkischen Vorgeschichte. Ein Wettlauf mit der Zeit, denn bald rollen die Bagger an.

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Archäologin Dorit Henseler bei der Arbeit.

Quelle: Claudia Bihler

Groß Warnow. Fünf Pullis und einen gelben Friesennerz trägt Dorit Henseler an diesem nebligen Morgen übereinander: „Im Sommer war es hier wesentlich angenehmer“, sagt sie, und zeichnet dann doch mit feinen Strichen und Farbabstufungen weiter. Die Fundstelle, die sie skizziert, war vermutlich eine Vorratsgrube – eine von Hunderten, die die Archäologen beim Bau der A14 ganz oben in der Prignitz freigelegt haben.

Die Autobahnbaustelle ist – abgesehen von den Lausitzer Braunkohletagebauen – das größte archäologische Grabungsgebiet in Brandenburg. Allein die besonders ergiebige Grabung bei Groß Warnow kurz vor der Grenze nach Mecklenburg-Vorpommern umfasst vier Hektar und ist dabei nur eine von insgesamt knapp 20. Entlang der Bundesstraße 5 arbeitet derzeit ein Team von sechzig Archäologen, Zeichnern und Helfern, das Fundstück um Fundstück aus der brandenburgischen Geschichte zu Tage fördert. Und sie müssen sich langsam beeilen. Denn am vergangenen Montag war bei Karstädt der erste Spatenstich und damit Baubeginn für den Brandenburger Teil der neuen Autobahn von Magdeburg nach Schwerin.

Die Fundorte werden nicht nur mit Fotos, sondern auch mit exakten Zeichnungen dokumentiert.

Quelle: Claudia Bihler

Für Sabine Eickhoff, zuständige Referatsleiterin beim Landesamt für Denkmalpflege haben die Fundorte eine besondere Faszination: „Wir haben hier Geschichte von der Jungsteinzeit bis zu den Slawen auf engstem Raum und können alltägliches Leben nachvollziehen“, sagt sie. Die 4000 Jahre Siedlungsgeschichte, die in 30 bis 50 Zentimetern Tiefe und damit knapp unter der Pflugkante zu finden sind, sind so auch von ihrer zeitlichen Ausdehnung ein kleiner Rekord. Zumal die menschlichen Spuren noch weiter zurückreichen, bis etwa 10.000 Jahre vor Christi Geburt.

Eine sanfte Anhöhe, nach Süden zur Sonne gerichtet. Ein kleiner Bach, heute längst in Röhren unter die Erde verbannt, mäanderte durch die Wiesen, den Wald bei Groß Warnow. Mittelsteinzeitliche Familien zogen als Jäger und Sammler durch das Gebiet, lebten in einfachen Flechthütten, besaßen aber schon sehr filigrane Steinäxte, Mikroklingen und Pfeilspitzen, die ihnen die Jagd und die Arbeit erleichterten und die heute bei der Grabung gefunden wurden. Wie weit die Menschen damals im jahreszeitlichen Verlauf wanderten, ist eine bisher unbeantwortete Frage der Frühgeschichte. Sicher ist, dass sie in der Prignitz fischten und jagten.

Sensationelle Funde im Süden Brandenburgs

  • Urmenschen haben auf Brandenburger Gebiet schon viel früher gelebt als bisher bekannt. Das belegen neueste Funde im Vorfeld des Lausitzer Tagebaus Jänschwalde im Süden Brandenburgs.
  • Es wurden Knochen verschiedener Großsäuger sowie erste Werkzeuge aus Feuerstein gefunden. Sie sind nach Angaben der Archäologen die mit 130.000 Jahren ältesten Belege für die Tätigkeit des Urmenschen auf dem Gebiet des Landes Brandenburg. Die bisher ältesten Fundstücke zum Lebensumfeld des Neandertalers in der Mark sind nur 50.000 Jahre alt.
  • Der Fundplatz liegt in 15 Metern Tiefe. Die Experten ordnen diese Erdschichten dem Ende der sogenannten Saale-Kaltzeit zu, die vor 300.000 Jahren begann und etwa vor 130.000 Jahren endete.
  • Die Ausgrabungen erlauben Erkenntnisse über den Neandertaler, der ein Verwandter des heutigen Menschen war und vor rund 30.000 Jahren ausstarb.
  • An den Grabungen waren Mitarbeiter des Brandenburgischen Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologischen Landesmuseums gemeinsam mit Forschern der Freien Universität Berlin sowie Beschäftigten von Vattenfall, der den Tagebau betreibt, beteiligt.
  • Bereits 1903 war am Rande des Tagebaus Jänschwalde das erste Mammutskelett in Deutschland ausgegraben worden. Dies und die jüngsten Funde sollen in der Archäologischen Landesmuseum in Brandenburg an der Havel ausgestellt werden.

Spektakulär sind die Funde aus der frühen Bronzezeit (etwa 2000 v. Chr.). Neben der Hügellage in Wassernähe mögen die Ackerbauern, deren Urnenbegräbnisstätte die Archäologen bei Groß Warnow gefunden haben, damals noch einen Vorteil gesehen haben: denn auch der Boden war sehr fruchtbar. Spuren von Getreide in den zahllosen Vorratskammern geben einen Hinweis darauf. Das fruchtbare Land mit seinen Wasserwegen von der früher noch schiffbaren Löcknitz über die Elbe bis hin zur Nordsee zog offenbar zahlreiche Siedler an. Bei Garlin, etwas weiter südlich, gab es „Ton von guter Qualität“, so eine Erklärung des Archäologen Eric Biermann: Bei seiner Grabung wurde nicht nur viel Keramik gefunden, sondern vor allem Reste der Brennöfen, die aus Lehm gebaut waren. Webgewichte, Spinnwirteln zeugen von der Herstellung von Tuchen und Garnen. Die pure Anzahl der Manufakturen lässt den Archäologen vermuten: „Das hier war eine Art frühes Industriegebiet.“

Antiker Fund: Krug aus der Rämerzeit.

Quelle: Karin Sommer/BLDAM

Im antiken Groß Warnow waren andere Handwerker während der römischen Eisenzeit am Werk. Sie verhütteten in einem Rennofen das verstreut liegende Raseneisenerz oder stellten in einer Teergrube Holzteer her. Der könnte eventuell sogar zum Dichten der Boote gedient haben, mit denen die Siedler ihre Waren mit anderen Regionen tauschten. Denn dass die Prignitzer Germanen im Kontakt mit anderen standen, belegt ein anderer Fund bei Garlin: Ein römischer Einhenkelkrug. Unklar ist nur, ob er bei Tauschgeschäften eingehandelt wurde oder ihn ein Germane aus römischem Sold mit an die Löcknitz brachte.

Die Grabungen auf der künftigen A14 haben mehrere Tausend Funde zutage befördert. Darunter sind Brunnen, schmuckvolle Fibeln, Keramiken, eine Glasperle, die offenbar Handelsobjekt war. Der Grundriss eines Hofes mit drei Gebäuden, darunter wohl ein Speicher. Eine ganze Siedlung mit Gebäudegrundrissen. Bis in die Slawenzeit reichen die Spuren. Oberflächliche Funde wie ein sogenannter Hochrandpfennig gibt es auch aus dem 10. Jahrhundert.

Die Prignitz war in Vorzeiten eine wirtschaftlich prosperierende Region. Der Grund: Ihre gute Wasseranbindung. Was ist passiert, dass Brandenburgs Norden heute eher arm ist? „Das ist eine Frage für Historiker“, sagt Sabine Eickhoff und interpretiert dann doch: „Früher ging es einer Gesellschaft gut, wenn es Bodenschätze gab. Das reicht heute für die ungemein gewachsene Gesellschaft nicht mehr aus.“

Zumindest für bessere Verkehrsanbindungen soll die A14 nun sorgen. Bis Ende November müssen die Archäologen abrücken. „Bis dahin müssen noch einige Flächen geöffnet werden“, sagt Bettina Petrick. „Und dokumentiert“, ergänzt Eric Biermann: „Denn Archäologie ist wie Lesen, bei dem die Seiten verbrennen. Einmal gelesen, sind sie weg.“

Von Claudia Bihler

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Neandertaler-Werkzeuge in Brandenburg sind 130.000 Jahre alt

Archäologen haben die mit rund 130.000 Jahren ältesten Belege für die Tätigkeit des Urmenschen auf dem Gebiet des Landes Brandenburg entdeckt. Im Vorfeld des Lausitzer Tagebaus Jänschwalde (Spree-Neiße) wurden erste Werkzeuge aus Feuerstein gefunden.

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